Alle tausend Tage ein Neustart im Soldatenleben
14.04.2010 | 18:07 Uhr 2010-04-14T18:07:00+0200
Kalkar. Soldaten aus 22 Nationen finden im „Multinational Family Service Center“ der Von-Seydlitz-Kaserne in Kalkar Hilfe für den Lebensabschnitt Deutschland. Ruth Ingram informiert die Hilfesuchenden.
Kalkar. Alle drei Jahre ein Neustart. Neue Kollegen und private Freunde finden, auch neue Wohnung, Ärzte, Schulen, den nächsten Supermarkt, die billigste Tankstelle und überhaupt: Wie herum fährt man hier in den Kreisverkehr? Wer sich auf Berufe in internationalen Abteilungen des Militärs einlässt, weiß, dass sein Leben im Tausend-Tage-Takt tickt, für ihn und seine Familie. Alle drei Jahre umziehen, mal nach Griechenland, Polen oder Frankreich, Großbritannien, Litauen oder eben Deutschland. Wissen breit verteilen, überall einsetzbar und ersetzbar sein – das steht als Gedanke der Nato dahinter.
Kalkar war die erste Kaserne, die vor sechs Jahren extra für die Neuankömmlinge ein „Multinational Family Service Center“ einrichtete. Multinational, denn schließlich arbeiten Menschen aus derzeit 22 Nationen hier auf dem Beginenberg, Amerikaner und Ungarn, Dänen und Portugiesen, Türken und Kanadier, Niederländer und Norweger.
Wenn sie nach Kalkar versetzt werden, wissen sie vom Niederrhein erst mal nichts. Im Büro von Ruth Ingram stecken weiße, gelbe und grüne Pins in der Regionalkarte, die Kalkar und Umgebung zeigt. Sie markieren, wo etwa in Kleve Häuser, in Goch Appartements oder in Kehrum möblierte Zimmer zu mieten sind. „Die Leute haben oft keine Vorstellung von der Gegend“, sagt Ruth Ingram. Da hilft die Karte sehr.
Hilfe in allen Lebenslagen
Nicht jeder bucht schon vorweg seine drei Jahre Zukunft per e-mail oder Telefon bei ihr. Manche Soldaten stehen auch auf einmal in der Tür und brauchen dann Adressen: zum Wohnen, oder von Kindergärten, Tagesmüttern, Spielgruppen, von Volkshochschulen, Zoos, vom Fußballverein oder für Klavierunterricht. „Und es macht Sinn zu wissen: In Kalkar gibt es keinen Bahnhof“, ergänzt Oberstleutnant Antje Krekeler-Jöris, Leiterin der Informationsarbeit.
Mit Termin kommt Major Gennaro Babarisi zu Ruth Ingram. Einen Kaffee bietet sie an und kümmert sich dann um sein Problem. Englisch ist die Sprache des Militärs auch in Privatangelegenheiten. Der Italiener zeigt ihr den Brief vom Automobilclub. Eineinhalb Jahre lebte er mit Frau und Kindern hier, nun beginnt für den Ältesten die Schulzeit, und die Familie kehrte nach Italien zurück.
Papa Bararisi bleibt noch eineinhalb Jahre am nasskalten Niederrhein und zog in eine kleinere Wohnung um. Nun geht’s beim Autoschutzbrief um die Aktualisierung der Daten. Ruth Ingram wird antworten.
Manche „Kunden“ sieht die Wahl-Gocherin (gebürtig aus Kevelaer) bloß einmal bei der Ankunft. Andere begleitet sie volle drei Jahre lang: bei Kfz-Zulassung, Gas-Wasser-Stromanmeldung, zur Krankenkasse. Ruth Ingram hat das Herumreisen selbst zehn Jahre lang mitgemacht: „Ich kann mich in die Köpfe ‘reinversetzen“, bekräftigt die Ehefrau eines Briten.
Die Frauen der Soldaten knüpfen darüberhinaus ihre eigenen Sozialbeziehungen bei regelmäßigen Frühstückstreffs oder Sprachkursen. Selbst wenn sie gute Nachbarschaft an ihren Wohnorten pflegen, Probleme des Nomadenlebens werden eben nur im Austausch mit anderen Betroffenen kleiner.
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