Hazinedar wirbt für Städtepartnerschaft mit Herne

Murat Hazinedar, Bürgermeister von Besiktas (l.), mit WAZ-Redaktionsleiter Michael Muscheidauf der Aussichtsterrasse des Rathauses in Besiktas.
Murat Hazinedar, Bürgermeister von Besiktas (l.), mit WAZ-Redaktionsleiter Michael Muscheidauf der Aussichtsterrasse des Rathauses in Besiktas.
Foto: Stadt Besiktas
Was wir bereits wissen
Der Bürgermeister des Istanbuler Stadtbezirks Besiktas, Murat Hazinedar, wirbt im WAZ-Interview für eine Städtepartnerschaft mit Herne.

Murat Hazinedar, Bürgermeister des Istanbuler Stadtbezirks Besiktas, hat Herne die Städtepartnerschaft angeboten. Darüber sprach die WAZ mit dem Juristen im Rathaus von Besiktas. Die SPD-Stadtverordnete Nurten Özcelik begleitete die WAZ und dolmetschte bei dem Interview.

Warum haben Sie Herne die Städtepartnerschaft angeboten?

Murat Hazinedar: Das war ja keine einseitige Initiative. Es hat ja schon im Vorfeld viele Gespräche gegeben, vor allem mit Nurten Özcelik. Sie hat mir von Herne vorgeschwärmt, mit viel Leidenschaft. Außerdem schätze ich ihre Arbeit gerade im Bereich der Integration, und das möchte ich unterstützen. Deshalb bin ich im Januar nach Herne gekommen. Beim Besuch unserer Delegation war ich dann sehr angetan von der sehr offenen und herzlichen Gastfreundlichkeit, und die Gespräche mit Oberbürgermeister Frank Dudda haben gezeigt, dass das passt.

Aber Sie haben mit Erlangen in Bayern schon eine deutsche Partnerstadt, hinzu kommen fünf weitere, etwa Brooklyn. Warum noch Herne?

Herne sei keine besonders attraktive Stadt, Herne sei nicht Köln — dieses Argument habe ich auch hier zu Hause gehört. Aber ich sage: Herne ist eine wichtige Stadt in Nordrhein-Westfalen, sie liegt im Herzen des Bundeslandes, so wie Besiktas im Herzen Istanbuls liegt. Ich glaube daran, dass eine fruchtbare Partnerschaft mit engagierten Menschen vor Ort möglich sein wird.

Es heißt, Sie wollen sogar 30 neue Städtepartnerschaften schließen. . .

Ja, meine Amtszeit dauert noch drei Jahre, und das habe ich mir für die nächsten drei Jahre vorgenommen. Im Grunde hätte ich sogar gerne eine deutsche Partnerstadt in jedem Bundesland. Berlin-Charlottenburg kommt bald dazu, der Rat hat da bereits zugestimmt, möglicherweise auch Herne, und vielleicht reicht das dann auch in Deutschland. Das Ziel dahinter ist, dass sich die Menschen kennen lernen, ihre Lebensweisen, und dass sie sich austauschen und Begegnungen schaffen. In Deutschland leben drei Millionen türkischstämmige Menschen. Da machen viele Städtepartnerschaften zwischen der Türkei und Deutschland Sinn.

Was hätte denn Herne von einer Städtepartnerschaft mit dem Bezirk Besiktas?

Besiktas steht für das Moderne, die Freiheit, die Toleranz und den Frieden. Besiktas ist das Herz Istanbuls. Oder um es mit Napoleon zu sagen: „Wenn es auf der Welt nur ein Land gäbe, dann wäre die Hauptstadt wohl Istanbul.“ Und die Hauptstadt von Istanbul wäre Besiktas. Besiktas kennt jeder in der Türkei, Besiktas ist eine Marke, weit über die Grenzen hinaus sehr bekannt und hat Vorbildfunktion für andere. Davon kann Herne profitieren.

Auf welche Weise?

Besiktas kann zeigen, wie selbstverständlich Toleranz gelebt wird. Besiktas ist weltoffen, hier können die Menschen ihre Religion friedlich ausüben, in Freiheit. Hier lebt man den Islam, das Christentum und das Judentum so menschlich wie nur denkbar, ohne Vorbehalte. Wir haben viele christliche Kirchen und Synagogen, auch die besuche ich. Die Menschen sind sehr glücklich, modern, begegnen sich mit Offenheit.

Glauben Sie, dass Herne noch Nachholbedarf hat in Sachen Toleranz und Integration?

Ich glaube, es läuft noch längst nicht alles rund in Deutschland. Man müsste das Problem der Integration anders angehen. Aber ich will hier keine Vorschläge unterbreiten, das könnte man gemeinsam erarbeiten. Die Probleme holen einen ein, so wie die Flüchtlingssituation. Besiktas ist da ein Paradebeispiel, wie man Integration lebt. Ich würde mir wünschen, dass die türkischstämmigen Herner dieselben Werte haben wie die Türken in Besiktas: Dass sie sich weltoffen zeigen und mit dem Land

identifizieren können, in dem sie leben.

Was hätte Besiktas von einer Städtepartnerschaft?

Man sollte gemeinsam überlegen, was man aufbauen könnte. Wir brauchen gemeinsame Ziele. Die Wirtschaft könnte profitieren, es könnte zu wirtschaftlichen Verflechtungen kommen. Wenn Deutschland wirtschaftlich stark ist, könnten wir davon profitieren und wenn die Türkei wirtschaftlich stark ist, könnte Deutschland davon profitieren. Deutschland und die Türkei sind schon miteinander unzertrennlich verbunden, es gilt, diese Verbindung für beide Seiten zufriedenstellend weiter auszubauen.

Wie wollen Sie die Städtepartnerschaft mit Leben füllen?

Einmal im Jahr möchte ich einen Tag veranstalten, der der Partnerstadt gehört, also auch einen Herne-Tag. An diesem Tag werden die Fahnen der Türkei, von Besiktas, von Herne und von Nordrhein-Westfalen gehisst, Vertreter aus Herne sind zu Gast und stellen sich und ihre Stadt der Öffentlichkeit vor. Ich würde mir wünschen, wenn es so einen Tag auch in den Partnerstädten von Besiktas geben würde. Zugleich sollten die Verantwortlichen an diesem Tag Bilanz ziehen über das abgelaufene Jahr und nach vorne schauen, sich neue Ziele setzen. Ich möchte, dass der Austausch so intensiv wie möglich und fruchtbar ist.

Wie soll sich die Städtepartnerschaft auf der Bürgerebene gestalten?

Es soll nicht so sein, dass die Verwaltungen das langfristig koordinieren müssen. Mein Ziel ist es, den Prozess anzustoßen und zu begleiten. Jede Institution und Organisation muss irgendwann in der Lage sein, den Austausch selber mit Leben zu füllen, darunter die Schulen. Wir wollen den Anfang machen, den Weg bereiten und brauchen dann Nachhaltigkeit. Der Austausch sollte aber auch auf Verwaltungsebene stattfinden. Besiktas könnte etwa Mitarbeiter nach Herne schicken und umgekehrt. So bekommt man einen intensiven Austausch hin. Ich kann mir sogar vorstellen, dass man als Bürgermeister mal für ein paar Tage die Stühle tauscht. Das gab es noch nie und würde ein großes Medienecho auslösen (lacht)! Beide Seiten können voneinander lernen, da beide Seiten unterschiedlich strukturiert und aufgebaut sind.

Hazinedar will CDU überzeugen

Haben Sie mitbekommen, dass es auch Vorbehalte gegen die Städtepartnerschaft gibt, vor allem in der CDU, die im Stadtrat mit der SPD kooperiert?

Ja, das habe ich mitbekommen. Allerdings: Bei unserem Besuch in Herne habe ich auch CDU-Vertreter kennengelernt, zum Beispiel die Bürgermeisterin Andrea Oehler. Da

hatte ich im Gegenteil das Gefühl, dass sie sehr angetan war von der Idee einer Städtepartnerschaft. Und ich bin sicher, dass ich die CDU überzeugen kann, dass eine Städtepartnerschaft eine gute Sache ist.

Sie haben neben dem Herne-Tag auch angeboten, einen Park in Besiktas nach Herne zu benennen. CDU-Fraktionschef Markus Schlüter hat da süffisant angemerkt, so viele Parks gebe es nicht in Besiktas, die man nach all den Partnerstädten benennen könnte, die Sie sich planen.

Das biete ich nicht allen an - aber Herne. Für die anderen finden wir schon etwas anderes. Für Brooklyn etwa werden wir eine kleine Brooklyn-Brücke in einer neuen Parkanlage bauen. Im Übrigen: Dass Kritik von der CDU kommt, gehört zur Kommunalpolitik, kontroverse Diskussionen sind normal. Wir möchten die CDU überzeugen. So, dass sie einräumt, dass ihre anfängliche Kritik nicht berechtigt war. Und wie gesagt: Besiktas kann Herne helfen in den Bereichen, in denen die CDU Kritik übt. Nur mit Offenheit kann man sich begegnen und austauschen.

Was ist Ihnen denn von Ihrem Besuch in Herne in Erinnerung geblieben?

Die Ruhe. In Besiktas habe ich jeden Tag zwei Millionen Menschen um mich. In Herne war es ruhig, da habe ich Frieden gefunden.

Wo landet Besiktas Istanbul, der Fußballverein aus der Süper-Lig, am Ende der Saison?

Wir werden türkischer Meister. Und im nächsten Jahr spielen wir Champions League, dazu lade ich Sie dann ein. Überhaupt: So wie wir hier zusammensitzen und uns austauschen, das ist doch ein Anfang. Und schon ein Gewinn für beide Seiten.

Hazinedar schlüpft in die Rolle des Interviewers

Murat Hazinedar wollte während des Interviews auch Fragen an Michael Muscheid stellen.

Wie stufen Sie die Zusammenarbeit zwischen Herne und Hernes sechs Partnerstädten ein?

Muscheid: Insgesamt eher suboptimal. Da ist einiges eingeschlafen. Da, wo es noch einigermaßen läuft, ist das dem Engagement einzelner Beteiligter zu verdanken, die hinter den Städtepartnerschaften stehen und versuchen, den Gedanken mit Leben zu füllen. Siehe Belgorod: Von dort kommen jedes Jahr Studentinnen nach Herne, die dann vor Ort in Gastfamilien leben und Deutschland kennen lernen.

In der Türkei gibt es niemanden, der Besiktas nicht kennt. Kennt in Deutschland jeder auch Herne?

Na ja, ich hoffe doch. Aber vermutlich verbindet nicht jeder in Deutschland Herne mit einer Sehenswürdigkeit. Der Stadt fehlt ein Leitmotiv, ein Leitgedanke. Wir haben die Cranger Kirmes. Aber die bringt man mit Wanne-Eickel in Verbindung.

Auf der türkischen Seite von Wikipedia steht unter dem Eintrag über Herne noch immer, dass der Herner Oberbürgermeister Horst Schiereck heißt. Wie kann das sein?

Gute Frage. Dafür steht auf der deutschen Seite von Wikipedia in dem Eintrag über Besiktas, das noch Ihr Vorgänger Ismail Ünal im Amt ist.

Kann nicht sein!

(Hazinedar sucht auf seinem Handy den entsprechenden Eintrag im Internet, findet ihn, schüttelt mit dem Kopf, sagt einem Mitarbeiter, dass das geändert werden muss und fügt an, dass auf Wikipedia eben nicht alles aktuell sei).