„Man vergisst die Siedlung nie“

Stadtsprecher Horst Martens antwortet am Donnerstag, 05.02.2015, in Herne auf Fragen der WAZ. Horst Martens stellte seinen Roman "Ruben" vor. Foto: Rainer Raffalski / FUNKE Foto Services
Stadtsprecher Horst Martens antwortet am Donnerstag, 05.02.2015, in Herne auf Fragen der WAZ. Horst Martens stellte seinen Roman "Ruben" vor. Foto: Rainer Raffalski / FUNKE Foto Services
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Horst Martens ist in Herne bekannt als Pressesprecher der Stadt und als Journalist für das Stadtmagazin „inherne“. Mit Ute Eickenbusch sprach er über seinen ersten Roman „Ruben“ und seine eigene Herkunft.

Herr Martens, warum spielt Ihr erster Roman nicht im Rathaus, sondern in einer Mennoniten-Siedlung in Paraguay?

Horst Martens: Einen Roman, der im Rathaus spielt, werde ich wahrscheinlich erst schreiben, wenn ich in Rente bin (lacht). Ich denke, man schreibt über etwas, was weiter zurück liegt, über das man lange nachgedacht hat und das wichtig war im Leben und das trotzdem immer noch aktuell ist.

Ist „Ruben“ ein Projekt, das Sie lange mit sich herumgetragen haben?

Ich befasse mich schon sechs Jahre damit. Ich habe mit einer Szene angefangen, die blieb lange in der Schublade. Dann wurde der Roman immer umfangreicher, so dass ich wieder die Hälfte rausgekürzt habe. Also, ich habe sehr viel daran gearbeitet, bis es endlich so weit war.

Sind Sie Ruben oder stecken Sie in einer anderen Figur?

Ich stecke wahrscheinlich in vielen Figuren. Mit Ruben verbindet mich am meisten. Vielleicht könnte man sagen: Ich wäre gerne Ruben, aber er hat auch ein paar miese Seiten, die ich nicht habe. Ich habe ein relativ sittsames Leben geführt, das kann man über Ruben nicht sagen.

Aber Ihr biografischer Hintergrund ist schon ähnlich?

Der historische Kontext stimmt. Das bezieht sich auf Leben in der Siedlung Neuland, das Leben am Urwaldfluss auf dieser Viehfarm und die Zeit, als Ruben in der Hauptstadt lebt und Diener des Diktators wird. Und das trifft auf den zweiten Teil zu, wo Ruben in Berlin im Koma die Geschichte seines Volkes erlebt, auch das ist historisch korrekt dargestellt.

Ist das ein Stoff, der Ihre Generation beschäftigt?

Ja, manche fühlen sich in der Siedlung nicht gut aufgehoben, weil sie liberaler denken, dann entfernen sie sich und landen häufig in Deutschland, weil sie zumeist einen deutschen Pass haben. Sie haben aber immer das Gefühl, dass sie zurückkehren müssen, denn die emotionale Bindung bleibt bestehen. Man vergisst die Siedlung nie. Für manche ist es das Paradies, für mich eine Zeit lang nicht. Ich hatte mich ganz abgewendet und auch meinen Glauben abgelegt und mich immer mehr wie Ruben aus dieser Gesellschaft entfernt. Irgendwann war dieser Prozess aber rückläufig. Heute sehe ich auch die guten Seiten und verteidige sie gegen Außenstehende, aber ich vergesse auch nicht die problematischen Seiten.

In Ihrem Roman trinken die Figuren Mate und sprechen „Plautdietsch“. Wie viel Paraguay haben Sie mitgenommen nach Deutschland?

Meine Frau Susanna und ich sprechen zu Hause Plautdietsch miteinander. Wir haben uns aber entschieden, mit den Kindern Hochdeutsch zu sprechen, weil wir wollten, dass sie ganz dazu gehörten. Im Chaco war man ein Gringo und hier in Deutschland wurde man durch seinen Akzent als Fremder angesehen. Mate trinken wir auch, ich weniger als Susanna. Das gehört für sie zum Tagesablauf.

Also spüren Sie Ihre Wurzeln noch?

Ich beschäftige mich häufig damit, lese Zeitschriften aus Paraguay und rege mich auf. Und wir fahren regelmäßig zu Besuch dorthin. Unsere Geschwister leben noch da und wir haben bestimmt 100 Verwandte dort. Ich habe beides. Aber ich fühle mich in Deutschland gut und werde wohl nicht für immer zurück gehen.

Was macht diese fremde Welt für deutsche Leser interessant?

Ich habe unterschiedliche Leser. Einmal ein mennonitisches Publikum in Deutschland und Paraguay. Darüber hinaus geht es einfach um ein Phänomen, das fast alle Menschen kennen: Ein junger Mensch will wissen, was jenseits des Hirsefelds liegt, er will unbekanntes Land erobern. Das kann jeden Menschen erfassen. Die einen bleiben da, die anderen verwirklichen ihr Ziel. Auch die Exotik könnte deutsche Leser faszinieren. Den zweiten Teil mit der Geschichte meines Volkes muss man schon aufmerksamer lesen. Eine Wanderbewegung hat die Mennoniten von Holland über Preußen und die Ukraine nach Paraguay geführt.

Gibt es in der Literatur das Thema schon?

In den USA gibt es zahlreiche Geschichten von den Amish und Mennoniten, die sich in einen Menschen aus der modernen Welt verlieben. Hunderte von Kitschromanen sind darüber geschrieben worden. Mein Roman ist kein Kitschroman, aber er baut auf ähnliche Gegensätze. Eine ähnliche Thematik gab es in „Der einzige Zeuge“ mit Harrison Ford, über einen Polizisten, der in diese traditionelle Gesellschaft kam und sich in eine Amish-Frau verliebte.

Und was lesen Sie selbst gerne?

Ich lese sehr gerne mennonitische Autoren aus Kanada oder den USA wie Miriam Toews, Rhoda Janzen oder Rudy Wiebe, aber auch zum Beispiel Jonathan Franzen oder Donna Tartt, zuletzt „Der Distelfink“, und deutsche Literatur. Zu Weihnachten habe ich Lutz Seilers „Kruso“ bekommen. Ich lese sehr viel, schon immer. In Paraguay hatten wir so eine kleine Bibliothek. Die hatte ich im 6. Schuljahr schon durch. Da habe dann ich angefangen Bühnenstücke zu lesen, weil nichts anderes mehr da war.

Zum Buch

„Ruben“ schildert anschaulich das Aufwachsen der Hauptfigur in einem Dorf tiefgläubiger Siedler mitten im paraguayischen Busch.

Als Vierjähriger läuft Ruben durch ein Hirsefeld, in dem die Gefahr in Form einer Korallenschlange lauert. Der Freiheitsdrang führt ihn später zu einer Viehfarm im Outback, dann wird er Diener des Diktators in der paraguayischen Hauptstadt. Später muss er nach Deutschland fliehen, wo neue Gefahren und Herausforderungen auf ihn warten. Der Roman beleuchtet die Ereignisse auf verschiedenen Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven. Neben Ruben tragen einige seiner Freunde ihre Sicht auf die Ereignisse bei.

Das Buch ist im Tweeback-Verlag (Bonn) erschienen, einem Spezialverlag vor allem für das „Plautdietsche“, das westpreußische Niederdeutsch, das die meisten Russland-Mennoniten in der Diaspora heute noch sprechen. Es kostet 9,95 Euro im Buchhandel oder portofrei über www.tweeback.com.

Zur Person

Horst Martens (57) ist in der mennonitischen Siedlung Neuland in Paraguay aufgewachsen, wo er zur Schule ging und eine Lehrerausbildung abschloss.

Mit 18 Jahren ging er in den 70er Jahren nach Deutschland. Er arbeitete als Hoteldiener in den Alpen und in München und studierte Journalistik in Dortmund. Seit 1992 ist er im Pressebüro der Stadt Herne beschäftigt.

Horst Martens ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Die Buchpräsentation am Samstag in der „Sonne“ ist komplett ausgebucht.