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Konzentrierte Kompetenz

05.06.2011 | 16:56 Uhr
Konzentrierte Kompetenz
Im Einsatz für schwerstkranke Menschen und deren Angehörige: (v.l. hi.) Prof. Gerd Hohlbach, Prof. Alexander Sturm und Pfr. Walter Tschirch, (v.li. vo.) Karin Leutbecher, Annegret Müller und Karola Rehrmann.

Herne.Miteinander zu tun hatten sie immer schon mal wieder, der am Evangelischen Krankenhaus angesiedelte Ambulante Hospiz- und Palliativdienst (AHPD) und das Herner Lukas-Hospiz. Jetzt kooperieren sie über die beiden Fördervereine auch ganz offiziell.

Sowohl den Mitarbeitern des Hospizes als auch den Mitgliedern des Fördervereins war in letzter Zeit immer deutlicher geworden, dass die Begleitung Demenzerkrankter in ihrer letzten Lebensphase ein akutes Thema ist. Der Förderverein nahm Kontakt zum Ambulanten Hospiz- und Palliativdienst am EvK auf, weil auch dessen Mitarbeiter damit zunehmend konfrontiert sind. Doch schon allein die räumlichen Bedingungen – am EvK stand nur ein einziger kleiner Raum zur Verfügung – setzten dem AHPD Grenzen, sich intensiver damit zu beschäftigen und einen neuen Schwerpunkt aufzubauen.

So traf es sich perfekt, dass der Förderverein des Lukas-Hospizes dank einer Erbschaft in der Lage war, die Anmietung einer ehemaligen Arztpraxis an der Bahnhofstraße 137 für den AHPD zu unterstützen. In den grundlegend renovierten, hellen, freundlichen Räumen gibt es nun genügend Platz für eine Anlaufstelle für die über 40 ehrenamtlichen Mitarbeiter, die den AHPD wesentlich tragen, genügend Platz für die hauptamtlichen Mitarbeiter, für Schulungen und Weiterbildungen, für Besprechungen, aber auch für intensivere Gespräche, die einen geschützten Raum benötigen. „Niemand muss jetzt mehr die Hemmschwelle überwinden, in ein Krankenhaus zu gehen, um zu uns zu kommen“, freut sich Karola Rehrmann. Die Seelsorgerin gehört zu dem bislang zweiköpfigen hauptamtlichen Team des AHPD. Sie und ihre Kollegin Karin Leutbecher bekamen vor einigen Monaten Verstärkung durch eine dritte hauptamtliche Mitarbeiterin, Annegret Müller, die sich um den neuen Schwerpunkt, die ambulante Begleitung an Demenz erkrankter Menschen in ihren letzten Lebenswochen, kümmert.

Zahl Demenzkranker steigt dramatisch

Ein immer wichtigeres Thema. „Die Zahl der Demenzkranken“, so Prof. Alexander Sturm, Vorsitzender des Hospiz-Fördervereins, „nimmt in Deutschland fast dramatisch zu: Über sechs Millionen Menschen betreuten mittlerweile zu Hause einen dementen Angehörigen“; jedes Jahr steige die Zahl der Neuerkrankungen um 230000; die Ursachen für Demenzerkrankungen seien vielfältiger geworden, Alzheimer mache einen Anteil von 65 Prozent aus. Gleichzeitig gebe es neue Forschungen, bei denen Neuroinformatiker eindeutig nachweisen konnten, dass auch Demente in fortgeschrittenem Stadium ihrer Krankheit weitaus mehr wahrnehmen und empfinden als bislang angenommen. Zuwendung und Begleitung würden bis zuletzt wahrgenommen, gibt Prof. Sturm die neuen Erkenntnisse wieder.

Was Annegret Müller aus ihrer Erfahrung nur bestätigen kann. Weil die Begleitung dementer Menschen in ihrer letzten Lebensphase besondere Anforderungen stellt, hat sie auf ihre palliativ-care-Ausbildung eine zusätzliche zur Diplom-Fachfrau für gerontopsychiatrische Pflege und Betreuung angeschlossen. Ihr dabei erworbenes Wissen gibt sie nun auch in Kursen und Schulungen an die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter des AHPD, aber auch an Angehörige, die Demenzerkrankte zu Hause pflegen, weiter – was nicht zuletzt nur dank der verbesserten räumlichen Bedingungen möglich ist. Ein neuer Qualifizierungskurs für Ehrenamtliche ist für den Herbst geplant.

Aus der Palliativarbeit entwickelt

Die finanzielle Unterstützung des AHPD durch den Förderverein des Lukas-Hospizes stehe nicht im Gegensatz zu dessen Aufgaben, erklärt Vorstandsmitglied Prof. Gerd Hohlbach und verweist auf die Satzung, in der die Gründung und Unterstützung eines ambulanten Hospizdienstes verankert ist. Die Kosten des Lukas-Hospizes würden nach wie vor durch die Beiträge von über 1000 Mitgliedern und Spenden gedeckt, die auch weiterhin nötig seien, weil die Mitgliedsbeiträge allein nicht ausreichten. Das Lukas-Hospiz, machte Prof. Hohlbach klar, stehe jedoch für den Förderverein an erster Stelle, was auch vertraglich so festgehalten sei. Im Zweifelsfall müsse dahinter jedes andere Engagement zurückstehen.

Auch hinter dem AHPD steht ein Förderverein, aber, so Vorsitzender Walter Tschirch, mit deutlich weniger Mitgliedern, nämlich 250. Entwickelt hat sich der AHPD vor 14 Jahren durch die Palliativstation am EvK, weil klar wurde, dass dort entlassene Patienten und deren Angehörige häufig auch zu Hause eine weitere Begleitung brauchen.

„Wir leisten keine Pflege“, betont Karin Leutbecher, die von Anfang an dabei war, „das übernehmen entsprechende Pflegedienste.“ Die Aufgabe des AHPD sei vielmehr die psychosoziale Begleitung, die Beratung und Unterstützung der Kranken und ihrer Angehörigen. „Wir entlasten sie, geben Halt.“

Im vergangenen Jahr begleitete der AHPD 80 Patienten, in diesem Jahr waren es schon bis Ende Mai 60. Zunehmend bitten auch Altenheime den AHPD um Hilfe: „Die Mitarbeiter können sich nicht Stunden zu einem Schwerstkranken ans Bett setzen“, sagt Annegret Müller, „das geben die Strukturen nicht her.“ Hinzu komme ein emotionaler Aspekt: „Die Mitarbeiter kennen die Patienten oft über Jahre. Sie reagieren dann wie Angehörige“ – hilflos und überfordert, wenn sie allein vor der Situation stehen, einen sterbenden, oft auch dementen Menschen zu begleiten.

Gabriele Heimeier

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