Wohnungsverein Herne wird 110 Jahre alt

An der Ecke Bochumer Straße/Otto-Hue-Straße war früher die Geschäftsstelle des Wohnungsvereins.
An der Ecke Bochumer Straße/Otto-Hue-Straße war früher die Geschäftsstelle des Wohnungsvereins.
Foto: Wohnungsverein
Was wir bereits wissen
Der Wohnungsverein Herne wird 110 Jahre alt. Bei der Gründung war die Genossenschaft Beamten vorbehalten. Heute sind 1400 Wohnungen im Bestand.

Herne..  Dreistellige Jahrestage oder Jubiläen sind in einer vergleichsweise jungen Stadt wie Herne nicht oft auf der Tagesordnung. Der Wohnungsverein Herne zählt zu dieser Kategorie. Am kommenden Freitag wird die Genossenschaft 110 Jahre alt. Entstanden aus zwei Annoncen, ist der Wohnungsverein heute nicht nur wegen der rund 1400 Wohnungen im Bestand eine feste Größe in der Herner Wohnungswirtschaft.

Als Gründer kann aus heutiger Sicht Johann Schröder betrachtet werden. Der Lokführer - damals mit dem Status eines Beamten - investierte 5,40 Mark in zwei Kontaktanzeigen. Schröders Ziel: Er wollte - vor dem Hintergrund der Wohnungsknappheit - eine Wohnungsbaugenossenschaft gründen. 32 Männer folgten seiner Einladung und gründeten den „Beamtenwohnungsverein zu Herne eGmbH“. Ziel war es, „Wohnungen zu errichten und zu angemessenen Preisen an die Mitglieder zu entlassen“. Ein Satzungsziel, das sich bis heute nicht geändert habe, so Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Abraham.

Ausgezeichneter Modellversuch

Jedes Mitglied musste 300 Goldmark als Anteil zahlen - für damalige Verhältnisse eine enorme Summe. Das erste Grundstück kaufte die Genossenschaft an der heutigen Altenhöfener Straße, dort entstanden 53 Wohnungen. Es folgten weitere Baumaßnahmen, Ende 1910 hatte der Beamtenwohnungsverein 166 Wohnungen in seinem Bestand. 1926 öffnete sich die Genossenschaft auch Mitgliedern, die keine Beamten waren.

Selbsthilfe - eine der drei Grundprinzipien der genossenschaftlichen Idee - stand beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg im Zentrum. Die Mitglieder packten selbst mit an, um die beschädigten Häuser wieder instand zu setzen.

Beim Blick auf die jüngere Vergangenheit fällt auf, dass der Wohnungsverein - der auch durch Fusionen mit anderen Genossenschaften wuchs - mit seinem Handeln immer auf der Höhe der Zeit war. Oder ihr sogar voraus. So nahm er bereits Ende der 80er-Jahre - als das Wort barrierefrei noch gar nicht erfunden war - die Probleme der älteren Mitglieder verstärkt in den Fokus. Inzwischen verfügt der Wohnungsverein über vier Seniorenwohnanlagen. 2010 wurde die Mehrgenerationenanlage an der Straße des Bohrhammers eingeweiht. Alle Bewohner gehören dem Verein „Wohnen in Gemeinschaft“ an. Er verwaltet selbst die Pflege der Anlage oder die Wohnungsvergabe. Der Modellversuch wurde 2012 vom Bundesbauministerium ausgezeichnet.

Mit „In der Helle“ und „Flottmannstraße“ stehen zwei neue Bauprojekte in der Startlöchern. Dort werden 20 behindertengerechte Wohnungen entstehen.

„Unsere Genossenschaft steht auf soliden Füßen“, so Abraham, der als Mitglied des Verbandsrats im „Verband der Wohnungswirtschaft Rheinland-Westfalen“ Gewicht über Herne hinaus hat. Diese Solidität spiegelt sich unter anderem in der Tatsache, dass die Leerstandsquote verschwindend gering ist.

Und der Wohnungsverein blickt über den eigenen Tellerrand hinaus. Als Mitglied der Woges-Initiative hat der Wohnungsverein Projekte in den vergangenen Jahren Kindergärten und Schulen finanziell unterstützt. Abraham: „Wir wollen etwas für die Gesellschaft tun.“

Wegmarken aus der Historie

110 Jahre bedeuten eine bewegte Geschichte. Mit erstaunlichen und skurrilen Wegmarken:


Im Jahr 1918 wird beim Wohnungsverein der bargeldlose Zahlungsverkehr eingeführt. Grund: Es herrscht Mangel an Kleingeld.


Um die Qualität der Wohnungen zu erhalten, verbietet der Vorstand 1924 die Haltung von Kaninchen und Tauben auf Balkonen und in Kellern.

Im selben Jahr beträgt die Bilanzsumme 388 Billionen Mark. Die Inflation machte es möglich.


Der Vorstand kann nicht mehr nur ehrenamtlich arbeiten. Franz Stockhausen ist 1954 das erste hauptamtliche Vorstandsmitglied.


1982 werden die ersten sechs Einfamilienhäuser für „kinderreiche Familien“ an der Vinckestraße an die Mitglieder des Wohnungsvereins übergeben.