Lamya Kaddor las in Herne aus ihrem Buch „Zum Töten bereit“

Lesung und Diskussion im Awo-Saal an der Breddestraße 14 in Herne am 27.03.2015 mit Lamya Kaddor, Autorin des Buches: Zum töten bereit - warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen. Foto: Joachim Haenisch / Funke Foto Services
Lesung und Diskussion im Awo-Saal an der Breddestraße 14 in Herne am 27.03.2015 mit Lamya Kaddor, Autorin des Buches: Zum töten bereit - warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen. Foto: Joachim Haenisch / Funke Foto Services
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Was wir bereits wissen
Autorin Lamya Kaddor las im Awo-Zentrum aus ihrem Buch „Zum Töten bereit“. Ihre These: Soziale Ausgrenzung trage zur Radikalisierung bei.

Herne..  Auf Einladung der SPD-Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt hat die Religionspädagogin Lamya Kaddor am Freitagabend im Awo-Zentrum aus ihrem Buch „Zum Töten bereit – Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“ gelesen.

„Ich habe immer wieder große soziale und emotionale Defizite bei meinen Schülern feststellen müssen“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. „Und da sie meistens aus bildungsfernen Familien stammen, kommen schulische Misserfolge oft noch dazu.“ Das mache Jugendliche anfällig für die Anwerbungsversuche von Salafisten. „Die Gemeinschaft dort verbinden sie mit der Hoffnung auf Respekt, Anerkennung, Orientierung und Zusammenhalt, die sie bisher in ihrem Leben, das zu einem großen Teil durch vielfältige soziale Ausgrenzungen, oft auch eine Existenz im Hartz IV-Bezug geprägt ist, kaum kennen gelernt haben.“ Die Bereitschaft, diese von ihnen als „Unrecht“ erlebten Erfahrungen mit Gewalt zu kompensieren, sei hoch.

Eine neue Gruppenidentität

Lamya Kaddor betont nachdrücklich, dass sie ihr Buch nicht als ausgewiesene Salafismusexpertin geschrieben habe, aber sie appelliert: „Wir müssen Salafismus verstehen, bevor wir ihn bekämpfen können.“ Nach den Beobachtungen von Lamya Kaddor versuchen Jugendliche, die keine Geborgenheit, Sicherheit und Akzeptanz erfahren haben - weder im Elternhaus noch in der Schule - oft, im erlernten Verhaltensmodell die Opfer-Täter-Rollen zu tauschen. Dabei könnten sie Überlegenheit und Dominanz demonstrieren.

So suchten sie Anschluss an Gruppen, die ihnen die Möglichkeit geben, mit Rückendeckung zu rebellieren. Das gelte sogar für Mädchen, denn in den puritanisch religiösen Gruppen müssten auch die Jungs die gleichen strengen Regeln wie die Mädchen befolgen, es gehe also „gerecht“ zu.

Kaddor sieht Salafismus nicht vorrangig als „Kampf der Kulturen“ oder „religiöse Erweckungsbewegung“, sondern als eine gegen westliche Lebensformen gerichtete Jugendprotestbewegung: „Viele haben den Wunsch, mehr aus ihrem Leben zu machen, aber die Mittel fehlen. Also gehen sie zum Radikalsten, was es gibt.“ Wie bei vielen Jugendsubkulturen fänden sie über Sport, Musik und eine neue Gruppenidentität den Weg in ein „warmes Nest“ mit einer bisher nie erlebten Wertschätzung voller Sozialromantik; Gefühle wie in der Gesellschaft ohnehin verloren oder überhaupt nie angekommen zu sein, spielten dabei eine große Rolle. In einer sehr angeregten Diskussion stellte sich die sichtlich bewegte Lamya Kaddor zahlreichen Fragen und rief immer wieder dazu auf, klar zwischen der islamischen Kultur und radikalen Bewegungen zu unterscheiden.