Das aktuelle Wetter Herne 4°C
Integration

Lesen und lesen lassen

19.09.2010 | 16:15 Uhr
Lesen und lesen lassen
Die tamilische Vorlesepatin Margherita Sinnathamby liest in der Stadtbibliothek. Foto: Ute Gabriel

Herne.Margherita Sinnathamby ist mit Büchern aufgewachsen. In Italien geboren, kam sie mit ihrer tamilischen Familie nach Deutschland, als sie zwei Jahre alt war. Vor allem ihre Mutter begleitete sie in die Stadtbibliothek.

„Wir haben uns gegenseitig die deutsche Sprache beigebracht“, sagt die heute 18-jährige Schülerin des Haranni-Gymnasiums. Als Vorlesepatin gibt Margherita seit Beginn des Jahres denen, die heute Kinder sind, etwas zurück. Themen wie die Fußball-Weltmeisterschaft oder aktuell die Interkulturelle Woche finden bei den Lesenachmittagen ihren Widerhall. Dabei ist aktives Mitmachen erwünscht: „Wir lesen vor, lassen aber auch lesen und stellen anschließend Fragen“, erklärt die Lesepatin, die Kinderpsychologin werden möchte. „Dabei achte ich auch auf die Aussprache.“ Auch für das interkulturelle Miteinander, das ihr ein Anliegen ist, findet sie die Leseaktion in der Bücherei wichtig: „Man kommt sich näher, lernt die Kulturen kennen und baut Vorurteile ab.“

Das kommt Karin Anlauf, der Leiterin der Stadtbibliothek, sehr entgegen. Denn darauf arbeitet sie hin. Integration wird in der Bibliothek groß geschrieben. Das fängt schon bei den jüngsten Lesern an. In der Kinderabteilung gibt es ein Regal „Fremdsprachige und zweisprachige Kinderbücher“. Zum größten Teil sind das Bilderbücher mit türkischen und deutschen Textelementen. „Es gibt schon Verlage, die spezialisieren sich darauf“, sagt Karin Anlauf. Mit solchen Medien möchte die Stadtbibliothek Kinder, deren Muttersprache eine andere ist, an die deutsche Sprache und damit an ihr Buch-Angebot heranführen, ohne ihnen dabei die fremde Mundart „austreiben“ zu wollen – Integration eben.

Für die „Fremdsprachen-Ecke“ im erwachsenen Teil der Einrichtung wünscht sich Karin Anlauf für die nächste Zeit etwa einen Reiseführer über Deutschland in türkischer Sprache. „Wir wollen Texte anbieten, um Herne und Deutschland erfahrbar zu machen. Das ist Integration“, sagt die Bibliotheksleiterin. Auch in andere Richtungen wolle man den rein räumlich „in sich geschlossenen Bereich“ noch ausbauen, gezielter auf Wünsche eingehen.

Zur Fremdsprachenecke gehören die Rubriken Fremdsprachige Romane, Deutsch als Fremdsprache, Erlernen einer Fremdsprache und Erste leichte Lesetexte. Die nichtdeutschen Romane sind überschaubar und zumeist in Englisch, Spanisch, Italienisch, Französisch, Russisch und Türkisch verfasst. Warum gibt es keine griechischen, keine polnischen, keine arabischen Bücher? „Unser Angebot ist nachfrageorientiert. Außerdem können wir nicht jegliche Sprachen anbieten“, sagt Karin Anlauf. Zudem könne dieses Angebot auch etatmäßig nur ein kleines sein.

Deutsch-Lern-Kurse und niedrigschwellige Angebote wie das Bilderbuch-Kino, Vorlese-Nachmittage und eine Bibliotheks-Einführung für Erwachsene mit unterschiedlicher Herkunft in ganz einfachem Deutsch komplettieren das Angebot und gehören zum von der Einrichtung verfassten Zukunftskonzept.

Einen Deutsch-Kurs hat Sarah Chaabani (29) nicht nötig. Schon Jahre bevor sie in Herne zur Welt kam, waren ihre Eltern aus Tunesien nach Deutschland gezogen. Die junge Frau trägt Kopftuch und studiert in Düsseldorf Pharmazie, sie hat das zweite Staatsexamen vor sich. Sie nutzt die Stadtbibliothek, schaut ergänzend zu ihren eigenen Büchern in die Leih-Wälzer und kann dort in Ruhe lernen. „Ich habe die Bibliothek schon vor meinem Studium aufgesucht. Auch für mein Abitur habe ich hier gelernt.“

Eine Kundenbefragung der Stadtbibliothek hat übrigens ergeben, dass knapp 25 Prozent der Leser einen Migrationshintergrund haben. Gemessen am Ausländeranteil im Ruhrgebiet von etwa 20 Prozent kommen demnach überproportional viele Migranten in die Bibliothek. Das entspricht auch der persönlichen Einschätzung von Sarah Chaabani: „Migranten nutzen das Angebot verstärkt.“

Der Plan von Karin Anlauf und ihrem Team scheint aufzugehen, bevor er überhaupt richtig in die Tat umgesetzt wurde. Die Stadtbibliothek ist auf dem richtigen Weg.

Tobias Mühlenschulte

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3731103/create

Aktuelle Fotos und Videos
Karneval
Bildgalerie
Es ist alles vorüber
Bildgalerie
Aus dem Ressort
Die FDP, Gauck und die grünen Kobolde
Politischer...
Die Kür von Joachim Gauck war beim Politischen Aschermittwoch der NRW- und Bezirks-FDP im Mondpalast ein zentrales Thema. Doch auch Attacken auf Rot-Grün bestimmten den Abend.
Schüler lesen um die Wette
Bildung
Auf lokaler Ebene fand in der Herner Stadtbibliothek die Ausscheidung für den Vorlesewettbewerb des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels statt.