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Interview

„Es gibt eine Alternative zur Sterbehilfe“

11.07.2015 | 09:00 Uhr
„Es gibt eine Alternative zur Sterbehilfe“
Dr. Rolf Lücke vom Förderverein Lukas-Hospiz im INterview.Foto: Barbara Zabka

Herne.   Dr. Rolf Lücke sieht in der Palliativmedizin ein starkes Gegengewicht zum ärztlich assistierten Suizid,der zurzeit diskutiert wird.

In der vergangenen Woche debattierten die Abgeordneten im Bundestag in erster Lesung über die Gesetzentwürfe zum ärztlich assistierten Suizid. Bundestagspräsident Norbert Lammert bezeichnete das Gesetzesvorhaben als eines der „anspruchsvollsten und schwierigsten in dieser Wahlperiode.“ Dr. Rolf Lücke, Vorsitzender des Fördervereins Lukas-Hospiz, erläutert im Gespräch mit WAZ-Redakteur Tobias Bolsmann den Standpunkt des Vereins.

Es gibt vier Gesetzentwürfe mit verschiedenen Ansätzen zum ärztlich assistierten Suizid. Wie bewerten Sie die Ansätze?

Lücke: Wir haben uns intensiv Gedanken zu den Vorschlägen gemacht. Wir könnten uns mit dem Vorschlag eines Verbots organisierter Hilfe beim Suizid durch Organisationen und die Ablehnung eines ärztlich assistierten Suizids arrangieren. Als Mediziner stelle ich mich hinter den Standpunkt der Bundesärztekammer, dass es nicht zu den ärztlichen Aufgaben gehört, Sterbehilfe aktiv zu leisten. „Sterben an der Hand und nicht durch die Hand des Arztes“. Bei den anderen Vorschlägen sehen wir verschiedene Gefahren.

Welche wären das?

Bei einer gesetzlich festgelegten aktiven Sterbehilfe besteht für den Arzt ein unvorstellbarer Druck der Entscheidungsfindung. Es gibt Grenzbereiche, in denen man individuell entscheiden muss, aber hier gibt es Möglichkeiten (passive Sterbehilfe), gerade auch in der kompetenten palliativen Behandlung und Begleitung. Ebenso könnten Patienten emotional in eine Situation gedrängt werden, bei der sie sich fragen, ob sie eine Belastung und Zumutung für ihr soziales Umfeld sind. Hier gibt es Studien, die dies belegen können.

Aber laut einer Emnid-Umfrage ist die Mehrheit der Deutschen für eine aktive Sterbehilfe.

Erfahrungen in den Hospizen und auch im Lukas-Hospiz zeigen jedoch, dass von den Betroffenen, bei gezielter Nachfrage, dies gar nicht in Anspruch genommen werden möchte. Für uns als Förderverein des Lukas-Hospizes bedeutet Sterbehilfe die Begleitung Sterbender in der letzten Lebensphase. Wenn diese Betreuung in medizinischer, sozialer, menschlicher und spiritueller Hinsicht optimal geschieht, wenn man den Menschen die Angst vor Schmerzen oder Vereinsamung nehmen kann, dann erübrigt sich aus unserer Sicht die Nachfrage nach aktiver Sterbehilfe. Mit dieser Position stehen wir auch im Konsens mit der Stellungnahme des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes und sehen dies als ein klares Gegengewicht in der aktuellen Diskussion über Sterbehilfe. Auf den Punkt bringt es ein treffendes Zitat von Franz Müntefering: „Hilfe beim Sterben brauchen alle Menschen. Denen, die für Hilfe beim Töten sind, sollten wir nicht das Wort Sterbehilfe überlassen“.

Man hat den Eindruck, dass die Palliativmedizin nicht wirklich wahrgenommen wird.

Sie steht vielleicht im Moment ein wenig im Schatten, weil die Emotionalität der aktuellen Debatte die Alternative ein wenig aus dem Bewusstsein verdrängt. Allerdings sind sich alle Gruppen darin einig, dass vor der Neuregelung der Sterbehilfe eine bessere Versorgung von Sterbenden in der Palliativ- und Hospizmedizin nötig ist. Ein entsprechendes Gesetz von Minister Gröhe wurde in erster Lesung im Bundestag behandelt.

Was kann der Förderverein auf lokaler Ebene dazu beitragen?

Mit dem neuen Vorstand haben wir uns eine erweiterte Aufgabe auf die Fahnen geschrieben. Vor dem Hintergrund, dass immer noch der größte Teil der Menschen in Alten- und Pflegeheimen stirbt, ist es unser Ziel, die Ausbildung des Pflegepersonals und Betreuer in Palliativ Care auszuweiten und zu verbessern. Wir unterstützen finanziell und ideell seit Jahren die fachliche kompetente Ausbildung und haben eine Kooperation mit vier Trägern von Pflegeheimen und Altenheimen hier in Herne.

Das wird aber auf Dauer nicht reichen . . .

Das stimmt. Der Bedarf wird steigen, denn die Bevölkerung altert. Dazu kommt die zunehmende Zahl von Demenzkranken, die uns vor weitere Aufgaben stellt. Diese, zusammen mit der Erweiterung des Hospizgedankens, wird die Herausforderung in den nächsten Jahren sein. Unser Standpunkt: Engagement für die Hospiz- und Palliativversorgung dokumentiert eindrücklich, dass es bessere Alternativen gegenüber der Suizidbeihilfe gibt.

Zur Person: Dr. Rolf Lücke

Nach seiner Ausbildung in Hamburg, Zürich und Heidelberg hat Dr. Rolf Lücke im Jahr 1990 am Herner Marien Hospital eine Abteilung für Hand-/Rheumachirurgie und später zusätzlich für Fußchirurgie aufgebaut. Bis zum Eintritt in die Rente im Jahr 2013 führte er diese Abteilung als Leitender Arzt.

In Herne war Rolf Lücke über viele Jahre Vertrauensarzt der Rheumaliga-Selbsthilfegruppe.

Rolf Lücke ist verheiratet, seine Frau ist niedergelassene Augenärztin in Herne. Das Paar hat drei erwachsene Kinder. Zwei Kinder sind beruflich in München tätig, ein Sohn (mit Körperbehinderung) arbeitet in der Werkstatt für Körperbehinderte und wohnt bei seinen Eltern.

Die aktive Sterbehilfe wird neu geregelt

Um die aktive Sterbehilfe gesetzlich neu zu regeln, wurde im Bundestag der Fraktionszwang aufgehoben. In der Folge haben sich vier verschiedene Gruppen gebildet, die unterschiedliche Gesetzentwürfe unterstützen.

Ein Entwurf sieht das Verbot organisierter Hilfe beim Suizid vor. Dieses Verbot zielt auf Vereine, die diese Hilfe „geschäftsmäßig“ und mit Absicht verfolgen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Vereine Profit erzielen wollen oder nicht. Auf diese Weise soll eine schleichende Ausweitung der Sterbehilfe verhindert werden.

Ein anderer Entwurf will die Bedingungen für die ärztliche Unterstützung beim Suizid im Detail regeln. Die ärztliche Unterstützung soll ausdrücklich legalisiert werden. Die Absicht dahinter: Für Ärzte soll eine Rechtssicherheit geschaffen werden.

Der dritte Entwurf sieht vor, nur Vereine oder Einzelpersonen zu verbieten, die mit der aktiven Sterbehilfe Geschäftsinteressen verfolgen. Zielrichtung: So lange Vereine uneigennützig beraten, soll dies möglich sein.

Der vierte Entwurf will sowohl die Anstiftung als auch die Beihilfe zur Selbsttötung verbieten. Nur auf diesem Weg könne grundsätzlich Klarheit geschaffen werden, so die Unterstützer.

Kommentare
13.07.2015
12:34
Doktatur
von oliverrr | #3

"Sterben in Würde", "lindernde Pflege", hier wie dort hat immer ein Arzt das letzte Wort. Hier wie dort verbirgt sich die Ärzteklasse hinter...
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2015-07-11 09:00
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