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„Ich bin der Herner Junge“

25.01.2012 | 17:41 Uhr
„Ich bin der Herner Junge“
Der 94-jährige Ernst Lingnau hat sich auf dem Foto wiedererkannt, das ein WAZ-Leser im Müll fand. Das 70 Jahre alte Bild aus dem zweiten Weltkrieg trug die Aufschrift ,,Die drei Herner Jungs''. Foto: Arne Poll, WAZ Fotopool

Herne.   Ernst Lingnau (94) erkannte sich nach dem WAZ-Aufruf auf Kriegsfoto wieder. Das Bild mit den „Drei Herner Jungs“ ist 1941 in Frankreich entstanden. Die Bilder weckten auch bei anderen Lesern Erinnerungen

Das Rätsel um die Herner Jungs ist zum Teil gelöst. Der 94-jährige Ernst Lingnau hat sich auf den Kriegsfotos, die ein WAZ-Leser im Sperrmüll fand, erkannt. „Das Foto ist 1941 vor einem Schloss in Frankreich entstanden“, sagt Lingnau. „Ja, das bin ich!“

Der Senior aus Herne-Mitte erinnert sich noch genau an den Tag. Die drei Herner hatten sich im besetzen Frankreich vor dem Schloss für ein Erinnerungsfoto zusammengestellt – ein Dokument fürs Kriegsfotoalbum. Lingnaus Sturzkampfbomber-Geschwader 3 war dort vorübergehend stationiert. Die Besatzer waren für einige Zeit in der Grand Nation.

Der 94-Jährige hat beeindruckende Geschichten zu erzählen. Er zog selbst mit der Boxkamera von Agfa in den Krieg. Auf fast 200 Fotos hat er das Soldatenleben dokumentiert. Sortierte die Bilder, heftete Tagebucheinträge, Feldpost und Gefangenenbriefe dazu. Entstanden ist ein faszinierender Zeitzeugenbericht.

Funker bei der Luftwaffe

Der Herner war als Funker bei der Luftwaffe, flog quer durch Europa, landete auf der Halbinsel Krim, koordinierte von Sizilien aus das Afrikakorps. Obwohl er die grausamen Befehle der Nazi-Größen weitergab, habe er nur wenige Schreckensbilder zu sehen bekommen, sagt Lingnau: „Ich habe nur am Funkgerät gesessen. Ich habe im ganzen Krieg nicht einen Schuss abgegeben. Das war viel wert.“

zur Person
Ernst Lingnau (94)
Ernst Lingnau (94)

Ernst Lingnau wurde 1917 in Bad Berleburg geboren. Er kam im Alter von drei Jahren nach Herne. Lingnau hat zwei ältere Geschwister, Bruder Gustel und Schwester Klärchen. Der gelernte Kaufmann wurde 1938 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. 1939 wurde er wenige Monate vor Kriegsbeginn zum Dienst in der Luftnachrichten-Kompanie einberufen. Erst 1949 kehrte er aus Gefangenschaft wieder. Seine Frau Ulla lernte er 1950 kennen. Beide heirateten 1953 und leben bis heute gemeinsam in ihrer Wohnung in Herne-Mitte. Mehr zur Geschichte von Ernst Lingnau in den kommenden Ausgaben.

Ernst Lingnau, der später viereinhalb Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft einen hohen Preis bezahlte, hat viel über den Krieg nachgedacht, seiner Frau Ulla genau erzählt, wie es war. Es sei wichtig, auch den Kindern heute zu berichten, wie es zu diesem schrecklichen Krieg kam: „Ich bin mit 20 Jahren durch den Diktator Adolf Hitler durch einen Einberufungsbefehl gezwungen worden, Soldat zu werden.“

Nein, Nazi sei er nie gewesen, und die Ideologie habe er erst recht nicht gut gefunden. „In unserer Familie gab es kein ,Heil Hitler’“, sagt Lingnau. „Ich war in meiner Einheit bekannt als guter Katholik. Meine Vorgesetzten mochten mich, weil ich meine Positionen als Katholik vertreten habe. Ich habe fünf Tage Sonderurlaub beim Papst in Rom bekommen. Wer kriegt schon so etwas bei den Nazis?“

94-Jähriger ist noch fit

Dieses Foto mit der Aufschrift „Die drei Herner Jungs“ fand ein WAZ-Leser im Sperrmüll. Ernst Lingnau (Mitte) erkannte sich wieder. Foto: WAZ

Der 94-Jährige kann nicht mehr gut laufen. Im Kopf ist er aber noch richtig fit. Ihm fällt auf, dass der Journalist mit Links schreibt. Seine Frau will wissen, ob der Gast auch gedient hat.

Ernst Lingnau wird in den kommenden WAZ-Ausgaben in loser Folge mehr aus der Kriegszeit und der Gefangenschaft erzählen. Er will sein Fotoalbum für die anderen WAZ-Leser öffnen. Das sei keine einfache Entscheidung gewesen, sagt der bescheidene Senior: „Ich habe mit dieser Zeit abgeschlossen.“

Offen bleibt die Frage, was aus den anderen beiden Soldaten auf dem Bild geworden ist. Karl-Heinz und Paul gehörten mit zur Einheit, müssen aber, wie andere Fotos zeigen, Ende 1941 mit einer anderen Einheit nach Russland verlegt worden sein. Paul, der mutmaßliche Fotograf der Sammlung, die ein WAZ-Leser im Sperrmüll entdeckte, ist – wie mehrere Bekannte berichten – vor einigen Jahren verstorben. Nachfahren von ihm sind nicht bekannt.

Eine Welle von Reaktionen

Der WAZ-Aufruf hatte eine Welle von Reaktionen ausgelöst. Viele Leser gaben Hinweise auf die drei Soldaten. So wie der Herner Militärhistoriker Thorsten Verhülsdonk, der an den Uniformen auf den Bildern erkannt hatte, dass es sich um Luftwaffenangehörige handelt. Genauer gesagt um Bodentruppen, „wie sie ab Anfang 1942 zu Luftwaffen-Feldregimentern und - Bataillonen zusammengestellt wurden, um z.B. Flugplätze zu sichern.“

Bei vielen älteren Lesern weckten die Bilder Erinnerungen. In der Redaktion meldeten sich Zeitzeugen, die selbst an der Front fotografiert hatten. Auch diese und weitere Fotos möchten wir in den kommenden Wochen veröffentlichen. Haben Sie ähnliche Bild-Dokumente aus der Kriegszeit von der Front und die passenden Erinnerungen dazu? Wer hat den Krieg in Herne und Wanne-Eickel mit der Kamera dokumentiert?

Arne Poll

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Kommentare
26.01.2012
00:39
„Ich bin der Herner Junge“
von Xavinia | #1

Danke, dass es weitere Folgen in der WAZ geben wird! Es ist wichtig, die Kriegszeit wach zu halten und Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Meine verstorbene Mutter hat alle Kriegsberichte in der WAZ verschlungen. Einmal war sie dabei in Tränen ausgebrochen. Das war ein Bericht von der Bunker-Tragödie in Wanne-Holsterhausen. Dabei ist ihr Vater von der Menschenmenge erdrückt worden und sein Name stand in der Zeitung. Ich habe meine Mutter danach nie wieder so herzzerreißend weinen sehen. Inzwischen sind Beide wieder vereint... im Himmel.

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