Kitsch raus, Komik rein
10.02.2012 | 18:49 Uhr 2012-02-10T18:49:00+0100Herne. Mit bemerkenswerter Ausdauer trabt das „Weiße Rössl“ über Bühne und Leinwand, seit das Lustspiel 1897 in Berlin seine Premiere erlebte.
Als Markenzeichen blieb im Gedächtnis des Publikums eine ungetrübte Operettenseligkeit haften, kräftig überzuckert durch zwei Filmfassungen der Nachkriegsjahre. In den Flottmann-Hallen treibt das Kobalt-Figurentheater aus Lübeck mit Spielwitz dem Stück diese Sentimentalität aus, ohne ihm Herz und Gefühl zu rauben. Was bleibt und sehr gut gefällt, ist die originelle und komödiantische Inszenierung eines viel strapazierten Bühnenstoffs.
Die Zuschauer in den nur spärlich besetzten Reihen reagieren zunächst ein wenig verhalten auf das Marionettenspiel, eine liebevolle und freche Melange aus Schauspiel und Rührstück, Operette und Parodie. Es vergeht eine Viertelstunde, bis sich stilles Vergnügen breitmacht, ab und an unterbrochen von hellem Gelächter. Auf der Bühne wird das Klischee beschworen und gleich darauf genüsslich zerlegt: Kitsch raus, Komik rein, Kabarett dazu. Aber die Akteure geben den Klassiker nicht der Lächerlichkeit preis, sie tasten die markanten Charaktere der Figuren nicht an: Oberkellner Leopold darf also seine Rössl-Wirtin anschmachten, wie es der junge Peter Alexander im Film nicht treuherziger konnte, und am Ende finden alle Liebenden, sechs an der Zahl, zueinander. Dem Kaiser sei Dank - mit Augenzwinkern.
Doch für Stimme und Gesang der insgesamt zehn Puppen sind allein die beiden Spieler verantwortlich, die an den Fäden ziehen und jeder Figur aus diesem Kabinett ausgeprägter Typen zu eigenem Leben verhelfen. Schrill oder schmeichelnd, sanft lispelnd oder breit berlinernd, im schneidenden Kasernenhofton oder mit einer geflüsterten schwachen Regung der gebrochenen Seele: Dieses breite Spektrum fordert vor allem Stephan Schlafkes wandlungsfähige Stimme.
Es ist ein Vergnügen, den souveränen Umgang der Akteure (an Schlafkes Seite: Silke Technau) mit ihren Marionetten zu beobachten, die auf offener Szene von einem Spieler bruchlos in die Hand des anderen wechseln. Die stillen Stars dieser Inszenierung sind jedoch die handgeschnitzten Marionetten: Kunstwerke aus Holz, die nach der Vorstellung – der ersten des Kobalt-Duos in Herne – kurz verdient im Mittelpunkt des Besucherinteresses stehen. Was die Menschenspieler sichtlich freut.
0mitdiskutieren