Schuldnerberatung stellt Zunahme der Einkommensarmut fest

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Die Schuldnerberatung Herne hat ihren Jahresbericht 2014 vorgestellt. Darin weist sie auf eine Zunahme der Einkommensarmut hin.

Herne..  Die Beschäftigtenzahlen in Deutschland bewegen sich auf Rekordniveau, der Exportmotor läuft auf vollen Touren, die Konjunktur ist robust. Doch alles dies spiegelt sich im Jahresbericht der Schuldnerberatung Herne gar nicht wider.

„Die Gesamtsituation hat sich leider verschlechtert“, sagte Geschäftsführerin Susanne Wolf bei der Vorstellung der Bilanz. Die Zahlen offenbaren, dass sich die Zahl der Gläubiger von 2008 bis 2014 in etwa verdoppelt hat. Von 3274 auf 7376. Die durchschnittliche Verschuldung pro Klient lag 2008 bei 32 129 Euro, im vergangenen Jahr waren 37 110. Die Gesamtverschuldung stieg von 13,78 Millionen Euro auf 20,70 Millionen Euro. Dass die Zahl der Gläubiger immer weiter steige, liege auch daran, dass für viele Dinge kleine Kredite aufgenommen werden müssen, seien es Strom, Haushaltsgeräte oder für Zahnersatz.

30- bis 50-Jährige stark betroffen

644 Betreuungen stehen bei der Schuldnerberatung für 2014 in der Statistik, davon 469 Insolvenzberatungen. In dieser Hinsicht ist die Beratung an der Grenze der Kapazität angelangt. Zum Vergleich: 1999 lag diese Zahl bei gerade mal 21, vor zehn Jahren waren es 237. Darüber hinaus gab es 1727 Kurz- und Rechtsberatungen, etwa 2400 Telefonberatungen sowie 5250 Telefonkontakte.

Am stärksten ist die Altersgruppe zwischen 30 und 50 Jahren betroffen, neben Herne-Mitte und Wanne-Nord ist nun Holsterhausen in den Fokus der Beratung gekommen. Wolf hat eine bedenkliche Entwicklung ausgemacht. Immer mehr junge Erwachsene - auch mit einer Ausbildung - haben die normalen Lebenshaltungskosten nicht mehr im Blick - und geraten demzufolge in Zahlungsrückstände. Etwa beim Strom. Im vergangenen Jahr waren laut Schuldnerberatung rund 1600 Haushalte von Stromsperren betroffen. Wolf fordert, dass eine realistische Anpassung der Transferleistungen (ALG II) an die Preisentwicklung vorgenommen wird, dies sei überfällig.

„Die Einkommensarmut nimmt zu“, erläuterte Wolf die Gesamtentwicklung. Viele Menschen seien nicht mehr in der Lage, von ihrer Arbeit - selbst bei mehreren Jobs - ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Folgen seien eine Zunahme von psychischen Problemen sowie die Flucht in die Sucht. In diesen Fällen sei die Entschuldung in der Betreuung sekundär. Auch Senioren bäten immer häufiger um Hilfe. In Köln gebe es Seniorenbegleiter, darüber müsse man auch in Herne nachdenken. Eine Konsequenz dieses Trends: Die Schuldnerberatung erhält in Zukunft Hilfe von vier ehrenamtlichen Helfern, die Menschen bei Behördengängen begleiten. Wolf wünscht sich, dass sich die Mitarbeiter in den öffentlichen Verwaltungen auf die teilweise schlechte Verfassung der Menschen einrichten.

Wolfs Ausblick ist wenig erfreulich: „Mit einer abnehmenden Zahl von Hilfesuchenden ist nicht zu rechnen.“

Aktionswoche unter dem Titel „Arm und überschuldet – trotz Arbeit“

Die Arbeitsgemeinschaft der Schuldnerberatung der Verbände wird vom 15. bis 19. Juni eine bundesweite Aktionswoche unter dem Titel „Arm und überschuldet – trotz Arbeit“ durchführen. Dabei soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass es Zunahme schlecht bezahlter Arbeit gibt; eine Kombination geringer Löhne, Arbeitsplatzunsicherheit und schlechte Arbeitsbedingungen; dass Niedriglöhne und atypische Jobs kein Sprungbrett in reguläre Arbeit oder das Beschäftigungschancen gering Qualifizierter unverändert schlecht sind.Die Schuldnerberatung Herne wird sich an der Aktionswoche beteiligen.