Kafka in Herne - Zwischen Mensch und Affe

Ralf Gottesleben rezitierte  "Der Affe" nach Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“.
Ralf Gottesleben rezitierte "Der Affe" nach Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“.
Foto: MARTIN KERSTAN FOTOGRAFIE / FUNK
Was wir bereits wissen
Ralf Gottesleben spielte facettenreich Kafkas „Bericht für eine Akademie“ in der Fortbildungsakademie Mont-Cenis.

Herne..  Die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwimmen in Ralf Gotteslebens Rezitation „Der Affe“ nach Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“, die er am Montagabend in der Akademie Mont-Cenis vortrug.

Assimilation, pädagogische Satire, surreale Durchdringung der Mensch- und Tierwelt: Kafkas 1917 veröffentlichte Erzählung verweigert sich einer eindeutigen Klassifizierung. Der Affe Rotpeter erzählt in der Ich-Form von seiner Menschwerdung, die sich für ihn nach seiner Gefangennahme durch Tierfänger quasi als notwendig-zwanghafter Automatismus ergeben hat. Um sich das Leben leichter zu machen, nicht etwa um die Freiheit zu erlangen, hat er während seines Schiffstransports noch im Käfig damit angefangen, die Menschen nachzuahmen – mit erstaunlichen Erfolgen. Seine scharfsinnigen Beobachtungen werfen dabei satirisch anmutende Schlaglichter auf die so genannte „Zivilisation“ und stellen sie in Frage, während die in Schranken gewiesene Triebhaftigkeit des Affen sich immer wieder Bahn zu brechen sucht.

Treffend tritt dies in der Episode von Rotpeters Unterricht im Schnapstrinken hervor, die Ralf Gottesleben mit lakonischer Nüchternheit schildert. Nach seiner Ankunft in der Menschenstadt sieht der Affe Rotpeter sich vor die Wahl zwischen einem Leben im Zoologischen Garten oder einer Karriere beim Varieté gestellt und entscheidet sich für die zweite Variante.

Akrobatische Körperbeherrschung

Ralf Gottesleben scheint in seiner Rezitation diesen Prozess der Menschwerdung nachzuerleben: Mit akrobatischer Körperbeherrschung trifft er Haltung und Gestus des Affen und zeigt die verschiedenen Etappen seiner Assimilation, die aber nicht zwangsläufig eine Emanzipation oder Integration ist, durch sein Spiel mit einem käfigartigen Gerüst. Manchmal kauert er darin wie ein einem Käfig, dann spielt er damit oder steht dahinter wie ein Professor hinter seinem Rednerpult. Aussehen und Habitus erinnern an die Affennatur, mit der Sprache hat er sich mit unglaublicher Wandlungsfähigkeit und Ausdruckskraft die Menschenwelt erobert. Was ist Zivilisation und wie findet man in ihr seinen Platz, lautet die Frage, die unausgesprochen die ganze Erzählung durchzieht und die Ralf Gotteslebens facettenreiche Darstellung körperliche Realität werden lässt.