Als Landarzt auf den Lofoten

Ganz schon viel Land – und verdammt wenig Menschen. Harald Kamps verließ den Niederrhein, um in Norwegen als Landarzt zu arbeiten.
Ganz schon viel Land – und verdammt wenig Menschen. Harald Kamps verließ den Niederrhein, um in Norwegen als Landarzt zu arbeiten.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Seinen Assistenzarzt absolvierte Harald Kamps in Bedburg-Hau und Kleve. Dann zog es ihn fort – nach Norwegen. Was kann der Kreis Kleve daraus lernen?

Kleve..  In Kleve leben 493 Einwohner auf einem Quadratkilometer. Ganz schön voll. Wenn man es mit Bjugn vergleicht. Das kleine Örtchen in Norwegen zählt auf gleicher Fläche nur zwölf Einwohner. Doch auch dort gibt es für Allgemeinmediziner, die im Kreis Kleve dringend gesucht werden, viel zu tun. Bjugn liegt auf er Halbinsel Fosen in Mittelnorwegen. Und genau dorthin zog es einst den heutigen Allgemeinmediziner Harald Kamps. Die Frage ist, lässt sich daraus für heutige Medizinerengpässe im Kreis etwas lernen?

Norwegen kannte Kamps. Den letzten Abschnitt seiner Ausbildungszeit hatte der gebürtige Oberhausener von 1977-79 bereits dort absolviert. Doch er kam nach Deutschland zurück. In den Kreis Kleve. Arbeitete in der Psychiatrie der Bedburg-Hauer LVR-Klinik und am Klever St.-Antonius-Hospital. Aber die Region konnte ihn nicht halten. Er bewarb sich wieder weg. Wieder nach Norwegen, wo es ihn samt Familie 1982 so richtig aufs Land verschlug.

Für Kamps war nicht die Ländlichkeit Norwegens ausschlaggebend. „Eine Norwegerin zieht ihre Kinder nun mal am liebsten in Norwegen groß“, sagt Kamps über die Argumente seiner damaligen Frau – das ist die persönliche Note des Wegzugs des Mediziners. Wozu zwingend die Faktenlage gehört: „Die Gemeinde sorgte für eine passende Wohnung und garantierte einen Platz im Kindergarten für die damals zwei und drei Jahre alten Kinder“, erinnert sich Kamps. So etwas gab es in Deutschland nicht. Als Kamps 1980 bei der LVR-Klinik um einen Vaterurlaub bat, wurde der nicht gewährt. So etwas war einfach nicht vorgesehen, erzählt Kamps: „Dort musste ich meine Stelle kündigen.“

Um so leichter ging dann die erneute Kündigung von der Hand, als er mit seiner Familie von Kleve nach Bjugn ging.

Traumziel Lofoten

Das Verfahren war einfach. Man bewirbt sich auf die freien Stellen, die im Losverfahren vergeben wurden. „Wir waren damals ungefähr Nummer 490 von 500. In der Reihenfolge, wie man gezogen wurde, durfte man einen Standort auswählen.“ So landete die junge Familie auf den Lofoten. Eine Inselgruppe vor der Küste Norwegens, bestehend aus etwa 80 Inseln. „Das fühlte sich wie eine Zwangsverschickung an“, ist Kamps sofort präsent.

Mit der Familie in der Abgeschiedenheit, aber eben auch mit „arbeitnehmerfreundlichen Arbeitsbedingungen“ für Mediziner. „Es gibt klare Arbeitszeiten. Man weiß, wann man zu Hause sein wird. Und es war auch kein bürokratisches Problem, dass meine Frau und ich uns die Landarzt-Stelle geteilt haben“, sagt Kamps, „und die Kinderbetreuung gab es da bereits für Einjährige, problemlos.“

Nun hat Deutschland in der Kinderbetreuung aufgeholt. Für aktuell gesuchte Hausmediziner und niedergelassene Fachärzte kann der Kreis passable Betreuungsaussichten verkünden. Und doch gibt es Knackpunkte, die Kamps aus seiner Norwegenzeit fürs deutsche Ärztesystem sieht (was er in Fachmedien publiziert).

Es geht um die Organisationsform: lieber gemeinsam, mit mehreren eigenverantwortlich Arbeitenden, als solo und überlastet. Kamps selber leitet seit 2011 in Berlin sein eigenes Hausärztliches Zentrum und arbeitet so mit drei Ärzten zusammen.

In Norwegen war’s aber noch besser: „Der attraktive Unterschied zu Deutschland ist, dass alle Fachkräfte dort im Team arbeiten: in der Praxis die Ärzte und Krankenschwestern, um die Praxis herum eine professionelle Hauskrankenpflege und Physiotherapeuten, die ohne Verordnung oder Überweisung des Arztes tätig werden.“ Zudem sei die Entlohnung der Ärzte so, dass man nicht „im Hamsterrad laufen muss“, um ausreichend Fälle zu haben.

Norweger gingen „mit Unterstützung ihrer Ärzte“ und aufgrund der direkten Zusammenarbeit von Pflege bis Physiotherapie nur etwa vier Mal im Jahr zum Arzt. „Das riesige Angebot niedergelassener Ärzte veranlasst deutsche Bürger, 18 Mal im Jahr zum Arzt zu gehen“, stellt Kamps dem gegenüber. Und diese Häufigkeit gehe zu Lasten der Qualität. „In Norwegen dauert ein typisches Gespräch beim Hausarzt 15 bis 20 Minuten – in Deutschland acht Minuten“, rechnet er vor.

Was man vom Nachbarland lernt: „Die Arbeit im Team. Das wäre es, was die Arbeit in einer Allgemeinmedizinerpraxis für Jüngere – also den Nachwuchs – attraktiv machen kann“, ist sich Kamps sicher. Auch wenn seine Zeit im Kreis Kleve schon lange her ist, wagt er diese Ferndiagnose. Wobei klar ist, der Kreis alleine kann das System nicht ändern.