Neuregelung von Speisekarten bedeutet Mehrarbeit in Herne

Ein Blatt mit Hinweisen im Herner Restaurant „Haus Galland" über 14 allergene Zutaten und Stoffe in Lebensmitteln.
Ein Blatt mit Hinweisen im Herner Restaurant „Haus Galland" über 14 allergene Zutaten und Stoffe in Lebensmitteln.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Seit Dezember müssen Zusatzstoffe in Speisekarten angegeben werden. Herner Gastronome kritisieren die unklaren Vorschriften bei der Neuregelung.

Herne.. Ob mit Fußnoten, Zusatzzetteln oder Hinweisschildern: Gastronomen, Metzger und Bäcker müssen seit Dezember auf Allergie auslösende Zusatzstoffe in allen Speisen hinweisen, die nicht verpackt an den Kunden oder den Gast gehen. So jedenfalls will es die EU. Wie sind die Gastronomen nun mit dem neuen Gesetz, das am 13. Dezember 2014 in Kraft trat, umgegangen? Eine Nachfrage ergab: Auf große Begeisterung stößt die Regelung bei den meisten nicht.

„Wir sind gerade dabei, sowohl die Jahreskarte als auch die saisonale Karte zu überarbeiten“, sagt Wladimir Paster, Leiter der Palastkantine im Mondpalast. Ganz unkompliziert gestaltete sich die Umsetzung wohl nicht. „Wir mussten einen Grad finden zwischen Information, Transparenz und Ästhetik“, so der Gastronom. „Grafisch war das eine echte Herausforderung.“ So wird in den saisonalen Speisekarten künftig ein Zusatzblatt stecken, das über Allergene informiert. Bei der Jahreskarte wird es gleich zwei Ausführungen geben. Zum einen die „normale“ Version – zum anderen die Allergikerkarte. „Somit kann der Gast selbst entscheiden, welches Exemplar er in die Hand nehmen möchte.“ Verständnis für dieses Gesetz hat der Mann, der selbst Allergiker ist, aber dann doch.

"Vom Gesetzgeber fühle ich mich als Gastronom im Stich gelassen"

Allein ein Punkt nervt ihn: „Vom Gesetzgeber fühle ich mich als Gastronom im Stich gelassen, da es keine klaren Vorgaben für die Umsetzung gibt.“ Ebenso geht es Jörg Deutscher, stellvertretender Leiter des Parkrestaurants an der Schaeferstraße. „Wie sollen wir es machen?“, fragt Deutscher. „Die Kennzeichnungsverordnung kommt ja erst Ende März raus. So lange fischen wir im Trüben.“ In seinem Haus hat er sich für die Variante entschieden, einen Zettel mit allen 14 Allergenen zur Speisekarte zu reichen. „Wie soll die Umsetzung in Zukunft bei individuellen Veranstaltungen wie Hochzeiten oder Konfirmationen funktionieren?“, fragt er sich und trauert „alten Zeiten“ hinterher, in denen die „Gäste einfach mit uns geredet und gefragt haben, wenn sie Zweifel hatten.“

Kritik an Dickicht von Zahlen und Buchstaben

„Ein bisschen kompliziert ist das alles schon“, sagt auch Thomas Gockeln, Gastronom des Restaurants im Eickeler Park. Längst hat er eine neue Speisenkarte drucken lassen. Der Gast kann sich ab sofort durch ein Dickicht von Zahlen und Buchstaben schlagen. „Die Zahlen stehen für Zusatzstoffe, die Buchstaben für Allergene“, erklärt Servicekraft Monika Vidahl mit Blick auf die Karte und schmunzelt. Dabei, das betont der Chef, sei nicht unbedingt das Drucken der Karten das unliebsame Problem gewesen. „Vielmehr haben wir zwei Wochen in der Küche verbracht, um unsere Rezepturen noch einmal komplett auf alle Ingredienzen zu überprüfen.“

Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, welche Lebensmittel laut EU-Richtlinien kennzeichnungspflichtig sind. Dazu gehören: Eier, Erdnüsse, Fisch, glutenhaltiges Getreide, Krebstiere, Lupine, Milch, Senf, Sellerie, Sojabohnen, Sesam, Weichtiere, Schalenfrüchte, Schwefeloxid und Sulfite. „Wir werden die Gäste mit einem Zettel in allen Speisekarten auf die Allergene hinweisen und bei Bedarf steht unser Personal jederzeit für Fragen zur Verfügung“, so Markus Galland. Er bedauert: „Die Bürokratie, mit der wir uns als Gastronomen befassen müssen, wird immer größer.“

Europa-Abgeordnete Renate Sommer findet Kennzeichnung wichtig

Als Mutter stand sie selbst vor den Regalen, auf der Suche nach Informationen zu den Inhaltsstoffen. „Mittlerweile stehen alle Angaben glücklicherweise fett gedruckt auf den Babygläschen“, so Renate Sommer, Mutter einer längst erwachsenen Tochter. Da mag es kein Zufall sein, dass die studierte Agrarwissenschaftlerin und Europaabgeordnete im vergangenen Jahr die Kennzeichnungsplicht an Lebensmitteln durchboxte. Diese gilt für nicht verpackte Lebensmittel und fordert die Angabe für 14 Inhaltsstoffe: von Eiern über Sellerie bis hin zu Muscheln und Senf.

Seit Dezember vergangenen Jahres müssen Verbraucher auf Allergene hingewiesen werden: ganz gleich ob beim Bäcker, Metzger oder im Restaurant. „Immer mehr Menschen leiden an Allergien und Unverträglichkeiten“, so Renate Sommer. Nach Angaben des Allergie- und Asthmabundes sind in Deutschland bis zu sechs Millionen Menschen betroffen. Eine volle Lebensmittelkennzeichnung war somit für die CDU-Politikerin unverzichtbar. Die EU sah zu Beginn vor, dass jedes Frischeprodukt einzeln gekennzeichnet werden sollte. Somit hätte etwa der Konditor bei jeder Praline jede einzelne Zutat im Verkauf angeben müssen. „Das wäre doch nicht praktikabel gewesen,“ so Sommer – und fand eine andere Lösung.

„Die Gastwirte wissen ja gar nicht, welcher Kelch an ihnen vorübergegangen ist.“ Dabei bleibt es jedem EU-Mitgliedstaat überlassen, wie genau er die Kennzeichnung frischer Lebensmittel umsetzten möchte.