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WAZ-Interview mit Dr. Stefan Albus

Er war dann mal weg . . .

15.05.2009 | 19:05 Uhr
Er war dann mal weg . . .

Auf dem Jakobsweg unterwegs – in Deutschland? Geht das? Ja, es geht: „Der Jakobsweg ist da, wo Jakobspilger gehen” ist nicht nur geflügeltes Wort, sondern Realität: Auch hierzulande gibt es mehrere Pfade, die letztlich zum Grab des Apostels Jakob in Santiago de Compostela in Nordspanien führen.

Der Herner Fachautor Dr. Stefan Albus, 42 Jahre alt, hat sich eine Etappe unter die Stiefel genommen: In etwas mehr als drei Wochen ist er 450 Kilometer von seiner Haustür in Sodingen bis zur Porta Nigra in Trier gewandert.

Mit ihm und über seine Erlebnisse sprach WAZ-Mitarbeiterin Anna Lehmann.

Herr Dr. Albus, der Jakobsweg ist durch Hape Kerkeling ja in aller Munde. Hat das Buch Sie inspiriert?

Albus: Ehrlich gesagt, hat es mich eher abgeschreckt. Ich interessiere mich schon seit Jahren für diesen Weg. Es gibt ja auch Leute, die lange vor Hape Kerkeling darüber geschrieben haben. Als sein Buch dann zum Bestseller wurde, war zu befürchten, dass der spanische Camino auf absehbare Zeit überlaufen sein würde. Da habe ich das Projekt für mich erst einmal auf Eis gelegt.

Wie haben Sie vom deutschen Jakobsweg erfahren?

Das war ganz witzig. Wie die Meisten hatte ich bis 2007 keine Ahnung, dass es so etwas überhaupt gibt. Bis ich dann in Remscheid plötzlich dieses Wegsymbol gesehen habe, eine gelbe stilisierte Muschel auf blauem Grund. Da dachte ich: „Nanu: Was soll das denn hier?” Dabei ist die Sache klar: Die Pilger im Mittelalter mussten ja auch irgendwie nach Spanien kommen. Die sind zu Hause aufgebrochen und dann einfach bekannten Handelsrouten gefolgt – wobei sie natürlich das eine oder andere Heiligtum am Wegesrand „mitgenommen” haben, zum Beispiel Kirchen mit berühmten Reliquien wie die „Sandalen Jesu” in Prüm. Diese Pfade sind in den letzten Jahren erforscht und als „Wege der Jakobspilger in Deutschland” gut ausgeschildert worden. Übrigens von der EU gefördert, weil die Pilger früher viel zum Kulturaustausch zwischen den Ländern beigetragen haben. Viele der ursprünglichen Wege sind allerdings über die Jahrhunderte zu vielbefahrenen Landstraßen geworden, so dass die deutschen Jakobswege nicht immer 100-prozentig den Originaltrassen folgen können. Aber man bekommt einen guten Eindruck von der damaligen Wegführung.

Warum haben Sie sich alleine auf den Weg gemacht?

Meine Frau meinte: „Geh du mal allein und komm' mit einem klaren Kopf wieder.” Ich rechne ihr das hoch an. Ich glaube schon, dass das Alleinsein ein wichtiger Schlüssel für den Weg zu sich selbst ist. Da habe ich ja mit dem Weg durch die Eifel den Vogel abgeschossen. Da ist es so einsam, dass einem ganze Tage kaum ein Mensch begegnet . . . Am Ende habe ich es aber schon genossen, mich mit anderen Pilgern auszutauschen.

Sind Sie eigentlich ein religiöser Mensch?

Man muss gar nicht religiös sein, um dem Jakobsweg etwas abzugewinnen. Entscheidend ist, dass man etwas über sich lernen möchte, der Rest kommt ganz von selbst. Man macht ja recht elementare Erfahrungen: Man verläuft sich und hat Durst, es geht ständig bergauf und bergab, manchmal läuft man bis zur Erschöpfung, man ist gezwungen, aus dem Rucksack zu leben, man merkt recht bald, dass man auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen ist. Ich glaube, wenn man fast täglich an seine Grenzen geht, bleibt kein Platz für Überflüssiges. Das betrifft das Gepäck wie die Gedanken. Man wird nicht unbedingt schlauer oder weiser, aber die Gedanken, die nach so einer Strapaze am Abend übrigbleiben, haben Gewicht. Übrigens habe ich im Kloster Altenberg auch rund zwei Kilo Gepäck zurückgelassen – lauter Dinge, die ich bis dahin nicht gebraucht habe. Sogar einen Föhn hatte ich dabei!

Hätte es ein anderer Fernwanderweg denn nicht auch getan?

Gute Frage. Das Besondere am Jakobsweg ist, dass man sich hier als Pilger in eine Jahrhunderte alte Tradition einreiht. Durch die Muschel am Rucksack wird man ja für jeden als Pilger erkennbar. Das wissen mittlerweile auch viele Leute am Weg – auch durch Hape Kerkelings Buch übrigens! Sie wissen, dass man als Pilger nicht nur aus sportlichen Gründen unterwegs ist und behandeln einen entsprechend. Dadurch wird man ständig auf den eigentlichen Zweck der Reise zurückgeworfen. Dann drehen sich die Gespräche und Gedanken automatisch um Themen wie Selbstfindung und Gott. Auf dem Limeswanderweg zum Beispiel gibt's das in der Form sicher nicht.

Wie haben Sie die Reise organisiert?

So wenig wie möglich. Das mag naiv erscheinen, aber ich habe lediglich in Ratgeberbüchern geguckt, was man so an Ausrüstung braucht und mir die Route in einen kleinen GPS-Empfänger programmiert, das war's schon. Keine Unterkunft im Voraus gebucht oder so. Ich wollte „auf Sicht” leben, um mich ganz auf den Weg einzulassen. Hat dann ja auch gut geklappt, von Ausnahmen abgesehen. Aber für den Notfall hatte ich ein kleines Zelt mit. Das hab' ich dann tatsächlich zweimal gebraucht . . . Ich habe aber auch Pilger getroffen, die alles vororganisiert haben, um möglichst kostengünstig voranzukommen. Die haben zum Beispiel in Pfarrsälen geschlafen. Geht auch!

Was ist denn auf der Wanderung schiefgegangen?

Im Endeffekt muss und kann ich sagen: nichts. Weil es immer Leute gibt, die einem helfen. Einmal bin ich völlig in Gedanken an meinem Tagesziel vorbeigelaufen. Habe ich aber erst nach fünf Kilometern gemerkt! Der nächste größere Ort nochmal sechs Kilometer weiter . . . Kein Proviant mehr, kein Wasser, es war heiß, ich war völlig alle. Aber ich habe Leute getroffen, die mich mit Apfelkuchen, Cappuccino, Wasser und vielen guten Worten wieder aufgepäppelt haben. Eine wichtige Erfahrung . . .

Wo übernachtet man eigentlich?

Das kann eigentlich jeder seinem Bedarf anpassen. Es gibt Pilgerherbergen, die man sich aber nicht wie in Spanien vorstellen darf. Oft sind das sehr einfache, aber nette Einzelzimmer in katholischen Einrichtungen, Klöstern zum Beispiel. Dass die auch nichtkatholischen Pilgern ohne nachzufragen für wenig Geld vermietet werden, hat mich echt erstaunt. Das spricht schon sehr für die Kirche. Dann gibt es natürlich Jugendherbergen. In manchen Orten kommt man aber um Hotels kaum herum. Manchmal gibt es Rabatt für Pilger. In einem Hotel durfte ich sogar umsonst schlafen. Anderswo hat man mir für einen Zeltplatz fast 20 Euro abgeknöpft. Da lernt man die Menschen kennen!

Ihr schönstes Erlebnis?

Was soll ich da nennen? Als mir in Luxemburg klar wurde, dass ich tatsächlich zu Fuß in ein fremdes Land gewandert bin? Ein Chorkonzert im Trierer Dom am Abend nach meiner Ankunft? Die atemberaubende Aussicht in der Eifel? Als ich total ausgehungert im Rucksack einen längst vergessenen Schokoriegel finde? Der Weg ist ja – auch in Deutschland – eine Art „Gesamtkunstwerk”.

Wie geht es jetzt weiter?

Vielleicht laufe ich nächstes Jahr weiter durch Frankreich bis zu den Pyrenäen? Oder doch gleich nach Nordspanien? Pilgerkollegen haben mir erzählt, dass es da im Frühling oder Herbst doch nicht so voll ist. Oder ich fahre mit der Bahn nach Bremen und wandere auf dem Jakobsweg nach Hause. Das geht auch. Ich habe keine Eile. Der Jakobsweg ist eine Lebensaufgabe.

Jochen Schübel

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2009-05-15 19:05
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