Herner Erzieherinnen streiken für mehr Wertschätzung

Die Anforderungen in den Kindertagesstätten sind in den vergangenen Jahren stetig gewachsen.
Die Anforderungen in den Kindertagesstätten sind in den vergangenen Jahren stetig gewachsen.
Foto: dpa
In den Tarifverhandlungen für die Beschäftigen in Sozial- und Erzieherberufen kommt es heute wieder zum Warnstreik. Alle städtischen Kitas sind dicht.

Herne..  Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi macht Druck: In den Tarifverhandlungen für die Beschäftigen in Sozial- und Erzieherberufen hat sie nach Montag für heute zu einem weiteren Warnstreik aufgerufen. Die WAZ sprach mit drei Beschäftigten, um zu erfahren, was sich hinter der Verdi-Parole „Richtig gut - aufwerten jetzt!“ verbirgt.

Dass gerade Erzieherinnen bereits jetzt eine hohe Wertschätzung genießen, verdeutlich Kornelia Tyrhardt, die in den städtischen Kitas an der Hof- und der Plutostraße arbeitet, an folgender Begebenheit. Vor einigen Tagen sei eine Lehrerin zu Besuch gewesen. Anschließend habe sie gesagt: „Wenn ich sehe, was ihr leistet, verstehe ich nicht, das ihr weniger verdient als wir.“

Es ist eine Menge, was Erzieherinnen heute zu leisten haben. So sei die Arbeit mit den Kindern anspruchsvoller geworden, weil sich die Kinder verändert hätten. „Viele kommen mit emotionalen Problemen.“ Tyrhardts Kollegin Claudia Becker steht dabei vor einer besonderen Herausforderung. Sie ist eine sogenannte Springerin, sie lindert personelle Engpässe in verschiedenen Kitas. „Ich muss mich immer wieder auf neue Kinder und neue Situationen einstellen.“

Zahlreiche Pflichten

Eine dieser neuen Situationen ist aktuell die Arbeit mit syrischen Kindern, die nicht deutsch sprechen und möglicherweise traumatisiert sind. Die Erzieherinnen stehen vor der Frage, wie sie das Beste für diese Kinder schaffen.

Doch neben der eigentlichen Betreuung sind eine Vielzahl von anderen Aufgaben hinzu gekommen, etwa die Dokumentation zu den Kindern oder die Elternarbeit. Auch die U3-Betreuung zählt zu den zusätzlichen Aufgaben. Darüber hinaus seien die Kitas seit einiger Zeit auch Familienzentren - mit den entsprechenden Pflichten. Diese kleine Liste mag nicht vollständig sein, doch sie offenbart, wie umfangreich die Arbeit in einer Kindertagesstätte ist. „Erzieherinnen sind zu Bildungsexpertinnen geworden“, sagte Vize-Verdi-Chefin Dagmar Schorsch-Brandt vor einiger Zeit. Doch die Stellenbeschreibungen sind seit 1991 unverändert geblieben. Das ist auch der Kern der Tarifauseinandersetzung. Die Gewerkschaft fordert eine Neuregelung

Aus der Politik heiße es immer wieder, dass frühkindliche Bildung sehr wichtig sei und kein Kind zurück gelassen werden dürfe, so Tyrhardt und Becker, doch unter den gegebenen Voraussetzungen sei dies sehr schwierig zu bewerkstelligen.

Holger Höhner-Mertmann, Teamkoordinator an der Jugendfreizeitstätte Pluto in Bickern, drückt es so aus: „Ich bekomme ganz viel Wertschätzung. Vom Amtsleiter und von der Dezernentin. Doch das spüre ich nicht im Portemonnaie.“

Ins Pluto kämen Jugendliche, um dort ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen. Gerade in den bevorstehenden Osterferien sei besonders viel los, da die Jugendfreizeitstätten Programme für Familien organisieren, die es sich nicht erlauben können, zu verreisen. Es könne vorkommen, dass sich mehr als 100 Jugendliche in den Räumen aufhalten.

Er ist sich mit Tyrhardt und Becker einig: „Es wird nicht wert geschätzt, welch verantwortungsvolle Aufgabe wir haben.“

Deshalb beteiligen sie sich am Warnstreik. Mit dem soll nach den Worten des Herner Verdi-Chef Norbert Arndt der Druck in den Verhandlungen erhöht werden, um Eltern und Kindern einen mehrtägigen Erzwingungsstreik zu ersparen. Bei den kommenden Verhandlungen müsse es konkrete Ergebnisse geben.

Alle 19 städtischen Kindertagesstätten sind geschlossen

In Herne kommt es heute zur Schließung sämtlicher 19 Kindertagesstätten der Stadtverwaltung. Die Eltern sind informiert. Hinsichtlich der Einrichtung von Notgruppen ist die Stadt Herne nicht auf Verdi zugekommen. Ausfälle sind in der Arbeit der Kinder- und Jugendheime, bei Beratungsstellen, Sozial- und Jugendamt sowie in Werkstätten für behinderte Menschen zu erwarten. Die nächste Verhandlungsrunde ist am 9. April.