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Kriegserinnerungen

Mit dem Leben davon gekommen

10.02.2012 | 18:54 Uhr

Herne.   Der Herner Ernst Lingnau schildert seinen Weg in die Gefangenschaft.

Wochenlang geht es Richtung Osten, mal im Güterwagen, mal zu Fuß. Ernst Lingnau kommt in ein Gefangenenlager im Ural, gut 7000 Kilometer von der Heimat entfernt. „Wir hatten alle kahlgeschorene Köpfe“, sagt er.

Die Russen lassen die Deutschen auf dem nackten Boden schlafen. „Keine Matratze, kein Bett“, sagt Lingnau. Die ehemaligen Besatzer bauen sich selbst einen Verschlag, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Lingnau: „Ich konnte mir viereinhalb Jahre keine Zähne putzen, weil ich nichts mehr hatte.“

Die Eltern wissen Anfang 1946 noch nicht, ob ihr Sohn überhaupt noch lebt. Kamerad Jakob Demmeler hatte im Oktober 1945 in einem Brief an die Eltern geschrieben, dass Ernst und er gemeinsam gefangen genommen worden sind. Lingnau darf selbst zum ersten Mal im Mai 1946 eine Postkarte an seine Familie schreiben. „Es geht mir noch gut und hoffe dasselbe von euch. Wir wollen den lieben Gott bitten, daß es so bleibt und wir uns bald gesund wiedersehen.“

Viele Gefangene sterben. Der Kaufmann muss mal als Maurer schuften, mal im Wald. Er sei wohl robuster gewesen als einige andere. „Ich hab’s überlebt. Tausende haben es nicht überlebt. Ich hatte vielleicht eine andere Natur.“

Oft habe es nur Abfall zum Essen gegeben: „Das Schlimme war, dass man immer hungrig dabei war. Viereinhalb Jahre Hunger zu haben, das ist furchtbar.“

Die Rückkehr kommt dann 1949 ganz plötzlich. „Unsere Bewacher erzählten uns schon mal, dass wir bald nach Hause kommen. Wir haben nicht dran geglaubt.“

Im September 1949 nimmt Ernst Lingnau den Weg tausender Spätheimkehrer. „Unterwegs Ernst“, steht im Telegramm, das Lingnau am 30. September von Frankfurt/Oder an Vater August schickt. Lingnau kommt zunächst ins Auffanglager Friedland. Dann geht’s weiter nach Herne.

Beim Zwischenhalt des Zuges gibt’s Blumen. „Ich habe in Dortmund beim Umsteigen den Blumenstrauß vor Aufregung liegengelassen.“ Und dann verpasst ihn auch noch Bruder Gustel, der 1948 aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, beim Abholen. „Er war extra nach Dortmund gefahren, stand aber auf dem falschen Bahnsteig.“

Kinder aus der Nachbarschaft bringen ein Ständchen, als Ernst Lingnau den Eltern am 2. Oktober 1949 in die Arme fällt. Mutter Maria hat am nächsten Tag Geburtstag. „Es war für sie das schönste Geburtstagsgeschenk.“

Ernst Lingnau hat Zeitungsschlagzeilen neben das Foto von diesem Tag geklebt. „Hurra, ich lebe noch“, steht da. Auf einem anderen Ausriss steht: „Ich hatte sehr viel Glück.“ Und auch die Wörter, die Ernst Lingnau häufig wiederholt, sind Schwarz auf Weiß geschrieben: „Mit dem Leben davon gekommen.“

Arne Poll

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