Zusammenschluss mit Herne als „gangbarer Kompromiss“

1970 informierte sich Dr. Eising (4.v.l.), Vorsitzender der nach ihm benannten Kommission des Landes, bei einem Gespräch im Wanne-Eickeler Rathaus über die damals selbstständige Kommune. Mit dabei: Oberbürgermeister Urbanski (3.v.l.) und Oberstadtdirektor Alfred Hufeld (5.vl.).
1970 informierte sich Dr. Eising (4.v.l.), Vorsitzender der nach ihm benannten Kommission des Landes, bei einem Gespräch im Wanne-Eickeler Rathaus über die damals selbstständige Kommune. Mit dabei: Oberbürgermeister Urbanski (3.v.l.) und Oberstadtdirektor Alfred Hufeld (5.vl.).
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
In Wanne-Eickel war die Bürgergemeinschaft das Sprachrohr der Neuordnungsgegner. Der Eingemeindung nach Bochum zogen sie die Ehe mit Herne vor.

Wanne-Eickel..  „Der Mond von Wanne-Eickel scheint jetzt über Herne“, titelte die Rheinische Post, „Ein Symbol verlor seinen Namen“ der Donau-Kurier, um nur zwei Pressereaktionen auf die am 1. Januar 1975 vollzogene Städteehe zwischen Wanne-Eickel und Herne zu zitieren. Das bundesweite Echo war damals groß, der Tenor stets der gleiche: Das Ruhrgebiet hat mit dem Namen Wanne-Eickel eines seiner „Originale“, einen seiner „Inbegriffe“ verloren.

Abwehr gegen Bochum einteWanne-Eickel und Herne

Ob das allgemeine Bedauern, sogar mal ganz ohne hämisch-süffisanten Unterton geäußert, die Wanne-Eickeler getröstet hat? Kaum. Viele bis heute nicht. Wanne-Eickel war eine der größten der kreisfreien Städte, die durch die kommunale Neuordnung in NRW 1975 ihre Selbstständigkeit und ihren Namen verloren. Sie teilte damit das Schicksal der Nachbarkommune Wattenscheid. Doch während Wattenscheid gegen seinen massiven Protest Bochum einverleibt wurde, blieb Wanne-Eickel dieses Schicksal erspart. Der Widerstand gegen die „feindliche Übernahme“ durch den großen Nachbarn im Süden war es, der Wanne-Eickel und Herne einte und schließlich, eher nolens als volens, vereinte.

BG schon 1968 gegründet

„Es war damals keine Eingemeindung von Wanne-Eickel nach Herne“, sagt auch Jürgen Seppmann, „aber viele Wanne-Eickeler haben es so empfunden. Und die Animositäten gibt es immer noch.“ Jürgen Seppmanns Vater Heinz war einer derjenigen, die für die Selbstständigkeit von Wanne-Eickel gekämpft haben. Am 19. Januar 1968 gehörte er zu den 16 Gründungsmitgliedern der Bürgergemeinschaft e.V. (BG), die Hermann Köker zu ihrem Vorsitzenden wählten. Die Gründung der BG hatte 1968 allerdings nichts mit der Gebietsreform zu tun. Sie entstand vielmehr aus Protest gegen die Gründung der Wasserversorgung Wanne-Eickel GmbH. Die Mitglieder der BG sahen darin eine Pöstchenversorgung für SPD-Leute und befürchteten Preiserhöhungen. Auf Anhieb zog die BG bei den Kommunalwahlen 1969 in Fraktionsstärke in den Rat der Stadt Wanne-Eickel ein.

Hatte sich der Protest in Herne gegen eine Eingemeindung nach Bochum aus einem überparteilichen Zusammenschluss engagierter Bürger entwickelt, kanalisierte er sich in Wanne-Eickel durch die im Rat vertretene BG, für die bis Ende 1971 die anstehende Neugliederung ein Thema unter anderen war. Im Juni 1972 beriet die BG erstmals über eigene Aktionen zur kommunalen Neugliederung und begann ihr Aktionsprogramm „Stop - Wanne-Eickel muss selbständig bleiben“ erst im August 1972 - da hatte die Herner Bürgerinitiative schon über 40 000 Unterschriften gesammelt. Begründet wurde der späte Start in Wanne mit den Sommerferien.

Autoaufkleber, Plakate, Briefeund Zeitungsbeilagen

Dann ging es allerdings los: Mit 10 000 Autoaufklebern, 400 Plakaten und 26 400 Beilagen in den Lokalzeitungen sollten die Wanne-Eickeler zur Beteiligung an der Unterschriftenaktion aktiviert werden. Hinzu kamen noch 2000 Schreiben an Firmen, Verbände und andere Organisationen. Jürgen Seppmann kann sich noch gut daran erinnern, wie er mit seinem Vater von Haustür zu Haustür ging und Informationsmaterial verteilte. „Die Politik machte bei uns vor der Familie nicht Halt“, erinnert er sich. Unterstützung für ihre Aktion bekam die BG auch vom damaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Heinz Westphal und dem SPD-Landtagsabgeordneten Helmut Hellwig. Innerhalb eines Monats kamen 7000 Unterschriften zusammen - die Aktion versandete in den folgenden Monaten.

Am 9. Januar 1973 forderte der Rat zwar einstimmig den Erhalt der Selbstständigkeit der Stadt Wanne-Eickel, am 18. August fand aber bereits die erste gemeinsame Sitzung der Räte der Städte Herne und Wanne-Eickel statt. Der Fraktionsvorsitzende der Bürgergemeinschaft, Dr. Köker, erklärte dabei: „Die Erhaltung der Selbständigkeit Wanne-Eickels wäre die beste Lösung, die Eingemeindung nach Bochum die schlechteste. Der Zusammenschluss der Städte Herne und Wanne-Eickel ist ein gangbarer Kompromiss.“

Anfang 1974 unterstützte die BG die von Klaus Steilmann in Wattenscheid ins Leben gerufene „Aktion Bürgerwille“; 22 146 Unterschriften werden in Wanne-Eickel für ein Volksbegehren gegen die Neuordnung gesammelt. Doch landesweit erhält die Aktion nicht die erforderliche Stimmenzahl. Es bleibt dabei: Wanne-Eickel verliert zum 1. Januar 1975 seine Selbstständigkeit und wird ein Teil von Herne.

„Herne 2“ war der Tiefpunkt

Die ungeliebte Ehe, vielfach nicht einmal als Vernunftehe denn als Zwangsheirat betrachtet, sie hatte keinen guten Start. „Es sind Fehler gemacht worden“, sagt auch Hernes Stadtarchivar, Jürgen Hagen. So hatte Herne nichts Eiligeres zu tun, als die Ortsschilder auszutauschen und den Namen Wanne-Eickel zu tilgen - was dann allerdings später bedingt wieder geändert wurde. Es sollte in den Folgejahren nicht die einzige Instinktlosigkeit bleiben, mit der die Wanne-Eickeler Seele malträtiert wurde - selbst wenn die Stadt Herne sie gar nicht zu verantworten hatte. Schlimmstes Beispiel: die Degradierung durch die Post zu Herne 2 (hat sich erst durch die fünfstelligen Postleitzahlen nach der Wiedervereinigung erledigt). Es folgten: Pläne der Bahn, den Wanne-Eickeler Hauptbahnhof herabzustufen (gescheitert); der Abzug von öffentlichen Einrichtungen: Finanzamt (gelungen), Amtsgericht (gescheitert). Und auch eine Zeitungsredaktion gibt es in Wanne-Eickel nicht mehr.

Auf das Konto der Stadt gehen dagegen die Schreiben an Wanne-Eickeler Bürger, doch mit der symbolischen Finanzierung von Pflastersteinen zur Aufhübschung des Herner Boulevards beizutragen - während sich die Wanner den Niedergang ihrer Fußgängerzone ansehen mussten. Und dann packte die Stadt auch noch an ein absolutes Tabu und warb auf Plakaten für die Cranger Kirmes mit dem Zusatz „in Herne“. Als i-Tüpfelchen kam durch das Land der Bau einer Klinik für den Maßregelvollzug in Wanne-Eickel dazu. Der stieß aber auch in Herne auf Widerstand.

„Die Krux dieser Stadt ist, dass sie kein gemeinsames Zentrum hat“, sagt Jürgen Seppmann. „Dort wo das Zentrum der Stadt liegt, ist ein Autobahnkreuz.“ So stellte sich bei vielen Wannern das Gefühl ein, dass zwar östlich der Autobahn, in Alt-Herne, investiert wurde, nicht aber westlich, in Wanne-Eickel. Das lässt sich so aber zumindest in den letzten Jahren nicht halten.

Wanne-Eickel - ein Name mit Kultcharakter

Wanne-Eickel: Der Name hat was. Dass da Musik drin ist, haben schon Friedel Hensch und die Cyprys Anfang der 1960er erkannt. Die Stadt gibt es seit 40 Jahren nicht mehr, aber sie ist präsent - viel mehr als Herne - auch wenn Wanne-Eickel bis heute oft herhalten muss als Synonym für Kleinbürgerliches, Provinzielles und das alte Ruhrgebiet. Aber: Wer würde schon zwischen New York und Singapur Herne auf Bettwäsche drucken, wenn es doch Wanne-Eickel gibt? Wer lässt schon in den Tagesthemen Kegelclubs aus Herne in Nepal um die Ecke spazieren, wenn es doch Wanne-Eickeler gibt? Welche renommierte schweizer Zeitung (die NZZ war’s) würde Herne ein Sonderheft widmen, wenn sich doch Wanne-Eickel anbietet? Und wer würde in Herne ein Ruhrgebiets-Volkstheater gründen, wenn es einen „Mondpalast von Wanne-Eickel“ geben kann? Wanne-Eickel, das ist eben Kult.