Stadt Herne gedachte der Opfer der Shoah

Das nach Farbanschlägen restaurierte Shoah-Mahnmal wurde zur Gedenkfeier enthüllt. Nach der gestrigen Veranstaltung verhüllte die Stadt die Erinnerungsstätte wieder. Über den künftigen Schutz entscheidet der Rat.
Das nach Farbanschlägen restaurierte Shoah-Mahnmal wurde zur Gedenkfeier enthüllt. Nach der gestrigen Veranstaltung verhüllte die Stadt die Erinnerungsstätte wieder. Über den künftigen Schutz entscheidet der Rat.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Stadt erinnerte am Montag im Kuz an die Shoah-Opfer und an die Befreiung von Auschwitz vor 70 Jahren. Eine Zeitzeugin war aus Israel angereist.

Herne..  Starke Worte und bewegende Momente prägten am Dienstag die Veranstaltung der Stadt zum Gedenken an die Opfer der Shoah und zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Und eine deutliche Botschaft von OB Horst Schiereck: Das 2014 mehrfach geschändete Shoah-Mahnmal soll auf dem Willi-Pohlmann-Platz bleiben.

Rund 200 Gäste waren der Einladung ins Kulturzentrum gefolgt. Darunter auch Esther Hocherman (84), die aus Israel mit ihrer Tochter Iris Matan sowie Verwandten aus England angereist war.

In jene Stadt, die sie im Februar 1939 als siebenjähriges Mädchen ohne Vater und Mutter fluchtartig verlassen musste. „Ich konnte nicht ahnen, dass ich meine Eltern niemals wiedersehen werde“, sagte sie.

Zu den Anschlägen aufs Herner Shoah-Mahnmal erklärte sie: „Zum Glück wurde keine Menschen angegriffen, sondern ein Gedenkstein geschändet.“ In Europa blase ein neuer Wind - ein nicht immer guter, so die gebürtige Hernerin.

Einem Gefühl der Fassungslosigkeit ob des Völkermordes verlieh Horst Schiereck Ausdruck. „Die Shoah bleibt verstörend.“

70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz zeichne sich das Ende der Zeitzeugenschaft ab, so der OB. Das habe Herne selbst erfahren müssen: Die im Spätsommer von der Stadt eingeladenen Herner Zeitzeugen Channa Birnfeld – die an der Gestaltung des Shoah-Mahnmals beteiligt war – und Leo Schnur seien im Herbst im Alter von 88 beziehungsweise 89 Jahren verstorben. „Wir stehen aber nicht vor dem Ende der Verantwortung“, sagte Schiereck.

An die Mordserie der NSU erinnerte er ebenso wie an die Attentate von Paris und „dumpfe Parolen von Pegida“. Er vertraue aber „den guten demokratischen Kräften“. Herne zeichne sich durch eine rege, kreative und junge Erinnerungs- und Gedenkarbeit gemeinsam mit den Schulen aus. Den Beweis traten im Kuz Schüler der 8e des Gymnasiums Wanne an. In beeindruckender Weise gaben sie von Nazis ermordeten Kindern und Jugendlichen aus Herne und Wanne-Eickel Namen und Stimme.

„Möge die Geschichte sich nicht wiederholen“, sagte Esther Hocherman, die ankündigte, dass dieser dritte Besuch in Herne ihr letzter sein werde. Sie hoffe, dass vor allem die jüngere Generation eine Welt ohne Hass, Neid und Zorn aufbaue: „Eine Welt, in der alle gleich sind und alle gleich behandelt werden.“

Und eine Welt, in der ein öffentliches Shoah-Mahnmal nicht geschützt werden muss. Zurzeit ist dies noch nötig: Im Anschluss an den zweiten Teil der Gedenkfeier (siehe Kasten) wurde die Erinnerungsstätte wieder verhüllt. Der Rat muss nun entscheiden, wie sie dauerhaft gesichert werden soll.

Musik, Gebete und ein Dankeschön

Für die musikalische Begleitung der Gedenkfeier im Kuz sorgte das Salontrio Cantabile - Martin Rübenstahl-Schmidt (Violine), Gerald Gatawis (Piano), Christian Ribbe (Posaune). Das Ensamble bot unter anderem Stücke wie „Shalom Alechem“ und „Rosinkes mit Mandalach“ dar. Die Moderation hatte der Historiker Ralf Piorr, der auch diesmal wesentlich zur Vorbereitung der Veranstaltung beigetragen hatte.

Nach der einstündigen Veranstaltung im Kuz ging es zum Shoah-Mahnmal vor dem Kuz, wo Gebete gesprochen wurden von Vorbeter Aaron Naor (jüdische Gemeinde), Superintendent Reiner Rimkus (Evangelischer Kirchenkreis) und Dechant Christian Gröne (Katholisches Dekanat Emschertal). Außerdem ergriff der Engländer Lester Christie, ein Verwandter von Esther Hocherman, das Wort und bedankte sich für die „bewegende Zeremonie“ im Kulturzentrum.

Der Oberbürgermeister erklärte am Mahnmal: „Dieses Mahnmal ist ein Symbol für uns. An diesem Stein erinnern wir an die Opfer der Shoah aus Herne und Wanne-Eickel. Wir nennen ihre Namen. Sie erzählen uns von ihrem Leben unter der Verfolgung. Ihre Geschichten offenbaren, wie geschehen konnte, was geschah.

Am Ende der Zeitzeugenschaft wird das Shoah-Mahnmal selbst zu einem „Zeitzeugen“. Deshalb gehört es an diesen Platz. Es stellt sich uns entgegen. Es steht im öffentlichen Raum und genau hier ist es notwendig. Mit unserem offenen Blick auf die Shoah verpflichten wir uns, die Würde eines jeden Menschen in unserer Stadt zu achten und zu schützen und gegenüber allen Anfechtungen wachsam zu bleiben.“ Eine Schweigeminute beschloss die Gedenkfeier der Stadt.

Auszüge aus der Rede des Oberbürgermeisters

Einige Auszüge aus der Rede des Oberbürgermeisters im Kuz:

Zum Thema Zeitzeugen: „70 Jahre Befreiung Auschwitz - auch das Nachrichtenmagazin ,Der Spiegel’ machte es diese Woche zu seinem Thema. Auf dem Titel sehen wir das Portrait eines älteren Menschens. Darunter steht: ,Die letzten Zeugen. 19 Auschwitz-Überlebende berichten’.

Damit müssen wir uns also auseinandersetzen: 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch Soldaten der Roten Armee endet die Zeit der Zeitzeugenschaft. Bald wird es keinen Menschen mehr geben, der das Vernichtungslager Auschwitz, diesen Ort des Schreckens, der symbolisch für die Shoah steht, erlebt hat und aus eigener Erfahrung davon berichten könnte.

Und dieses Berichten war doch mehr als nur ein Erzählen. Es bedeutete für die Überlebenden den Willen, Zeugnis abzulegen:

• Damit niemand es jemals mehr wagen möge, die Existenz der Vernichtungslager zu bestreiten.

• Damit niemand es jemals mehr wagen möge, zu leugnen, dass der Völkermordan den Juden – die Shoah – stattgefunden hat.“

Zur Shoah: „Wie die meisten von Ihnen habe auch ich die Bücher gelesen, die heute zum Kanon der Weltliteratur gehören, ich denke z. B. an die biographischen Erzählungen des Italieners Primo Levi oder des Ungarn Imre Kertész.

Nach dieser Lektüre, vor allem aber nach den persönlichen Berichten von Channa Birnfeld, Leo Schnur und Esther Hocherman, die ich im Jahr 2005 bei ihren Besuchen in Herne kennenlernen durfte, trage ich in mir ein Gefühl der Fassungslosigkeit und tiefen Verstörung.

Genau dieses, von vielen Menschen beschriebene Gefühl, für das es nach Auschwitz keine Worte mehr gibt, nach denen wir doch alle immer wieder ringen: Dieses Gefühl ist unsere Erkenntnis: Die Shoah bleibt verstörend!

Einen jeden Menschen, der sich mit dem grauenhaften nationalsozialistischen Unterfangen eines systematischen Völkermords auseinandersetzt, muss die Shoah verstören. Denn jedes einzelne menschliche Schicksal dieses Völkermordes erschüttertunser humanes und ethisches Empfinden zutiefst.“

Zur gemeinsamen Erinnerung und zum gemeinsamen Engagement: „Was ist nach diesem und allen weiteren Anschlägen und Morden aus der guten Hoffnung des (Zeitzeugen; die Redaktion) Leo Schnur und aus dem Vertrauen in die Demokratie und aus unserer Verantwortung geworden? Ich stelle fest, alles ist noch da. Andernfalls hätten wir uns wohl kaum zu dieser Veranstaltung versammelt.

Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, dass Sie sich mit Ihrem vielfältigen persönlichen Engagement in Schule, Kirche oder Religionsgemeinschaft oder in Ihrer politischen und sozialen Arbeit immer wieder neu zu unserer demokratischen Stadtgesellschaft bekennen.

Ich danke Ihnen, dass Sie gemeinsam mit mir heute unsere jüdischen Gäste begrüßen, dass wir gemeinsam an die Opfer der Shoah erinnern, dass wir gemeinsam Gewalt und Terror verurteilen. Wir setzen uns ein für ein friedliches Zusammenleben aller Religionen und Kulturen, aller Menschen in unserer Stadt.

70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz stehen wir vor dem Ende der Zeitzeugenschaft. Aber wir stehen damit nicht vor dem Ende der Verantwortung. Fassungslos blicken wir auf die Mordserie der NSU und deren skandalöse jahrelange Verschleppung. Fassungslos auf die Attentate von Paris. Und wir hören dumpfe Parolen von Pegida.

In einem irritierten Europa, das sich von islamistischen Terrorangriffen und einem zunehmenden Antisemitismus herausgefordert fühlt, ist Herne keine Insel. Das haben wir im vergangenen Jahr mit den Anschlägen auf das Shoah-Mahnmal sehr deutlich gespürt.

Und dennoch vertraue ich wie Leo Schnur den guten demokratischen Kräften. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir in Herne eine überaus rege, kreative und ganz junge Erinnerungs- und Gedenkarbeit gemeinsam mit den Herner Schulen geleistet haben und diese Arbeit auch weiterhin im Vermächtnis unserer jüdischen Mitbürger weiterführen werden.

Das 2005 begonnene Projekt „Nahtstellen, fühlbar hier“, mit der daraus hervorgehenden Errichtung des Shoah-Mahnmals ist ein besonderer Ausdruck dieser Erinnerungsarbeit. Das Gesamtprojekt wurde im vergangenen Jahr mit einem Sonderpreis für Erinnerungskultur der Stiftung „Lebendige Stadt“ ausgezeichnet.“

Zum Einsatz junger Menschen: „Die Hoffnung und das Vertrauen in ein demokratisches Deutschland spiegelt sich wohl am besten im Engagement der jungen Menschen in unserer Stadt wider. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler haben sich in den vergangenen 10 Jahren nicht nur im Unterricht, sondern auch in ihrer Freizeit und bei vielen Veranstaltungen und öffentlichen Aktionen für gegenseitige Toleranz ausgesprochen.

Sie haben gegen Gewalt, Rassismus und Antisemitismus protestiert. Sie haben dies auch im Gedenken an die Shoah-Opfer aus Herne und Wanne-Eickel getan und leisten damit eine vorbildliche demokratische Arbeit.

Liebe Frau Hocherman, liebe Gäste, ich bin sehr dankbar dafür, dass Sie eine solche Reise in einer für Sie sicherlich schwierigen Zeit auf sich genommen haben. Auch das ist für Herne eine wichtige Geste.

Und ich freue mich, dass unsere Gäste auch heute das Engagement von Schülerinnen und Schülern sehen können. Denn ein Beispiel ihrer Auseinandersetzung mit der Shoah bietet uns die Klasse 8 e des Gymnasiums Wanne.“