Extremfall Jugend
12.02.2010 | 09:00 Uhr 2010-02-12T09:00:00+0100
Ein Dutzend Herner Teenager braucht eine spezielle 24-Stunden-Einzelbetreuung durch Sozialpädagogen.
ie müssen raus. Raus aus ihrer Umgebung, raus aus Herne und öfter auch raus aus Deutschland: Etwa ein Dutzend Teenager befindet sich in intensiven individualpädagogischen Maßnahmen. Betroffen sind Jugendliche, die kaum zu sozialer Bindung fähig sind und die niemandem mehr vertrauen – keinem Erwachsenen und nicht mal sich selbst.
Im Jahr 2008 hat die Stadt für Hilfen zur Erziehung (HzE) rund 10 Mio. Euro ausgegeben, davon rund 6 Mio. für stationäre Hilfen und jeweils 2 Mio. für ambulante Hilfen und Vollzeitpflegen. Die intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung (13 Fälle zum Stichtag) kostete rund 280 000 Euro. Während die Gesamtkosten seit 2000 relativ konstant geblieben sind (9 bis 11 Mio. Euro), ist der Anteil der HzE-Empfänger an der jugendlichen Stadtbevölkerung (0 bis 21 Jahre) stark gestiegen: von 13 (2000) auf 21 (2008) je 1000 junger Einwohner.
Sich zusammen mit einem Fremden durch die Wildnis in Kasachstan schlagen, Arbeiten auf einem Bauernhof oder in einer Autowerkstatt in Polen, Ungarn oder der Türkei. So genannte „Standortprojekte” im Ausland für jugendliche Problemfälle haben nichts mit Abenteuerferien zu tun, dahinter steckt schwere sozialpädagogische Arbeit, weiß Norbert Suuck, Teamleiter beim Allgemeinen Sozialdienst: „Dort gibt es eine reizarme Situation, fern von Internet, Drogen und oft problematischen Alltags- und Familiensituationen. Eine Situation, aus der die Jugendlichen nicht entweichen können.”
Im fremden Umfeld sollen die meist zwischen 14 und 17 Jahre alten Jugendlichen sich wieder auf wesentliche Dinge konzentrieren können, soziale Beziehungen aufbauen, Konflikte lösen und altersgerechtes Verhalten erlernen. „Oft stimmen die sozialen Rollen einfach nicht. Da gibt es 12- oder 13-jährige Jungs, sehr gewaltbereit, die in Straßengangs rumhängen und eigentlich schon Erwachsenenrollen übernehmen. Diese Kinder müssen erst mal wieder lernen, Kind zu sein.”
Neue Menschen, neues Umfeld, neuer Alltag – häufig sei das der Schlüssel, um an tiefe Traumata, Enttäuschungen und Konflikte heranzukommen, sie dauerhaft zu lösen und die jungen Menschen langfristig wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Solche Maßnahmen sind eine Möglichkeit im Spektrum der Jugendhilfe, nicht immer automatisch die letzte, fast immer aber auch nicht die erste. Die meisten haben schon diverse ambulante Jugendhilfsangebote oder Heimaufenthalte hinter sich, viele sind bereits straffällig geworden.
„Die individualpädagogische Maßnahme ist immer Teil eines individuell zugeschnittenen Jugendhilfeplans”, erklärt Suuck. In der Regel betreue eine pädagogische Fachkraft den Jugendlichen vor Ort rund um die Uhr und es bestehe ein ständiger Austausch mit dem städtischen Jugendhilfeträger.
Eine derart intensive Betreuung hat natürlich seinen Preis: Sie kostet mindestens 4000 bis 5000 Euro pro Monat, oft sogar deutlich mehr. Zum Vergleich: Die Unterbringung in einer Wohn- oder Heimgruppe kostet rund 3900 Euro monatlich. Allerdings kommen diese Intensivmaßnahmen eben auch nur selten zum Einsatz: Zum Stichtag 31.12.2008 waren es 13, dem gegenüber standen 702 Bezieher von Erziehungshilfen insgesamt.
Ute Friedrich, Abteilungsleiterin für Erziehungshilfe im Fachbereich der Stadtverwaltung, blickt auf 30 Jahre Berufserfahrung in der Jugendhilfe zurück und kennt die Gründe dafür, warum junge Menschen jedem Regelsystem entgleiten: „Armut, fehlende Bildung schon bei den Eltern, überforderte Mütter, arbeitslose Väter ohne Selbstbewusstsein, Familienstrukturen ohne echte Bindungen. . . Es fehlt schlicht die Basis, um mit Krisen umgehen, um sie bewältigen zu können.” Diesen Kindern fehle das Urvertrauen, sie bräuchten Erfolgserlebnisse und die Erfahrung, dass sich Erwachsene wirklich um sie kümmern. „Die glauben den Erwachsenen nicht mehr”, so Suuck.
Wie hoch die Erfolgsquote ist, sagt Ute Friedrich, sei schwer zu beziffern und ab und zu müsste die Maßnahme auch abgebrochen werden, jedoch: „Es ist oft die einzige Chance. Und wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt, sind wir – auch rechtlich – dazu verpflichtet, es zu versuchen.”
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