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Im Interview: Dechant...

Hinaus in Richtung Leben

10.04.2009 | 18:36 Uhr
Hinaus in Richtung Leben

Dechant des Emschertaldekanats sieht in Zukunft die Eigenverantwortung der Gemeinden stärker gefordert.

Bankenkrise, Wirtschaftskrise, der Amoklauf in Winnenden, gerade das Erdbeben in Mittelitalien: Die Welt scheint aus den Fugen zu sein. Mit Dechant Heribert Zerkowski sprach WAZ-Redakteurin Gabriele Heimeier über die Rolle der Kirche in schwierigen Zeiten, den Papst und die Welt und die Zukunft des Emschertaldekanats.

Das Osterfest ist in diesem Jahr für viele Menschen überschattet von Kummer und Sorgen, nach all den Hiobsbotschaften. Wo bleibt die frohe Botschaft?

Zerkowski: Es gilt der „Vorsprung Leben”. Bei allem, was wir an tödlichen Bedrohungen erleben, ist die Osterbotschaft immer verbunden mit der Hoffnungszusage, dass das Hier und Jetzt nicht alles ist. Die Hoffnung führt aus dem Tal hinaus in Richtung Leben. Die Osterbotschaft beginnt mit einem Grab, mit Dunkelheit. In der Dunkelkammer ergeht die Botschaft: Sucht den Lebenden nicht hier, sondern anderswo. Damit das, was als Dunkel, als Grenze erlebt wird, aufbricht. Gerade in der katholischen Kirche legen wir sehr viel Wert darauf, dass die Karwoche miterlebt wird, von Palmsonntag an. Ostern gibt es nicht ohne Karfreitag. Darin liegt das Grundgesetz des Glaubens-Lebens: vom Leben zum Tod, vom Tod zum Leben. Das meint das Wort vom „Vorsprung Leben.”

Während der Esoteriksektor boomt, gerät zumindest in den mitteleuropäischen Industrienationen die Kirche, die Jahrhunderte für das Seelenleben zuständig war, immer mehr ins Hintertreffen. Was ist schiefgelaufen?

"Möglicherweise ist das Image der Kirche nicht so positiv und viele trauen der Kirche nicht mehr zu, dass sie lebensnah und hilfreich sein kann für das eigene Leben." Foto: WAZ, Horst Müller

Was da schiefgelaufen ist, ist sicher nicht mit wenigen Worten zu sagen. Es stimmt: Lebenshilfe- und Glücksbringerbücher boomen; was die Kirche in den Jahrhunderten an Erfahrungswissen, an Riten und Formen angesammelt hat, wird so nicht nachgefragt. Möglicherweise ist das Image der Kirche nicht so positiv und viele trauen der Kirche nicht mehr zu, dass sie lebensnah und hilfreich sein kann für das eigene Leben. Es bleibt für uns die Herausforderung, Wege zu entdecken, den Glauben mit allen Sinnen erleben zu lassen.

Nach dem Amoklauf in Winnenden waren die Andachten und Gedenkgottesdienste überfüllt. Hat sich die Kirche zu einer Einrichtung entwickelt, die nur noch in Momenten höchster Not gefragt ist?

Dass in bestimmten Ausnahmesituationen die Kirche eine größere Rolle spielt, hängt damit zusammen, wie Glauben heute funktioniert. Ich wähle und beanspruche kirchliche Formen, wenn es zu meiner Situation passt. Das Bindungsverhalten ist heute ein anderes als es das noch in den 50er-, 60er-Jahren war. Aus der kontinuierlichen Verbindung ist eine funktionale geworden. Das hängt mit dem heutigen Lebensgefühl der Menschen insgesamt zusammen. Ich verhalte mich der Einrichtung Kirche gegenüber wie zu einem Dienstleister. Das gilt für viele Menschen.

Macht es Ihnen nicht zu schaffen, wenn Kirche darauf reduziert wird?

Mir macht es nicht unheimlich zu schaffen, weil ich versuche, mich in die Anfangssituation hineinzuversetzen. Das Leben Jesu ist da sehr erhellend. Viele Menschen sind ihm begegnet, für die er hilfreich, segensreich tätig war, einige blieben und brachten sich sehr stark ein, andere gingen wieder in ihr altes Leben zurück. Die feste Bindung, an die wir uns jahrhundertelang gewöhnt hatten, hat sich zu einem Wahlverhalten geändert, wie es der heutigen freiheitlichen Geistes- und Gesellschafts-Entwicklung entspricht. Dadurch gibt es aber auch für die Kirche mehr Ehrlichkeit. Es wird klarer, wie Menschen denken und sich verhalten, es wird deutlicher, welche Erwartungen Kirche an die Menschen haben kann. Wichtig ist: Die Kirche muss nicht alle haben, es reicht, wenn Gott alle hat. Aber Kirche hat für alle da zu sein.

Der Papst hat es der Welt in den letzten Monaten nicht einfach gemacht, reihum stieß er Muslime, die Evangelische Kirche, Juden und Katholiken vor den Kopf. Bei seiner Afrika-Reise sprach er sich gegen die Verwendung von Kondomen als Schutz vor Aids aus. Hat sich der Papst von der Welt entfernt oder die Welt sich vom Papst?

Viele Äußerungen gehen auf das Konto, dass der Papst von Hause aus Dogmatiker ist, auch als Papst. Er versteht sich von daher als oberster Lehrer und nicht als diplomatisch agierender Mensch. Man müsste eigentlich jeden der genannten Punkte einzeln ansehen und fragen, was ist die Absicht gewesen, was sind die jeweiligen Bedingungen, die zu seinen Antworten geführt haben. In Afrika haben zum Beispiel seine Äußerungen zu Aids und Kondomen nur eine geringe Rolle gespielt. Da ging es um Themen wie Bürgerkrieg, Korruption, Armut, Menschenhandel, Frieden und Gerechtigkeit. Das ist auch ein bisschen teutonischer Geist, alle Worte des Papstes wie dogmatische Aussagen zu behandeln. Andere Länder machen das nicht so, sondern sehen: Was ist in unserer Situation für die Menschen hilfreich? Ideale Zielvorstellungen sind das Eine. Die konkrete Wirklichkeit verlangt angemessene Antworten.

Bekommen Sie die Auswirkungen des päpstlichen Verhaltens zu spüren? Gab es Austritte?

Ob es verstärkt Kirchenaustritte gegeben hat, weiß ich noch nicht. Die Zahlen erfahren wir erst in ein paar Monaten. Diskussionen in den Gemeinden hat es am stärksten im Zusammenhang mit der Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft gegeben. Das haben viele nicht verstanden, und es bleibt das Unverständnis, wie ohne irgendeine Vorleistung die Exkommunikation der vier Bischöfe aufgehoben werden konnte, die sich von wesentlichen Punkten des Vatikanischen Konzils und der Katholischen Kirche verabschiedet haben. Eine gespaltene Katholische Kirche zu hinterlassen, muss ein solcher Stachel für den Papst sein, dass er alles andere dahinter zurückgestellt hat. Aber das Thema ist noch nicht ausgestanden. Wenn die von den Bischöfen angekündigten Weihen weiter vollzogen werden, wird die Aufhebung der Exkommunikation so nicht beibehalten werden können. Insgesamt erachte ich es als positiv, dass wir uns wieder über die Grundaussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils verständigen.

Im Erzbistum Paderborn stehen in den nächsten Jahren Veränderungen an. Wie haben die Gemeinden auf die Pläne reagiert?

"Die Gemeinden sind künftig in ihrer Eigenverantwortung sehr viel stärker gefordert." Foto: WAZ, Horst Müller

Wir sind mitten im Diskussionsprozess. Mittlerweile haben in vielen Gemeinden Versammlungen stattgefunden, wo die Pläne vorgestellt wurden. Die Reaktionen waren verhältnismäßig positiv. Die Leute sagen zwar: „Schade, dass wir auf solch eine Zukunft zugehen”, aber sie sind sich sehr einig, dass die Zukunft anders geplant werden muss. Beruhigend hat zur Stimmungslage beigetragen, dass die Gemeinden so lange erhalten bleiben, wie es dort ein Gemeindeleben gibt. Es werden keine Gemeinden aufgegeben, keine Kirchen geschlossen. Die Gemeinden sind künftig in ihrer Eigenverantwortung sehr viel stärker gefordert. Aber wir fangen da nicht bei Null an, es geschieht ja schon sehr vieles. Wenn auch die Zahl der Gottesdienstteilnehmer zurückgeht, so steigt in den letzten Jahrzehnten die Zahl der Menschen, die sich in der Kirche ehrenamtlich engagieren. Das geht hin bis zum Beerdigungsbeauftragten, der zum Beispiel in unserer Gemeinde St. Peter und Paul Trauerfeiern und Beerdigungen leitet. Das Bewusstsein muss entwickelt werden: Wir sind Gemeinde. Auf das „Wir” kommt es an.

Befürchten Sie nicht, dass sich durch die Großpfarreien - eine für Wanne-Eickel, eine für Herne - noch mehr Menschen von der katholischen Kirche entfernen?

Das wollen wir eben vermeiden. Wir müssen die Konstruktion so hinkriegen, dass wir auf der einen Seite im größeren Raum die Verwaltungs- und Planungsebene haben, die Ebene des gelebten Glaubens aber vor Ort bleibt. Der Glaube braucht Nähe. Es darf keine Mobilisierungsverlierer geben, wenn ich an Kinder oder ältere Menschen denke. Ob das funktioniert, wird sich zeigen, wenn es so weit ist.

Wenn man sonntags in die Kirche geht, sieht man fast nur ältere Menschen. Was will die Kirche dagegen tun, dass die Erst- häufig genug die Letztkommunion ist?

Dass junge Leute fehlen, ist nicht nur ein Phänomen von Kirche. Das gilt auch für andere gesellschaftliche Einrichtungen. Andererseits: Die Teilnahme an Familien-, Jugendgottesdiensten und an anderen Gottesdienstformen ist durchaus erfreulich. Das ist auch genau das, was ich mir von den Großpfarreien erhoffe: Dass sie stärker differenzieren und unterschiedliche Situationen und Lebensstile berücksichtigen. Wenn in einer Gemeinde kein Jugendgottesdienst zu Stande kommt, dann aber vielleicht im größeren Raum. Man muss nicht in jeder Gemeinde alles machen, sondern kann Schwerpunkte setzen.

Ursache für die Umstrukturierung sind im Erzbistum Paderborn weniger die Finanzen als Priestermangel. Wie lange will die katholische Kirche noch den Zölibat aufrechterhalten und Frauen die Gleichberechtigung verweigern?

Ich sehe da für die überschaubare Zukunft keine Lösungsansätze, zum Beispiel in Richtung „bewährter verheirateter Männer”, wie es die Würzburger Synode in den 70er-Jahren vorgeschlagen hat. Oder in Richtung des Amtes der Diakonin. Einen Schritt in Richtung mehr Gleichberechtigung der Frauen könnten aber auch die Großpfarreien mit ihren Pastoralteams bringen. Gemeindereferentinnen könnten zum Beispiel die verantwortliche Leitung in einem der wesentlichen Felder der Gemeindearbeit übernehmen. Das ist der Vorteil eines funktionierenden Pastoralteams: die geteilte Verantwortung. Der Pfarrer ist nicht einsame Spitze. Die Gemeindeleitung lebt von unterschiedlichen Fähigkeiten der Team-Mitglieder.

Für Herne steht schon fest, dass St. Bonifatius Sitz der Pfarrei und des Pastoralteams wird. Gibt es für Wanne-Eickel inzwischen auch eine Lösung?

Wir diskutieren noch, wollen aber nach den Sommerferien eine Entscheidung treffen. Im Herbst wird dann der Dekanatsplan mit der Paderborner Leitung abgestimmt.

2017 soll der Umstrukturierungsprozess abgeschlossen sein. Welches Bild wird die katholische Kirche dann in Herne abgeben?

Die Hauptamtlichen in der Kirche werden nach wie vor ihre Rolle spielen, aber mehr als Dienst an den Diensten. Die Kirche wird stärker geprägt sein von der Begegnung mit Gemeindemitgliedern, die sich ihrer Taufberufung bewusst sind und sich auf Dauer engagieren oder punktuell. Die Gemeindemitglieder werden mehr Aufgaben und mehr Verantwortung übernehmen. Vielen ist inzwischen klar, dass Gemeinden ihr Leben selbst gestalten müssen mit Hilfe der Hauptamtlichen.

Gabriele Heimeier

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Kommentare
11.04.2009
20:00
Hinaus in Richtung Leben
von pastorfiege | #3

Was hat denn der Papst mit der katholischen Kirche zu tun?

11.04.2009
09:54
Hinaus in Richtung Leben
von Problemlöser | #2

Alle Probleme muß der Mensch mit Menschen selber lösen.

11.04.2009
07:55
Hinaus in Richtung Leben
von heidrun | #1

Es macht mich schon sehr nachdenklich, dass der Artikel mit hinaus ins Leben überschrieben ist und der Tenor auch insgesamt beibehalen wird. Da bin ich sehr froh, dass in meiner Evangelischen Kirche der Superintendent eindeutig immer einen positiven Gottesbezug den Klagen und Nöten der Menschen vorausschickt. Denn eine Lösung aller Probleme ohne Gott wird es nicht geben, darauf weist Herr Rimkus zum Glück immer wieder hin.

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