Das aktuelle Wetter Herne 16°C
Unternehmen

Meister eines seltenen Handwerks

26.02.2013 | 08:00 Uhr
Hartmut Seidich (l.) bespricht mit Sohn Dustin (r.) und Schwiegersohn Jan Droste die nächsten Schritte bei der Fertigung eines Schafts.Foto: Ute Gabriel

Herne.   Hartmut Seidich ist einer der letzten Schäftemacher in Deutschland. Mit seinem siebenköpfigen Team ist er auf orthopädische Versorgungen spezialisiert.

Hartmut Seidich ist der letzte seiner Art. Nicht nur in Herne, sondern auch deutlich darüber hinaus. Das hat seinen Grund: Der 49-Jährige übt eins der unbekanntesten und immer selteneren Handwerke überhaupt aus: Hartmut Seidich ist Schäftemacher.

Bei diesem Begriff beginnt schon der Erklärungsbedarf. Der Schaft bildet den - sichtbaren - Oberteil eines Schuhs. Allerdings fertigt Seidich seine Schuhschäfte fernab aller Massenware, mit seinem siebenköpfigen Team ist er auf schwere orthopädische Versorgungen spezialisiert, was erklärt, dass Seidich nur noch 49 aktive Mitbewerber in Deutschland kennt.

Orthopädische Versorgungen - das können versteifte Gelenke sein sowie Amputationen, Lähmungen oder Gefäßkrankheiten, die zu schweren Missbildungen der Füße führen können.

„Wir bekommen nur ganz schwierige Fälle und machen nur Einzelanfertigungen“, erläutert Seidich das Handwerk - bei dem es nicht auf Zentimeter, sondern auf Millimeter ankommt. Den Begriff Handwerk kann man übrigens sehr wörtlich nehmen. Die einzigen Maschinen, die zum Einsatz kommen, sind Nähmaschinen.

„Ein Fuß ist ja eine sehr komplexe dreidimensionale Form, besonders, wenn sie außerhalb der Norm liegt“, erläutert Seidich die Herausforderung. Der Schäftemacher erhält vom Orthopädieschuhmacher den Leisten, eine dreidimensionale Kopie des Fußes. Daraus entsteht das Schnittmuster für den Schaft, Seidich muss quasi von 3D zurück denken auf 1D. Dabei muss er Komponenten wie Polsterung oder Einbauelemente berücksichtigen.

Schäfte aus Herne

Das ist ein hoch sensibler Arbeitsschritt: „Das Schnittmuster ist das Fundament. Wenn es nur den geringsten Fehler aufweist, passt am Ende der ganze Schuh nicht.“ Gleiches gilt für das Nähen des Leders: „Ein Schneider kann einen Saum auftrennen, eine Naht versetzen, bei Leder ist das unmöglich. Nadelstiche schließen sich nicht mehr.“

Neben der Passform muss Seidich weitere Rahmendaten berücksichtigen: das Gewicht der Person oder die Art der Nutzung. Ein Schuh, der nur im Heim getragen wird, muss andere Eigenschaften haben als einer, der täglich für längere Wege genutzt wird.

Maßschuhe für finanzstarke Kunden

Diabetiker benötigen zum Beispiel ein weiches Leder, Patienten mit Lähmungen eher eine etwas festere Sorte. Aber für alle Fälle gibt es das passende im eigenen, gut sortierten Lederlager.

Und am Ende soll auch die Optik stimmen. „Krankheit schließt Mode nicht aus, wir setzen die Wünsche der Kunden um“, betont Seidich. In den vergangenen Jahren habe es in dieser Hinsicht eine starke Entwicklung gegeben.

Apropos Kundenwünsche: 90 Prozent aller Arbeiten sind für den orthopädischen Bereich, die übrigen zehn Prozent der Schäfte sind für eine finanzkräftige Kundschaft, die sich - ohne medizinische Notwendigkeit - hochwertige Maßschuhe leistet. Seidich: „Der Anteil mag klein sein, doch er ist wichtig für uns, weil wir dabei Leder und Techniken einsetzen können, die es in der Orthopädie nicht gibt.“ Die Schäfte aus Wanne-Eickel gehen auch auf den Weg nach Dubai oder selbst nach Hollywood, doch Namen nennt Seidich nicht. Er erledigt die Arbeit mit der gebotenen Diskretion, in dieser Hinsicht könne man ihn als „Ghostwriter“ bezeichnen.

Tobias Bolsmann

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
WAZ öffnet Pforten
Bildgalerie
Busunternehmen Graf
WAZ-Tour durch Herne
Bildgalerie
Fotostrecke
Holthauser Schützenkönigin
Bildgalerie
Herne
Karla Telkemeiers Landhausgarten
Bildgalerie
Gärten in Herne
article
7658793
Meister eines seltenen Handwerks
Meister eines seltenen Handwerks
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-herne-und-wanne-eickel/meister-eines-seltenen-handwerks-id7658793.html
2013-02-26 08:00
Nachrichten aus Herne und Wanne-Eickel