Franz Müntefering blickt zum 75. Geburtstag lieber nach vorn

Franz Müntefering, ehemaliger Vizekanzler und SPD-Parteichef hat 75. Geburtstag.
Franz Müntefering, ehemaliger Vizekanzler und SPD-Parteichef hat 75. Geburtstag.
Foto: Ralph Bodemer
Was wir bereits wissen
SPD-Urgestein Franz Müntefering wird an diesem Freitag 75 Jahre alt. Gegen den Terror setzt er auf Zusammenhalt. Pegida hält er für reaktionär.

Herne.. Franz Müntefering, ehemaliger SPD-Bundesvorsitzender und Vizekanzler, wird an diesem Freitag 75 Jahre alt. Aus diesem Anlass sprach die WAZ mit dem SPD-Urgestein mit Wohnsitz in Herne.

Herr Müntefering, wie geht’s Ihnen mit 75?

Franz Müntefering: Ich fühle mich wie 75, das ist mal klar. Das Schöne aber ist, dass ich erleben kann, dass es einem mit 75 noch gut gehen kann: Natürlich werde ich langsamer, auch meine Kraft und meine Geschwindigkeit nehmen ab. Aber ich kann nicht klagen. Und der Kopf ist noch da, das ist ganz wichtig.

Steigt zum Geburtstag eine große Party?

Franz Müntefering: Nein. Am Geburtstag selbst feiern meine Frau und ich ganz privat. Am Tag danach dann mit Verwandtschaft und Freunden, aber auch eher im kleinen Rahmen. Richtig gefeiert wird erst dann, wenn ich alt werde.

Schauen Sie mit 75 mehr zurück oder nach vorn?

Franz Müntefering: Eindeutig nach vorn. Wie ich mit kurzen Hosen ausgesehen habe, das weiß ich. Ich interessiere mich lieber für das, was kommt. Und das ist viel.

In der Tat sind Sie pausenlos unterwegs, besuchen Veranstaltungen, Land auf, Land ab, nicht selten sind Sie Hauptredner. Wieso diese hohe Schlagzahl?

Franz Müntefering: Stimmt, im Durchschnitt habe ich etwa einen Termin pro Tag. Das ist gut für mich. Und hoffentlich manchmal auch für die, die ich treffe.

Andere Rentner legen sich lieber aufs Sofa. . .

Franz Müntefering: Für mich wäre das falsch. Ich versuche, den Körper fit zu halten und der Kopf gehört ja dazu. Aufs Sofa legen und Kreuzworträtsel lösen, das hilft da nicht. Besser Gymnastik – morgens im Badezimmer, da guckt keiner zu. Ich habe ein Laufband, kenne aber auch den Weg nach Mont Cenis. Keine Hektik: Ich kann ja jetzt eine Stunde länger schlafen als in meiner aktiven Zeit.

"Das ist kein Küchenkabinett bei uns"

Im Bundestag gab es vor über einem Jahr den fliegenden Wechsel: Sie haben den Bundestag verlassen, Ihre Frau Michelle zog in den Bundestag ein. Wie beurteilen Sie ihren Start?

Franz Müntefering: Jahreszeugnisse gibt es im Bundestag nicht, sondern die Gesamtbewertung nach vier Jahren. Das machen die Wählerinnen und Wähler. Neulinge erleben ein Abenteuer, das man vorher nicht gekannt hat. Meine Frau hat gute und wichtige Arbeitsfelder gefunden, das freut mich. Ich bin sicher, dass sie was Gutes und Wichtiges draus macht. Daran hatte ich nie einen Zweifel.

Besprechen Sie ihre Arbeit im Bundestag?

Franz Müntefering: In Maßen. Das ist kein Küchenkabinett bei uns, und wir führen keine wechselseitigen Berichterstattungen durch. Aber wir bereden natürlich Dinge, die uns interessieren und manchmal gehen wir auch in die Tiefe.

Fragt Ihre Frau Sie um Rat?

Franz Müntefering: Nicht so, dass sie mit einem Problem zu mir käme. Dafür gibt es Fachleute, die Erfahrung haben, im und außerhalb des Bundestages. Sie geht ihren eigenen Weg und hat schon jetzt viele Netzwerke.

Treffen Sie noch Ihre alten Weggefährten Schröder, Gabriel oder Steinmeier?

Franz Müntefering: Ja, die und noch andere. In Berlin, aber auch in Wahlkreisen in ganz Deutschland, in denen ich unterwegs bin. Dann redet man über das, was ansteht.

Fragen die aktiven Kollegen den „Alten“ dann um Rat?

Franz Müntefering: Nicht oft, aber das habe ich auch nie gemacht. Das erwarte ich auch nicht. Ich halte nicht viel von Hintergrund-Kabinettsrunden. Die Jungen sind dran und wir Alten sind ja auch nicht nur weise.

"In Herne kann man gut leben"

Seit Ihrer Heirat vor fünf Jahren wohnen Sie in Herne. Ist diese Stadt schon ein Stück Heimat für Sie?

Franz Müntefering: Ich habe 52 Jahre lang in Sundern im Sauerland gewohnt, das hat mich geprägt, das würde ich als Heimat bezeichnen. Danach war ich in Bonn und Berlin - und bin jetzt in Herne. Diese drei Städte sind mir gleich lieb. In Herne kann man gut leben: Die U-Bahn habe ich vor der Tür, ebenso die Innenstadt zum Einkaufen, und etwa auch das medizinische Angebot ist hier sehr dicht. Das alles kennt man in dünner besiedelten Gebieten, etwa dem Sauerland, so nicht.

Im Stadtgebiet sind Sie durchaus präsent, eben weil Sie viel zu Fuß und mit der U-Bahn unterwegs sind. Sprechen Sie viele Leute an?

Franz Müntefering: Durchaus. Die meisten sagen „Guten Tag“, so wie ich auch. Zu 90 Prozent sind die Leute freundlich, mal meckert auch einer. Gerade in der U-Bahn oder im Zug sagen die Leute dann: „Was ich Ihnen schon immer mal sagen wollte“ – in Ordnung.

Viele Städte, so auch Herne, sind chronisch unterfinanziert. Hernes Kämmerer etwa sieht den Bund stärker in der Pflicht. Stimmen Sie zu?

Franz Müntefering: Ich glaube in der Tat, dass es eine Entlastung geben muss. Die Unterschiede zwischen vielen Städten und Regionen sind groß. Der Bund hat ja bereits die Grundsicherung übernommen. Nun folgt Schritt für Schritt die Übernahme der Eingliederungshilfe für Behinderte. Das ist gerade für diese Region wichtig. Wenn der Wohnort über die Chancen eines Menschen bestimmt, dann ist etwas aus dem Lot geraten. Es ist ja nicht so, dass die Menschen im Ruhrgebiet schuld daran sind, dass es ihnen schlechter geht als anderen. Sie haben über Jahrzehnte mit ihrer Industrie dazu beigetragen, dass das Land prosperieren konnte und dabei auch 35 Jahre lang Kohle nach Bayern geschickt — erfolgreich. Nun muss man gucken, wie diese und die nächsten Generationen gut und erfolgreich im Ruhrgebiet leben können.

Die Pegida-Bewegung ist reaktionär

Die Anschläge von Frankreich haben auch Deutschland erschüttert. Was haben Sie empfunden, als Sie davon gehört haben?

Franz Müntefering: Ich war tief erschrocken. Es ist etwas geschehen, das nicht undenkbar war, aber doch ein Tabubruch ist. Das ist ein asymmetrischer Krieg: Es gibt keine Fronten mehr, man weiß nicht, wo der Gegner ist. Nur, dass er Freiheit und Solidarität brutal mit Füßen tritt. Selbst Kriegsregeln gelten da nicht mehr. Das geht die Welt an, nicht nur Frankreich.

Was können wir dagegen tun?

Franz Müntefering: Zusammenhalten und zusammenstehen. Nicht in Schockstarre verfallen: Wir sind stärker. Freiheit und Demokratie sind stärker. Nur dann kann man dem Terror widerstehen, dem in Frankreich, aber auch dem in anderen Ländern. Die Täter müssen sehen, dass wir uns unterhaken gegen die, die unsere Werte nicht akzeptieren, in Frankreich, weltweit.

Was sagen Sie zu den Pegida-Bewegungen, die in den letzten Wochen entstanden sind?

Franz Müntefering: Das ist reaktionär, und bei vielen Beteiligten steckt völkisches Denken dahinter. Nach dem Motto: Wir verschanzen uns hinter Stadtmauern, alle anderen raus, wir bleiben für uns allein. Aber Stadtmauern gibt’s nicht mehr, das ist eine völlige Verkennung der Realität: Kein Land kann auf dieser globalisierten Welt mehr für sich allein leben, und allein seinen Wohlstand garantieren. Da gibt es kein Zurück mehr. Wir müssen nach vorne denken und handeln und so Wohlstand und Frieden sichern.