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Flüchtlinge: „Was uns sehr fehlt, ist die Arbeit“

12.01.2016 | 10:00 Uhr
Flüchtlinge: „Was uns sehr fehlt, ist die Arbeit“
Eine Flüchtlingsfamile aus Gizeh in Ägypten lebt jetzt in Herne.Foto: Barbara Zabka / Funke Foto Service

Herne.   Eine Familie aus Ägypten wohnt seit zweieinhalb Jahren in Herne – darf hier aberkeinen Job annehmen. Christen werden im Land an Nil diskriminiert.

Der 32-Jährige und seine 31-jährige Ehefrau hatten es gut in Ägypten, finanziell gesehen. B.S. und M.Y., die ihre vollständige Identität aus Angst vor Repressalien nicht preisgeben möchten, wohnten mit ihren beiden kleinen Söhnen in Gizeh, in der Nähe der berühmten Pyramiden. Eine schöne Wohnung im Haus der Eltern, ein Auto - vom Arbeitgeber gestellt – und Urlaube am Meer in Hurghada oder Alexandria, all das konnte sich die Familie leisten. Und dennoch hat sie Ägypten verlassen. „Wir wurden dort diskriminiert“, erklärt B.S.. Er ist koptischer Christ, eine Minderheit, die zunehmend aus dem Land am Nil auswandert.

Beispiele für Verfolgung und Gewalt gegen Kopten gibt es zahlreiche. Im Zuge der Revolution in Ägypten 2011, nach der Präsident Mubarak abdankte, und der Staatskrise in Ägypten 2013, an deren Ende das Militär putschte und Präsident Mursi zum Tode verurteilt wurde, wurden wiederholt Kopten und Muslime getötet, zahlreiche Kirchen wurden geplündert oder zerstört.

„Was man in den europäischen Medien sieht und liest, stellt die Situation in Ägypten nicht richtig dar“, sagt S. . Es sei dort in Wirklichkeit viel schlimmer für die christliche Minderheit, die zusammen mit Protestanten, Katholiken und Orthodoxen ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung ausmache.

Hier, im Herzen Hernes, fühlen sich vier Ägypter dagegen gut aufgehoben. Eine Wohnung, von der Stadt bezahlt, und Sozialhilfe reichen zum Leben aus: „Wir sind sehr zufrieden“, sagt S., der zusammen mit seiner Frau Y. ständig Deutsch übt, um fit für eine Arbeit, für einen Beruf zu werden. Aber bis dahin könnte es ein steiniger Weg sein, wenn es überhaupt einen Weg gibt. Denn das Quartett besitzt lediglich einen Aufenthaltsstatus, die Vier sind keine anerkannten Asylanten.

Zweieinhalb Jahre wartet die Familie schon, seit zweieinhalb Jahren ist sie zum Nichtstun verdammt. „Es ist angenehm hier in Deutschland, aber was uns sehr fehlt, ist die Arbeit“, macht S. deutlich. In Ägypten habe er in seinem Beruf als Buchhalter einen Zehnstundentag gehabt, jetzt sei er zur Langeweile gezwungen. Am liebsten würde er in seinem gelernten Job weitermachen, aber auch umschulen und in einem anderen Beruf arbeiten. Seine Frau Y. sagt: „Ich würde alles machen, Hauptsache Arbeit.“ In Ägypten sei es für Christen sehr schwer, frei zu sein, das werde sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern, ist sich das Paar einig. Eine Rückkehr steht also nicht auf dem Plan – und sie wird auch immer schwieriger.

Denn die beiden Söhne, sechs und dreieinhalb Jahres alt, wachsen allein deutschsprachig auf. In ihrer alten Heimat am Nil könnten sie sich nicht einmal mehr mit ihren eigenen Großeltern unterhalten.

Martin Tochtrop

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2016-01-12 10:00
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