Erotik in Romanen muss kein Höhepunkt sein

In der Alten Druckerei präsentierten Annemarie Stoltenberg und Rainer Moritz einer Auswahl aktueller Bücher.
In der Alten Druckerei präsentierten Annemarie Stoltenberg und Rainer Moritz einer Auswahl aktueller Bücher.
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Was wir bereits wissen
Rainer Moritz und Annemarie Stoltenberg präsentierten in der Alten Druckerei Neuerscheinungen. Und Moritz sein Werk „Wer hat den schlechtesten Sex?“

Herne..  Wenn Autoren über Sex und Erotik schreiben, dann ist das Ergebnis des Bemühens nicht immer ein literarischer Höhepunkt. Der Schriftsteller und Literaturkritiker Rainer Moritz belegte diese Beobachtung in der Alten Druckerei mit zahlreichen Beispielen für unfreiwillig komische und schräge Schilderungen.

Früher beließen es Autoren wie Theodor Fontane bei einer Andeutung am Kapitelende, unmissverständlich und keusch: „Und er löschte das Licht.“ Auch viele Jahre später noch übten Heinrich Böll und Ingeborg Bachmann in ihrem literarischen Schaffen sexuelle Enthaltsamkeit. „Sie werden nichts finden“, versicherte Rainer Moritz, der für sein Buch „Wer hat den schlechtesten Sex - Eine literarische Stellensuche“ die Quellenlage untersucht hat. Von Max Frisch ist bekannt, dass er sich an erotischer Beschreibung versuchte, doch genügte das Resultat seinen Ansprüchen nicht. Frisch verzichtete und wurde auch ohne Sex-Szenen weltberühmt. Heute kennt die Erotik kaum noch Tabus - eine Herausforderung für den ambitionierten Autor.

Verblüffung im Publikum

Wenn Deutlichkeit Dezenz ersetzen soll, verkennt mancher Schriftsteller im Bemühen um Originalität das Maß des Möglichen: Jonathan Franzen verstieg sich zur Beschreibung einer 20 Zentimeter langen Klitoris – diese Größenordnung verblüffte nicht nur die männlichen Zuhörer in der Alten Druckerei. Auch der Satz „Sie rissen einander die Kleider vom Leib“ gewinnt durch häufige Wiederholung nicht an Glaubwürdigkeit. Rainer Moritz erinnerte an das Beharrungsvermögen von engen Jeans und zugeknöpften Kostümen: „Das funktioniert einfach nicht.“

Einprägsam auch die Formulierung, mit der US-Schriftsteller James Salter seine Figur zum Höhepunkt brachte: „Er kam wie ein trinkendes Pferd.“ Selbst Youtube, verriet Moritz dem amüsierten Publikum, habe ihm keine sichere Erkenntnis über die Trinkgewohnheiten dürstender Huftiere gebracht.

Sein Sex-Buch stellt der Autor nur auf Lesereise vor, an seiner beruflichen Wirkungsstätte wäre solche Eigenwerbung Tabu. Seit 2005 leitet Moritz das Literaturhaus Hamburg, das die Zuhörer mit seinen Worten kennenlernten. Auf diese Weise schlossen sie auch Bekanntschaft mit neuen Buchtiteln - Moritz und die NDR-Journalistin Annemarie Stoltenberg empfahlen den Zuhörern in Herne je fünf persönliche Favoriten. Aus gemeinsamer Überzeugung legen sie den Bücherfreunden zwei Werke ans Herz: die amerikanische Familiengeschichte „Der leuchtend blaue Faden“ von Anne Tyler sowie den historischen Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky.

Die Buchempfehlungen der beiden Experten:

Als „Texterlebnis wie ein Donnerschlag“ empfand Annemarie Stoltenberg den Roman „Löwen wecken“ der israelischen Autorin Ayelet Gundar Goshen. Ein Neurologe begeht nach einer fahrlässigen Tötung Unfallflucht, doch seine Tat bleibt nicht unbemerkt, und er muss seine Schuld sühnen.

Die Journalistin empfiehlt auch „Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank“ von Martin Windrow: Die Geschichte einer glücklichen Freundschaft zu einem Raubvogel, erzählt mit tiefer Liebe zur Kreatur und geprägt von britischem Humor.

Rainer Moritz war beeindruckt von „In Love“ von Alfred Hayes: „Eine schöne, etwas melancholische Liebesgeschichte“, so lautete der Kommentar des Autors und Literaturkritikers.