Mit Kreativität zu neuem Lebensmut

Foto: Foto: Ralph Bodemer / FUNKE Foto Services

Sie hat sich ein Bastelzimmer eingerichtet, ihr Reich. Auf der Arbeitsplatte liegen Klebstoff, eine Schere, Heftklammern und viele viele Zeitungsausschnitte, an den Wänden hängen Familienfotos. Hier steht Rita Jessel so gut wie jeden Tag und schneidet Löcher in die WAZ. Die Dame sammelt alles, was ihr kurios, witzig, skurril erscheint. Ein Foto von lauter nackten Männern im Westfalia-Stadion, es war der Tag des Nacktfußballspiels. Darüber das Bild einer alten Frau im Sportdress und die Überschrift „Weltweit älteste Marathonläuferin (92) bestens in Form“.

Eine Frau mit vielen Interessen

Rita Jessel ist der Liebling eines jeden Zeitungsreporters, denn sie sagt: „Ich liebe die WAZ! Es ist so schade, dass die meisten die Zeitung abends wegwerfen – es stehen so viele interessante Sachen drin.“ Die Frau von der Flottmannstraße ist künstlerisch begabt, Bilder, Karikaturen, Glossen und das, was in Redaktionen „bunte Geschichten“ genannt wird, sind ihre tägliche Inspiration für Collagen. Doch ihre Leidenschaft fürs gedruckte Wort hat einen ernsten Hintergrund.

Der Tod ihres geliebten Mannes Günther vor wenigen Jahren hat ihr schwer zu schaffen gemacht. „Er starb in meinen Armen. Ich habe ihn lange gepflegt, wir waren 58 Jahre verheiratet.“ Rita Jessel lenkte sich ab, auch durch die WAZ-Collagen. Sie hat es geschafft, ihren Lebensmut zu bewahren. Oft denkt sie an vergangene Zeiten. Zu ihrem 80. Geburtstag ist sie aus der Kirche ausgetreten. Sie sei sehr katholisch erzogen worden, aber all die Missbrauchsskandale hätten ihr Bild von der Kirche erschüttert. Auch an ihre Kindheit denkt sie häufig zurück, verarbeitet die schwere Zeit in Gedichten. Jessel wurde als Kind schlesischer Auswanderer in Holland geboren, lebte lange in Amsterdam. Dann kamen die Nazis, die Familie wurde auseinandergerissen. Ein Bruder fiel an der Front, ein anderer verlor in Afrika ein Bein. Schließlich kam Rita Jessel als junges Mädchen nach Deutschland. Seit Jahrzehnten wohnt sie in Herne-Süd, ihren holländischen Akzent hat sie sich abgewöhnt. „Aber mein Bruder, der spricht noch wie Rudi Carrell.“

Vielleicht wird Jessel auch diesen Text aus- und zerschneiden. Wobei: Am liebsten verwertet sie Fotos von witzigen Vierbeinern: „Ich mag Tiere so sehr.“