Virtuose Geigerin und kultische Sängerin überzeugen in Herne

„Paganini" im Kulturzentrum, mit  der Geigerin Chouchane Siranossian und L’arte del mondo.
„Paganini" im Kulturzentrum, mit der Geigerin Chouchane Siranossian und L’arte del mondo.
Foto: FUNKE Foto Services
„Paganini“ mit Chouchane Siranossian im Kulturzentrum und „Totenkult“ mit Caitríona O’Leary in Unser Fritz.

Herne..  Die Musik Niccolò Paganinis stand auf dem Programm der 40. Tage Alter Musik in Herne. Das zeigt bereits, wie sich der Begriff „Alte Musik“ gewandelt hat. War früher gemeinhin die Musik des Mittelalters und der Renaissance gemeint, verweist der Begriff nun allgemein auf die Praxis der historischen Aufführung von Musik, die weit über den Barock hinausgeht.

1817, also fast 70 Jahre nach Johann Sebastian Bach komponierte Paganini das Konzert für Violine und Orchester Nr. 1. Für das Werk nahm er seine selbst entwickelte, erweiterte Geigentechnik als Kompositionsgrundlage. Von der angekündigten Geigerin konnte man also höchste Virtuosität erwarten.

Gemeinsam mit dem Orchester „L’arte del mondo“ gelang der französischen Geigerin Chouchane Siranossian dieses natürlich souverän. Jedoch konnte sie mit ihrer Interpretation nicht auf Anhieb eine große Präsenz aufbauen - zumal im ersten Satz vor lauter Kunststücken der musikalische Zusammenhang auseinandergerissen wurde. Spätestens im Rondo des letzten Satzes stimmte das Verhältnis wieder, ihre gläsern klingenden Flageolette waren nur eines der vielen anspruchsvollen Effekte der Virtuosin auf der Geige. Das Herner Publikum spendete großen Applaus.

L’arte del mondo spielten unter der Leitung von Werner Ehrhardt in historischer Aufführungspraxis. Mit Mozarts „Jupitersinfonie“ (KV 551) zeigten sich die Vorzüge und leider auch Nachteile des authentischen Instrumentariums, wie häufige Differenzen in der Intonation zwischen den Streichern und Bläsern. Wunderschön wusste das Orchester, die Tonfärbungen Mozarts zu nuancieren, die ein „hell und dunkel“ suggerieren, besonders schön zu erleben im zweiten Satz. Auch wenn das tänzelnde Element Mozarts unter Ehrhardt etwas zu kurz kam, bleibt es natürlich ein Abend mit großartiger Musik im Kuz.

Kultisches zur späten Stunde

In das diesjährige Thema „Kult“ bezieht der künstlerische Leiter Richard Lorber auf dem Festival auch den Totenkult ein. In der Künstlerzeche Unser Fritz zur späten, fast nächtlichen Uhrzeit hatte das Konzert der irischen Sängerin Caitríona O’Leary mit dem Ensemble Dúlra tatsächlich etwas geheimnisvoll Kultisches an sich.

Schwarz gewandet erschien die Sängerin schreitenderweise auf der Bühne und sang eine irische Klage zunächst solo. Sehr eindrucksvoll phrasierte sie Gesänge mit typisch irischen Verzierungen. Mit unterschiedlichen Stimmfärbungen atmete diese Musik fast Übernatürliches. Streicher sorgten für warmes Timbre, irische „Knochen“ wurden geschlagen wie Kastagnetten und ein (keineswegs zu lauter!) Dudelsack verlieh der Musik eine folkloristische Intensität. Die künstlerisch besonders hohe Qualität des Ensembles beeindruckte in der Künstlerzeche. Entrückend gelangen etwa die elegischen Melodien des irischen Poeten Turlough O’Carolan (1670 – 1738), dessen deutsche Übersetzung das Publikum im Programmheft mitverfolgen konnte. Die Authentizität die das Wort „Kult“ braucht, verkörperte die Sängerin O’Leary großartig - wenn es auch streng genommen keine ist.