Herner Historiker über Winnetous Vermächtnis

Eckehard Koch erforscht seit Jahrzehnten den Wilden Westen und die literarische Abbildung in Mays Büchern.
Eckehard Koch erforscht seit Jahrzehnten den Wilden Westen und die literarische Abbildung in Mays Büchern.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Wanner Karl-May-Forscher Eckehard Koch zeigt sich schockiert über den Tod von Pierre Brice. Dabei sah der Schauspieler gar nicht aus wie Winnetou.

Er hat es Samstagnachmittag aus dem Fernsehen erfahren. Pierre Brice ist gestorben; der Mann, der Winnetou war. Eckehard Koch hat den französischen Schauspieler nie kennengelernt, trotzdem war er schockiert: „Sein Tod hat mich betroffen gemacht. Hätte ich ihm je die Hand drücken können, hätte mich das sehr gefreut“, sagt Koch, der nicht im Verdacht steht, in seinen Sätzen mit Pathos um sich zu werfen. Der Wanner, Jahrgang 1948, hat sein Leben Karl May gewidmet. Seit Jahrzehnten erforscht er die Hintergründe seiner legendären Romanreihe. Pierre Brice, sagt Koch, prägt das Indianer-Bild der Deutschen bis heute.

Dabei war dieser 33-jährige Mann aus Brest, der 1962 erstmals den Winnetou verkörperte, so ganz anders als von May beschrieben. „In den Büchern hat Winnetou die Haare immer helmartig nach oben geflochten“, so Koch, der über 70 Bücher und Aufsätze über May veröffentlicht hat. Trotzdem ist es das ikonenhafte Gesicht dieses Schauspielers, das die Deutschen mit dem heldenhaften Häuptling der Apachen assoziieren.

Die Ästethik seiner Erscheinung ist in Kochs Augen verantwortlich dafür, dass Brice mit nur einer Rolle zu einem der bekanntesten Männer des deutschen Filmgeschäfts wurde: „Er war eine markante Persönlichkeit, hatte einen edlen Gesichtsausdruck. Die Verfilmungen waren bis in die Nebenrollen toll besetzt. Mario Adorf, Götz George, Terence Hill, Uschi Glas, Rolf Wolter, Stewart Granger. Natürlich auch Lex Barker, der als Old Shatterhand ebenfalls ganz anders aussah als in den Büchern. Aber das hat das Publikum nie gestört.“ Koch gibt zu: Auch er hat sich beim Lesen Winnetou stets als Brice vorgestellt.

In den USA staunten sie über ihn

So sehr Pierre Brice im Deutschland der 60er-Jahre angebetet wurde, so unbekannt blieb er in Winnetous Heimat. In den USA, so Koch, kenne kaum jemand die in Kroatien gedrehten Euro-Western. Anfang der 90er reiste Koch nach San Francisco, um am dortigen Goethe-Institut einen Vortrag darüber zu halten, wie Karl May das Bild der Deutschen von den Indianern geprägt hat. Er zeigte den Gästen auch „Winnetou III“, den Teil, in dem der Häuptling in die ewigen Jagdgründe eingeht. Im Publikum saßen einige echte Ureinwohner, an ihre Reaktion kann sich Koch bis heute erinnern. „Diesen Film fanden sie nicht sehr realistisch. Er war so ganz anders als die amerikanischen Western. Ich will nicht sagen, dass die Leute schockiert gewesen sind. Aber sie haben das mit Staunen zur Kenntnis genommen.“