Redner geht in Herne mit den neuen Medien ins Gericht

Mal witzig, mal nachdenklich untermauerte Prof. Manfred Spitzer beim 21. Herner Sparkassenforum seine Mission, die Menschheit  vor der Verdummung durch allgegenwärtige Bildschirme zu bewahren.
Mal witzig, mal nachdenklich untermauerte Prof. Manfred Spitzer beim 21. Herner Sparkassenforum seine Mission, die Menschheit vor der Verdummung durch allgegenwärtige Bildschirme zu bewahren.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Fernsehen - und nicht nur das - macht „dick, dumm und aggressiv“: Prof. Spitzer knöpfte sich beim Herner Sparkassenforum die digitale Welt vor.

Herne..  Als er klein war, da war die Welt noch in Ordnung. In den späten 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als er sich nach der Schule nicht vor die Playstation setzte, sondern aufs Fahrrad. Und er in der Stadtbibliothek zum Brockhaus griff statt zu Hause zum Smartphone, wenn er mit den Schularbeiten nicht klar kam. Die Rede ist von Oberbürgermeister Horst Schiereck, Jahrgang 1948, der am Donnerstagabend beim Herner Forum der Sparkasse von der „Gnade der frühen Geburt“ sprach, die seine Generation womöglich besitze. Denn aufgewachsen sei sie noch fast gänzlich ohne Bildschirme, dafür viel vor der Tür. Mit Blick auf das Jahr 2015 stellte der OB fest: „Wir könnten etwas weniger virtuelle Kost vertragen.“

Damit bot er dem Gastredner des Abends, Prof. Manfred Spitzer, Jahrgang 1958, im Kulturzentrum vor rund 700 Gästen eine Steilvorlage. Seine These bei der 21. Auflage des Forums, das die Sparkasse jährlich für geladene Gäste aus Wirtschaft, Politik, Verbänden und Vereinen, aber auch für ausgewählte Kunden anbietet, formulierte der Mediziner, Philosoph und Psychiater gleich selber: „Fernsehen macht dick, dumm und aggressiv.“ Übrigens nicht nur das Fernsehen, so Spitzer, der selbst gerne im Fernsehen auftritt, sondern auch Tablets, Smartphones, Facebook und Twitter, erfuhren die Zuhörer.

Mal witzig, mal nachdenklich

Grundlage seines gut anderthalbstündigen Vortrags bildete sein Bestseller „Digitale Demenz“, 2012 erschienen und eine Polemik, die vor den Gefahren durch die neuen Medien warnt. Spitzer, seit 1998 Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, nahm die Zuhörer im Kulturzentrum mit, war stets unterhaltsam, mal witzig, mal nachdenklich, untermauerte seine Mission, die Menschheit vor der Verdummung durch die allgegenwärtigen Bildschirme zu bewahren, durch eine nimmermüde, aber nie spröde Aneinanderreihung von Test-Ergebnissen, die der zweimalige Harvard-Gastprofessor auch gerne mal auf Englisch und professionellem US-Akzent an die Wand warf.

Schulprobleme durch Playstation

Wer zweisprachig aufwachse, stellte er beispielsweise klar, erkranke fünf Jahre später an Demenz. Das sei wissenschaftlich bewiesen. Ebenso, dass Smartphone-Nutzer ängstlicher und einsamer seien – „alles andere ist Werbung“. Ach ja: Facebook mache „mehr kaputte Beziehungen“. Und überhaupt Spielekonsolen: „Playstations machen schlechte Noten und Schulprobleme. Punkt.“

Weniger ist mehr – das gab Spitzer dem Sparkassen-Publikum mit auf den Weg ins Foyer, wo die Sparkasse ein Büfett und der Gastredner einen Büchertisch aufgebaut hatten.

Am Ende konnten alle zufrieden sein: Spitzer, der seine Mission weiter verbreiten konnte, die Zuschauer, die viel Beifall spendeten und nach den Häppchen reichlich Gesprächsstoff bei Bier, Rotwein oder Wasser hatten, und auch die Sparkasse, die einmal mehr ein erfolgreiches Forum veranstaltet hat.