Erinnerungen an Herner Fronleichnamsprozession 1932

In Eigenregie bauten Mitglieder der Deutschen Jugend Kraft (DJK) um 1930 den Sportplatz an der Kirchstraße in Börnig. Sechster von rechts (auf dem Wagen): Amandus Merkel.
In Eigenregie bauten Mitglieder der Deutschen Jugend Kraft (DJK) um 1930 den Sportplatz an der Kirchstraße in Börnig. Sechster von rechts (auf dem Wagen): Amandus Merkel.
Foto: ungeklärt
Was wir bereits wissen
In Wort und Bild blickte eine Börnigerin in den 40-er Jahren auf die Fronleichnamsprozession 1932 zurück. Ein Hobby-Historiker stieß jetzt auf den Bericht.

Herne..  Wie viele andere katholische Gemeinden führt St. Peter und Paul heute eine Fronleichnamsprozession durch. Das Praktizieren des christlichen Brauchs sei nicht immer selbstverständlich gewesen, sagt der Herner Hobby-Historiker Gerd E. Schug und richtet den Fokus auf Cäcilie Gesing, Ehefrau des verstorbenen Künstlers Jupp Gesing.

Die heute 91-jährige Hernerin habe Anfang der 40er Jahre einen beeindruckenden Bericht über die Fronleichnamsprozession in Börnig verfasst – rückblickend auf das Jahr 1932, so Schug. Diesen Bericht habe sie damals mit acht selbst gemalten Aquarell-Bildern dokumentiert. „Es war für Frau Gesing die Erinnerung an eine Zeit, in der die Prozessionen noch erlaubt waren, denn die Nationalsozialisten hatten diese nach der Machtübernahme 1933 verboten“, so Schug.

Der Börniger ist auf Bericht und Bilder bei umfangreichen Recherchen gestoßen. Einem von Gesing geschilderten Ort widmete sich Schug besonders ausführlich: Es ist die „vierte Station auf dem Sportplatz an der Kirchstraße“.

Wiedergutmachung vom Bund

Der 74-Jährige fand heraus, dass dieser heute nicht mehr vorhandene Sportplatz um 1930 in Eigenarbeit von der katholischen Jugendorganisation Deutsche Jugend Kraft (DJK) errichtet worden war. Auch dieser Platz sei ein Opfer der Nationalsozialisten geworden: „Er musste nach der Machtübernahme und dem Verbot der DJK umgepflügt werden.“

Gerd E. Schug brachte in Erfahrung, dass sich der Sportplatz Kirchstraße zwischen den heutigen Straßen Am Kornfeld und Auf dem Berge befunden hatte. Doch damit nicht genug: Er konnte bei dem Herner Amandus Merkel sogar Fotos vom Bau des Sportplatzes ausfindig machen. Dessen Vater Amandus Merkel senior war DJK-Mitglied und am Bau des Sportplatzes beteiligt. „Für den Verlust des Sportplatzes soll es 1948 von der Bundesregierung eine Wiedergutmachung von 1000 Mark gegeben haben“, sagt Amandus Merkel zur WAZ. Das hätten ihm seine Onkel berichtet.

Zurück zur Fronleichnamsprozession. „Der Bericht von Frau Gesing ist ein bedeutendes Zeitdokument für Herne“, sagt Schug. Dieses beginnt mit dem Satz: „Von unserem Wohnzimmerfenster aus konnten wir direkt über die Strasse hinweg auf den Kirchplatz gucken.“ Erinnerungen an die Fronleichnamsfahnen des Vaters finden sich ebenso in Cäcilie Gesings lebendigen Schilderungen wie Eindrücke von den Teilnehmern der Prozession und Berichte über einzelne Stationen wie zum Beispiel das Pestkreuz An der Linde.

„Fronleichnam zu Hause in Börnig“

Der Original-Bericht von Cäcilia Gesing über die Fronleichnamsprozession 1932, an der sie als Kind teilnahm.

„1. Von unserem Wohnzimmerfenster aus konnten wir direkt über die Strasse hinweg auf den Kirchplatz gucken, und wenn dann die beiden Kirchenportaltüren offen standen, schaute man geradewegs durch das lange Mittelschiff bis hin auf den Altar! Und so war es auch am Fronleichnamstag: Die Türen stehen weit offen, der Altar im Kerzenglanz, umhüllt von Weihrauch.

Und plötzlich läuten alle Glocken und langsam nimmt die Prozession ihren Anfang und sie nimmt Gestalt an. Vorne voran schreitet der Kirchenschweizer im roten Ornat mit dem langen Stab in der Hand, dann ein grosser Messdiener mit dem Vortragekreuz und dann die vielen Messdiener in ihren weissen Kitteln und den leuchtend roten Kragen, mit Kerzen, Schellen und kleinen Fahnen.

Schellen und Glockengeläut vermischen sich zu einem jubelnden Choral. Sie kommen durch die grossen Türen, hinunter die Steinstufen, auf den Kirchplatz. Dort stehen dann, umsäumt von vielen Sträuchern mit roten und rosaroten „Muttergottesglöckchen“, die Schulkinder. In der Kirchstrasse warten die Jungfrauen und Mütter, an der Widumerstrasse die Jungmänner und Männer. Langsam setzt sich die Prozession in Bewegung. Man geht geradewegs über den Kirchplatz auf die Strasse, auf unser Wohnzimmerfenster zu.

2. Auf dem Bürgersteig hat Vater vier grosse Fronleichnamsfahnen aufgestellt. Sie stehen in grossen, stabilen Holzständern, extra vom Schreiner gemacht; Mutter hat auf der Fensterbank einen kleinen Altar aufgebaut. In der Mitte ein silbernes Steh-Kreuz, daneben zwei silberne Leuchter mit brennenden Kerzen und links und rechts davon schöne grosse blühende Klivien und Hortensien. Mutter steht dann versteckt hinter der Gardine und passt auf, dass die Kerzen nicht ausgehen und die Gardinen kein Feuer fangen.

3. Nun geht man nach wenigen Metern in die Widumerstrasse links ab. Inzwischen gegen die Schulkinder hinter den Messdienern. Sie sind in langen Reihen, jeweils zu zwei, links und rechts am Strassenrand. In den mittleren Freiraum dann die jeweiligen Lehrpersonen. Sie achten auf gesittetes und andachtsvolles Mitgehen. Sie pendeln mal nach vorne, mal nach hinten, mal zur Seite und ab und zu wird mit einem einfachen ,Puff’ Ordnung gebracht.

4. Dann kommen die Jungfrauen. Angeführt von einem älteren Herrn, der die Kongregationsfahne trägt. An der Fahnenstange, an einem Querbalken, ist das Fahnentuch befestigt, meistens ein kostbarer Stoff mit Applikationen aus Brokat und Seide, mit Motiven aus dem Marienleben. Dann kommen die Kommunionskinder in ihrem Festkleid und die Engelchen in ihrem weissen Kleidern. Die Engelchen haben kleine Körbchen mit Blumenblättern von Rosen und Tulpen und Stiefmütterchen und allem, was schon im Garten wächst und blüht. Sie streuen die Blätter dem ,Allerheiligsten’ voran auf den Weg - nun kommt der Mittelpunkt und der Glanz der ganzen Prozession: Die Monstranz! Als erster trägt sie der Pastor. Er selbst ist in golddurchwirktem Chormantel, begleitet von zwei Priestern. Vier ,erlesene’ Männer vom Kirchenvorstand tragen den Baldachin, sie werden flankiert von sechs Bergleuten, die in Bergmannstracht und brennenden Grubenlampen das Allerheiligste begleiten. Dann kommt der Kirchenvorstand würdigen Schrittes und dann die Damen und Herren vom Kirchenchor. Sie halten die Notenblätter eingerollt in der Hand oder unter dem Arm.

Wie eine kleine weisse Flotte dahinter die ,Vinzentinerinnen’, ehrwürdige Ordensschwestern, mit ihren grossen frisch gebügelten weissen Hauben. Nun nochmals die Frauen! Andächtige Beter und gute Sängerinnen. Und nun die Jungmänner. Die Fahnenträger und die Begleiter haben ihre traditionelle Manchesterhose und das grau-grüne Hemd an. Sie tragen mit beiden Händen die Fahne hoch über dem Kopf und lassen so die Fahne im Wind wehen. Das sieht immer gut aus. Die Männer bilden den Schluss der Prozessionsfolge.

Nun bewegt sich der Zug durch die Widumerstraße. Es ist eine ruhige und stille Strasse. An normalen Tagen spielen wir auf dem Asphalt mit den anderen Kindern. Man kann dann Ballspiele machen, Reifen jagen, Hümpeln und im Winter gibt es endlose Schlinderbahnen. Heute ist es aber feierlich ruhig! Links ist am Anfang ein Teil der Kirche, ein wenig weiter der Friedhof, rechts sind dann zwei Pfarrhäuser und dann kommt das Krankenhaus.

5. Hier ist die erste Station. Draussen, unter der Kapelle, die im ersten Stock ist, hat man den Altar aufgebaut. Mit Stufen, die zum Altar führen. Alles mit Teppichen ausgelegt, die Rückwand mit Tüchern und Fahnen abgespannt, auf dem Altartisch viele Blumen und brennende Kerzen. Und kurz, bevor man ankommt, sieht man schemenhaft da und dort noch eine Nonne hin- und herhuschen, die noch einmal nach dem Rechten sieht. Der Pastor trägt die Monstranz würdigen Schrittes die Stufen empor, zum Altartisch.

Alles ist ruhig und still und schaut nur dorthin. Messdiener schwenken die Weihrauchfässchen, und dann singt der Chor: Mehrstimmig, Männer und Frauen. Man spürt und hört, dass es eine Ode an den ,Verklärten Leib des Herrn’ ist. Dann beten wir mit dem Priester und er segnet mit der goldenen Monstranz unter lautem Glockengeläut die Menschen, die Strassen, die Häuser! Im Krankenhaus sind viele Fenster offen; aber kaum ein Kranker ist am Fenster. Sie hören und erleben im Stillen, was draussen geschieht, und erbitten sich Gottes Segen und wohl auch seine Hilfe. Auf einen Wink des Kirchenschweizers - er hebt den Stab ganz hoch - setzt sich die Prozession wieder in Bewegung.

Vorbei am Jugendheim, vorbei bei Bäcker Heermann und dann ist die Widumerstrasse zu Ende und wir biegen links in die Ringstrasse ein. Sie ist nicht gepflastert, sondern es ist eine holperige, dürftig asphaltierte ,Landstrasse’. An der Ecke ist ein alter, ebenerdiger Kolonialwaren-Laden.

6. Und dann kommen vier bis fünf grosse Bergmannshäuser. Sie sind riesig, mit vielen gleichmässigen Fenstern. Ganz sparsam hängt da und dort ein Fähnchen heraus, in weiss-blau oder rot-weiss oder manchmal sogar mit einem gestickten Namen darauf. Der Bürgersteig ist ungepflastert, aber ganz frisch gefegt. Ab und zu lehnt an der Häuserwand ein Birkenbäumchen. Auf der anderen Strassenseite sind Gärten.

Und dann gehen wir durch die Felder. Der Feldweg ist uneben und staubig, am Wegsaum stehen Gräser und wilde Blumen und die Felder sind schön! Das Grün der Kornfelder wogt hin und her und der Wind trägt das Singen der Gläubigen weit über die Felder hinaus! Fünf bis sechs Blas-Kapellen sind verteilt in der Prozession. Und alle Menschen singen! Und manchmal hört man vorne den Anfang der vierten Strophe eines Liedes und singt sie, während hinter einem das Ende der dritten Strophe noch gesunden wird oder die einen singen: ,Deinem Heiland, deinem Lehrer“ und die anderen sind bei ,Lasst Christen hoch den Jubel schallen ...’. Und trotzdem ist alles wie ein Gesang, wie ein feierliches Lied. In den Pausen holt man ab und zu ein Pfefferminz oder einen Drops aus der Tasche. Das hat die Mutter uns Kindern immer mitgegeben, denn oft ist es sehr heiss! Über die Castroper Strasse geht es in die Vellwigstrasse, vorbei an unserer Bonifatius-Schule. Nun liegt sie so ganz ruhig und friedlich da.

7. Dann kommt man ins Dorf Börnig! Viele alte Bauernhäuser, ein altes Fachwerk. Viel Grün steht vor den Häusern, in den alten Treppeneingängen sind Altäre eingebaut. Ab und zu sogar ein kleiner Triumphbogen über der Strasse. Beim Bauern Werth ist wieder eine Station! Und diesmal bittet man beim Segen um eine gute Ernte, ums tägliche Brot, ums Wohlergehen der Menschen und der Tiere.

Langsam geht es den Berg an der Dorfstrasse hoch, rechts ist die alte Josef-Schule mit ihrem riesigen Birnbaum, links der ,Katzenbuckel’ mit Feldern, vorbei am Schmiedeweg mit der alten Schmiede, kommt die Prozession zum Pest-Kreuz an der Linde. Vor vielen, vielen Jahren hat man, aus Dank nach Beendigung der Pest, das Kreuz errichtet. Das ist die dritte Station.

8. Die vierte Station ist auf einem Sportplatz an der Kirchstraße. Mitten zwischen den Gärten hat dort die katholische Jugend den Platz gebaut. Hier hat man ein grosses Podest errichtet. Auf einer hohen Holztreppe geht der Priester mit der goldenen Monstranz hinauf zum Altar. Die Messdiener gruppieren sich um das ,Allerheiligste’, es singt der Chor – der Priester segnet, von weit oben, mit der Monstranz nach allen Seiten hin das Volk. Der grosse Platz ist schwarz von Menschen. Und dann singen alle: ,Ein Haus voll Glorie schauet, weit über alle Land ... .’ Und in das Singen hinein kommt das feierliche Läuten von der nahegelegenen Kirche. Dort ist dann der Schluss-Segen mit ,Tedeum’ und ,Grosser Gott wir loben dich’ mit Musik und Orgel und Schellengeläut und Singen.

Durch unser Wohnzimmerfenster sieht man, verschwommen durch den vielen Weihrauch, den grossen Lichterbogen und die Pracht des Altarraumes. Alles ist irgendwie so gross und unwirklich. Die Prozession ist zu Ende. Zu Hause ,duftet’ es nach Gurkensalat und Schweinebraten.“