Herner Verein soll den Tipp-Kick-Sport im Ruhrgebiet retten

Nachwuchsmangel? Nicht in Herne. Jens Schüring (li.) im Duell mit Marcel-Maurice Koch. Weil Vereine anderswo reihenweise den Spielbetrieb einstellen, ruhen die Hoffnungen der Tipp-Kicker auf den Männern vom Westring.
Nachwuchsmangel? Nicht in Herne. Jens Schüring (li.) im Duell mit Marcel-Maurice Koch. Weil Vereine anderswo reihenweise den Spielbetrieb einstellen, ruhen die Hoffnungen der Tipp-Kicker auf den Männern vom Westring.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Die deutsche Tipp-Kick-Szene blickt dieser Tage gespannt auf Baukau. Dort haben sechs Herner einen Verein gegründet - trotz schwerer Zeiten.

Ein halbes Dutzend Herner Enthusiasten schickt sich an, unsere Stadt zu einer Tipp-Kick-Hochburg zu machen. Die Gruppe um den 38-jährigen Baukauer Jens Schüring hat einen Verein gegründet, am heutigen Freitag treten die Herner zu ihrem ersten Spiel an, es geht gegen ein befreundetes Team aus Waltrop. Sie hoffen, einen neuen Trend zu setzen. Tipp Kick habe das Potenzial dazu, sagt Schüring: „Ob dick oder dünn, sportlich oder nicht, jung oder alt – Tipp Kick kann jeder spielen.“

Die Neugründung ist in der Szene eine kleine Überraschung. Denn der Sport steckt in einer Krise – gerade im Revier. Vereine aus Dortmund, Essen, Sprockhövel und Schwerte meldeten sich in den letzten Wochen vom Spielbetrieb ab oder standen kurz davor. „In den 80er-Jahren kamen viele starke Clubs aus dem Westen“, sagt Schüring. Das habe sich gedreht: „Heute kommen die besten Vereine aus Süddeutschland.“ Einschlägige Internetportale werfen bereits die Frage auf: „Wird der organisierte Tipp-Kick-Sport mittelfristig aussterben?“ Entsprechend groß sind die Erwartungen der deutschen Tipp-Kick-Gemeinde an das Herner Projekt.

Früher Fußballer, heute Tipp-Kicker

Dreh- und Angelpunkt von „Phoenix“, wie der Club heißt, ist Jens Schüring, städtischer Vermessungstechniker im Außendienst und Herner Urgestein. „Ich bin heimatverbunden, es ist für mich etwas Besonderes, für einen Herner Verein zu spielen.“ Das Sportjugendhaus gegenüber des Westfalia-Stadions, in dem Phoenix jeden Mittwoch trainiert, kennt er schon seit seiner Kindheit. Eigentlich war Schüring ein, wenn man so will, richtiger Fußballer, spielte für Westfalia, die Sportfreunde Wanne und die Spielvereinigung Röhlinghausen. „Aber man wird ja mit zunehmendem Alter nicht schlanker“, und so wechselte er vor sechs Jahren vom großen aufs kleine Spielfeld (Maßstab: 1:100). Er hat das Potenzial zum Leistungsträger, spielte zuletzt in der zweiten Bundesliga. Nun will er in der vierten der vier Tipp-Kick-Ligen neu anfangen, er ist Überzeugungstäter: „Phoenix liegt mir am Herzen.“

Die anderen Spieler sind weniger erfahren, aber ebenfalls ehrgeizig. So wie Michael Guhl (48). 2012 kam er über seinen Sohn zum Tipp Kick. Der nahm an der Grundschule Forellstraße an einer von Schüring geleiteten AG teil. „Mein Sohn hat das Interesse ziemlich schnell verloren“, sagt Guhl. „Aber ich war sofort Feuer und Flamme.“ Vier Spieler nehmen am Wochenende an der Deutschen Meisterschaft nahe Bonn teil.

Dass Phoenix sein erstes Spiel ausgerechnet gegen Preußen Waltrop bestreitet, ist übrigens kein Zufall: Drei der sechs Neu-Herner, darunter Schüring, spielten früher für den Vest-Verein. Man kennt sich, auch weil Waltrop ebenfalls im Sportjugendhaus am Westring trainiert. Man sei um ein gutes Verhältnis zu den Ex-Kameraden bemüht, so Schüring. „Aber natürlich war Waltrop enttäuscht, dass wir weggehen.“