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Kinderbetreuung

„Ich will doch niemandem schaden“

15.02.2012 | 17:47 Uhr
„Ich will doch niemandem schaden“
Die Lebensmittel für die Kinder und ihre Familie müsste Tagesmutter Elke Schröer künftig getrennt lagern, wenn die EU-Hygieneverordnung exakt umgesetzt wird. Foto Thomas Schild / WAZ FotoPool

Wanne-Eickel/Herne.   Die in NRW diskutierte Umsetzung der EU-Hygieneverordnung sorgt für Unruhe unter Hernes Tagesmüttern. Selbstverständlich lege sie Wert auf Hygiene, sagt zum Beispiel Elke Schröer, aber „man kann auch alles übertreiben“.

In diesem Haus an der Rheinischen Straße leben Kinder, ganz eindeutig: Hier stehen ein paar kleine Schühchen, dort ist auf dem Boden ein Spiel aufgebaut, in der Küche umrahmen Hochstühle den Tisch, und im Wohnzimmer liegt vor der Heizung ein riesengroßes dickes, weiches Sitzkissen. Dort haben sich die Kinder mit Elke Schröer zusammengekuschelt: Lara (3), Antonio (3) und Luca (2), der seinen Stoff-Bert, den Kumpel von Stoff-Ernie, mitgebracht hat. Sie hören Praktikantin Asu Can zu, die ihnen aus „Der kleine Dino“ vorliest.

Elke Schröer ist Tagesmutter. Seit sieben Jahren kümmert sie sich um die Kinder anderer Eltern, ihre eigenen sind schon groß. „Wir sind heute eine kleine Besetzung“, sagt sie, „zwei Kinder konnten nicht kommen, sie sind krank.“ Das erste Kind wird morgens schon um 6 Uhr zu ihr gebracht - und sofort im Hause Schröer wieder ins Bett gepackt. Die anderen Kinder trudeln zwischen 8 und 9 Uhr ein, bleiben bis gegen 15/16 Uhr. In der Zeit dazwischen geht es zu wie in Familien, die sich gut um ihre Kinder kümmern: spielen, lesen, spazieren gehen, um 10 Uhr gibt’s frisches Obst, gegen 12 Uhr Mittagessen, das Elke Schröer für alle, die Kinder, sich selbst und ihre eigene Familie kocht.

Danach legen sich die Kinder hin, für jedes gibt es ein eigenes Bett im Haus. Bis sie dann abgeholt werden von den Eltern, ist wieder spielen, basteln, lesen, draußen toben angesagt - wenn es nicht gerade zehn Grad minus sind. „Ich bereite, in Absprache mit den Eltern, die Kinder auf das Leben vor“, so Elke Schröer. Die Kleinen sollen sich entwickeln können, müssen aber auch lernen, bestimmte Regeln zu achten: Rücksicht nehmen, zuhören, zu akzeptieren, wenn jemand nein sagt, Konflikte gewaltfrei zu lösen und - aufzuräumen.

Das Konzept scheint aufzugehen, die Kinder und Elke Schröer verstehen sich gut. Wenn Lara und Antonio im Sommer in die Kindertagesstätte wechseln, rücken ihre beiden kleinen Geschwister nach: „So bleibt der Kontakt zu den Familien erhalten“, freut sich Elke Schröer.

Wie Lebensmittelunternehmer

Was sie und viele ihrer Kolleginnen in Nordrhein-Westfalen zurzeit beunruhigt: Die vom Land angekündigte Umsetzung der EU-Hygieneverordnung, wonach Tagesmütter, die ja auch für die Kinder kochen, mit Lebensmittelunternehmern gleichzusetzen wären und sich an rigide Vorschriften zu halten hätten. „Ich müsste zum Beispiel die Lebensmittel für uns und die Kinder getrennt lagern“, sagt Elke Schröer, „aber ich kann mir keinen zweiten Kühlschrank hierher stellen.“ Auch ein zweites Spülbecken müsste für die Küche her: „Wohin denn?“ Und für alle zu kochen, wäre auch passé. Außerdem müsste penibel nachgehalten werden, wann, wo welche Lebensmittel eingekauft und angebrochen wurden: „Das ist doch Wahnsinn“, sagt Elke Schröer. „Wir essen alle das gleiche, ich will doch weder den Kindern, noch meiner Familie schaden.“

Hygiene sei - wie in jedem gut geführten Haushalt - selbstverständlich: Im Haus werden nur Pantoffeln getragen, die Kinder waschen sich die Hände, bevor sie essen, jeder hat sein eigenes Glas, sein Besteck, seine Teller. „Selbstverständlich wasche ich mir die Hände, bevor ich Lebensmittel anfasse, selbstverständlich bereite ich nicht auf einem Brett Geflügel zu und anschließend Salat“, sagt Elke Schröer. „Normale Sauberkeit muss sein. Aber man kann auch alles übertreiben. Wenn wir Kinder nur in Watte packen, ist das auch nicht gut.“ Sie hätte keinerlei Probleme damit, an speziellen Schulungen teilzunehmen, wenn der Verein Herner Tageseltern, dem sie angehört, oder die Stadt Entsprechendes anböte. „Aber wenn die Hygieneverordnung rigoros umgesetzt wird, müsste ich überlegen, ob ich aufhöre.“

Praktikable Lösungen gefragt

„Gnade uns Gott, wenn die EU-Hygieneverordnung eins zu eins in NRW umgesetzt wird“, sagt Klaus Karassek, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Kinder-Jugend-Familie bei der Stadt Herne. Er fürchtet, dass bei den rigiden Anforderungen Tagesmütter wie Elke Schröer das Handtuch werfen könnten. Es sei zwar klar, dass es Qualitätsstandards geben müsse, auch für die Hygiene, „aber es kann nicht sein, dass die Betreuung von Kindern in Privathaushalten mit der in Einrichtungen gleichgesetzt wird.“

Unruhe gebe es auch wegen widersprüchlicher Aussagen. Die EU, eigentlich eher als ein „Hardliner“ bekannt, rudere schon zurück und verweise darauf, dass Tagesmütter nicht unter die Hygiene-Verordnung fielen, während das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz das Gegenteil erkläre und Tagesmütter als Lebensmittelunternehmer einstufe.

Umsetzung Sache der Länder

Das sei so jedoch nicht richtig, erklärte Ingrid Fischbach, CDU-Bundestagsabgeordnete und Mitbegründerin der Herner Tageseltern in einem Gespräch mit der WAZ. Die EU-Hygieneverordnung umzusetzen, die es schon seit 2004 gebe, sei Sache der Länder, nicht des Bundes. Etliche Länder hätten dies auch schon getan, NRW allerdings nicht. Außerdem hätten sich die Länder 2005 einstimmig darauf verständigt, dass nur eine familienähnliche Betreuung außerhalb des privaten, häuslichen Bereichs von der EU-Verordnung erfasst werde: „Das gilt also zum Beispiel für Pflegenester, bei denen Wohnungen eigens für die Betreuung von Kindern angemietet werden, nicht aber für die klassische Tagesmutter, die in ihrem Zuhause Kinder betreut“, so Fischbach. Bundesministerin Ilse Aigner habe ihr das gerade noch ausdrücklich bestätigt. Das Ministerium empfehle handhabbare, praktikable Lösungen. Die zu finden sei jedoch Länderangelegenheit.

„Ich halte es allerdings für richtig, wenn es bestimmte Standards gibt, die auch kontrolliert werden“, sagt Ingrid Fischbach. Dafür hätten sich auch die Herner Tageseltern immer eingesetzt. „Aber es ginge zu weit, von den Tagesmüttern zum Beispiel zu verlangen, die Herkunft der Lebensmittel akribisch genau zu dokumentieren.“

Gabriele Heimeier

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