RAG-Vorstand: „Der Bergbau war und wird sozialverträglich bleiben“

RAG-Vorstand Peter Schrimpf.
RAG-Vorstand Peter Schrimpf.
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Was wir bereits wissen
In wenigen Tagen rutscht die Zahl der Beschäftigten der RAG erstmals unter 10 000. Vorstand Peter Schrimpf erläutert, wie der Abbau organisiert wird.

Herne.. Der Ausstieg aus dem subventionierten Steinkohlebergbau in Deutschland zum Jahresende 2018 nimmt bei der Mitarbeiterzahl konkrete Formen an: In wenigen Tagen wird die Zahl der Beschäftigten bei RAG auf die Marke von unter 10 000 rutschen - erstmals seit Gründung der RAG. Peter Schrimpf, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der RAG, erläutert im Gespräch mit WAZ-Redakteur Tobias Bolsmann, wie das Unternehmen mit Sitz am Shamrockring den Personalabbau bewältigt.

Herr Schrimpf, das Ende des Steinkohlebergbaus ist fast schon in Sichtweite. Verlässt jetzt schon eine größere Anzahl an Mitarbeitern das Unternehmen?

Peter Schrimpf: Nein, das Problem haben wir nicht. Wir führen in Abständen von drei Jahren Befragungen bei Mitarbeitern und dazwischen auch immer bei unseren Führungskräften durch. Die Zufriedenheit der RAG-Beschäftigten liegt regelmäßig sehr hoch. Bis zu 90 Prozent geben an, stolz zu sein, bei der RAG zu arbeiten. Da fällt es selbstverständlich schwer, wegzugehen. Nein, von erhöhter Fluktuation können wir nicht sprechen.

Doch das Ende ist ja unvermeidlich. Wie wird es bis 2018 und darüber hinaus weitergehen?

Schrimpf: Einen Großteil der Sozialverträglichkeit regeln wir, indem Mitarbeiter von still gelegten Bergwerken auf noch aktive wechseln. Wie auch in den letzten Jahrzehnten schon. Das hört sich einfacher an als es ist, vor allem, wenn es nur noch drei Bergwerke gibt. Oftmals machen unsere Mitarbeiter einen ganz neuen Job an neuem Ort und müssen weit fahren. Sie wohnen schon lange nicht mehr - wie früher - auf der Seilscheibe. Wir haben zurzeit noch 750 Mitarbeiter, die bis zum Ende des Bergbaus nicht in den Vorruhestand gehen können. Davon können wir etwa 350 bei den Ewigkeitsarbeiten einsetzen, etwa der Wasserhaltung. Wir müssen also noch für 400 eine berufliche Zukunft finden. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass wir seit Inkrafttreten des Steinkohlefinanzierungsgesetzes im Jahr 2007 schon 2250 Mitarbeitern eine Perspektive außerhalb unseres Unternehmens vermittelt haben.

Wie ist dieser Prozess verlaufen?

Schrimpf: Wir haben eigene Stellenakquisiteure und Personalvermittler, die Stellen suchen und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ansprechen. Das hat gut geklappt. Wir haben viele Mitarbeiter im Mittelstand untergebracht, rund 500 haben bei Feuerwehren in ganz Nordrhein-Westfalen angefangen. Auch ArcelorMittal und Evonik haben Kumpel aufgenommen. Andere wurden umgeschult auf Lokführer. Wir haben viele zufriedene Stimmen.

Einige Kumpel sind aber offenbar unzufrieden und haben gegen die Versetzung in das sogenannte Mitarbeiter-Entwicklungscenter geklagt...

Schrimpf: Da stellt sich mir die Frage, was sie damit gewinnen wollen. Ab 2019 haben wir für diese Kollegen definitiv keine Arbeit mehr. Dann würden betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen. Stattdessen haben wir mit der IGBCE vor dem Hintergrund des Auslaufens des Steinkohlebergbaus einen Tarifvertrag geschlossen. Der beinhaltet nicht nur unter anderem einen Lohnschutz und einen Kündigungsschutz bei internen Verlegungen. Sondern regelt auch, dass wir den Kollegen, die nicht in den Vorruhestand gehen können, einen anderen Job besorgen. Werden Mitarbeiter an andere Firmen vermittelt, darf der Lohn beim ersten Angebot nicht unter 90 Prozent des jetzigen Nettos liegen, der Arbeitsplatz darf nicht weiter als 150 Kilometer entfernt sein.

Aber gut gemeint, heißt nicht, gut gemacht. Die Landesarbeitsgerichte haben sämtlich im Sinne der klagenden Bergleute entschieden.

Schrimpf: Mein Wunsch ist es, dass wir alle Mitarbeiter, die nicht in den Vorruhestand gehen können, bis Ende 2018 vermittelt haben. Dabei schaue ich jeden Tag in den Spiegel und frage mich, ob ich wirklich alles versucht habe. Der Bergbau war und wird sozialverträglich bleiben. Ich kenne niemanden, der den Personalabbau so anständig macht wie wir. Auch Richter und Experten bestätigen uns, dass es einmalig ist, was die RAG anbietet.

Anderes Thema: Vor dem Hintergrund des absehbaren Endes ist es erstaunlich, dass die RAG im September wieder mehr als 100 Auszubildende eingestellt hat…

Schrimpf: ...und wir hatten das Zehnfache an Bewerbungen.

Woran liegt das?

Schrimpf: Weil die jungen Menschen bei der RAG eine fantastische Ausbildung erhalten. Ob Mechatroniker, Elektroniker oder Industriemechaniker - sie werden nach Abschluss der Ausbildung keine Probleme haben, eine Stelle zu finden. Die RAG kann die Wünsche nach Facharbeitern gar nicht erfüllen. Seit 1969 hat die RAG insgesamt rund 100.000 junge Menschen ausgebildet. Wir haben dabei immer auch die sogenannte zweite Reihe berücksichtigt und Hauptschüler eingestellt. Wir sahen immer auch unsere Verantwortung als großer Ausbilder in den Bergbauregionen. Wir haben eine gute Mischung aus Fördern und Fordern. Und wir sind erfolgreich: Wenn die jungen Menschen erstmal in der Ausbildung sind, marschieren sie fast auch alle durch. Wir haben Bestehensquoten von über 95 Prozent.

Umzug nach Essen war keine Entscheidung gegen Herne

Mit Blick auf den beschlossenen Umzug der RAG-Zentrale nach Essen im Jahr 2017 erklärte Schrimpf, dass für die Entscheidung auch wesentlich gewesen sei, dass es kostengünstiger sei, selbst zu bauen als zu mieten. Schrimpf: „Es war eine Entscheidung für Essen und nicht gegen Herne.“

Außerdem werde der Standort Pluto auch nach 2018 - also nach dem Ende der Förderung - wichtig und sicher sein. So seien auf Pluto die Grubenwehr, die Wasserhaltung, der Altbergbau und Bergschadensbearbeitung, das Archiv sowie der Servicebereich Personal (Lohnbuchhaltung etc.) angesiedelt. Von der gesamten RAG-Belegschaft seien dann immerhin fast 40 Prozent an der Wilhelmstraße in Wanne untergebracht.