Reiner Stach ebnet in Herne neue Wege zum Verständnis Kafkas

Lesung und Werkstattgespräch mit Reiner Stach in der Alten Druckerei.
Lesung und Werkstattgespräch mit Reiner Stach in der Alten Druckerei.
Foto: Haenisch / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Autor und Literaturwissenschaftler sprach in der Alten Druckerei fesselnd über ein literarisches Genie.

Herne..  Selbstverständlich gibt es auch in Herne eine Kafka-Gemeinde - wie an jedem Ort, wo Literatur gelesen und geliebt wird. Die Freunde des Dichters erlebten in der Alten Druckerei zwei faszinierende Stunden mit dem Mann, der den Kafka-Forschern neue Maßstäbe gesetzt hat.

Reiner Stach hat 18 Jahre seines Lebens in die dreibändige Kafka-Biografie investiert, deren letzter Band vor einem halben Jahr im S. Fischer Verlag erschienen ist. Bei ihm fühlte sich der Literaturwissenschaftler und Lektor auch als Autor wohl. Diese Unterstützung war wichtig, denn das ehrgeizige und von der Kritik begeistert aufgenommene Mammutprojekt führte Stach an seine Grenzen.

Er ist ein guter Erzähler, spricht und schreibt fesselnd und mit intellektueller Wärme über Kafka. Leichthändig fächert Stach sein umfassendes Wissen auf über das Leben in Prag an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, wo der junge Autor seinen Platz in der Welt suchte und wohl nicht fand. Ein Fürsprecher und Vermittler dieser Art leistet viel für ein literarisches Genie, dessen Werk vielen Schülern zur Qual wurde.

Dünne Quellenlage

Stach hat genauer und umfassender recherchiert, als es bisher geschah. Diese Vorgehensweise war ebenso schwierig wie notwendig, als er im letzten Band Kindheit und Jugend untersuchte: Die Quellenlage war - im Gegensatz zu späteren Jahren - extrem dünn. Was hat den jungen Kafka beeinflusst? Stach zeichnet ein Bild von den gewalttätigen Auseinandersetzungen der tschechischen Bevölkerungsmehrheit und der deutschen Minderheit in Prag. Auch eine unterschwellige Judenfeindlichkeit wird Kafka gespürt haben. Das Klima war geprägt von technischen Umbrüchen, die tief in den Alltag der Menschen eingriffen, die sich an Elektrifizierung, Autos und Telefone gewöhnen mussten. „Neurasthenie war das Schlagwort der Epoche“, sagt Stach. Heute heißt es Burnout.

Kafka lebte nicht isoliert vor dem Hintergrund dieses Wandels, er war Akteur seiner Zeit - und ihr in manchem voraus. Wer den schwer zugänglichen Autor besser verstehen will, dem eröffnet die Biografie neue Wege - vielleicht auch durch die geplante Verfilmung. Spät am Abend entschuldigt sich der Biograf fürs „Verplaudern“. Aber Kafka hat es gut getan, und dem Publikum auch - Stach sei Dank.