Ein Eis um zehn Uhr abends
04.05.2007 | 21:11 Uhr 2007-05-04T21:11:32+0200Das Hospiz im Herner Süden hat seit seiner Eröffnung vor drei Monaten 34 Gäste aufgenommen. Zehneinhalb Pflegekräfte betreuen zehn Kranke. Offener Umgang mit dem Thema Tod. Angehörige sind jederzeit gern gesehen
SCHWERPUNKT DAS LUKAS-HOSPIZEs ist 9.30 Uhr im Lukas-Hospiz. Die Frühstücksrunde hat sich im offenen Wohnzimmer versammelt. Brötchen, Kaffee, Käse- und Wurstplatten stehen auf dem bunten Tischläufer, ein Sträußchen in der Mitte. Ein paar Pflegerinnen haben Platz genommen, auch drei Gäste - so heißen die Patienten hier - haben sich gut genug gefühlt, ihre Zimmer zu verlassen. Anneli Wallbaum schmiert sich ein Brötchen. Eine Kollegin reicht ihr das Telefon. "Hätten Sie Lust, sich das Haus anzusehen?", sagt sie nach einer Weile. "Wann haben Sie denn Zeit?"
Viele Male hat die Hospizleiterin schon diese Gespräche geführt, mit Töchtern und Söhnen, Ehefrauen, Männern und allen, die sich verantwortlich fühlen für einen Menschen, der nicht im Krankenhaus bleiben kann und nicht zu Hause, weil seine Pflege die Angehörigen überfordern würde. Ihre Ängste kann sie verstehen, und sie möchte sie ihnen nehmen. So lädt sie sie ein. "Oft werden mit dem Handy Fotos gemacht", erzählt sie, "und die Besucher schildern ihre Eindrücke."
So war es auch bei Horst Roth (Name geändert). Der 83-jährige Gelsenkirchener lebt seit drei Wochen im Lukas-Hospiz, ein Mann, der die Damenrunde um sich herum zu unterhalten weiß, auch wenn ihm selbst manchmal bang ums Herz ist. "Besser kannst du nicht unterkommen", hatte ihm seine Tochter versprochen, nachdem sie sich das Haus angeschaut hatte. "Ich habe gesagt: Darauf verlasse ich mich." So zog er vom Krankenhaus hierher, austherapiert wie die anderen. "Die erste Nacht war furchtbar", sagt Horst Roth. "Die muss man überstehen." Er hat sie überstanden und sich eingerichtet in seinem neuen Alltag. Was bleibt ihm anderes übrig? Die Tochter im Beruf, die Frau nach einem Schlaganfall nicht in der Lage, ihn zu pflegen.
Horst Roth, früher Betriebsratsvorsitzender bei Thyssen, ein Kämpfer, sucht sich auch im Hospiz seine Gesprächspartner. Der Krankenhausseelsorger, Pfarrer Lienen, gehört dazu, die Schwestern, die anderen Gäste. Besuch von außen, abgesehen von Frau und Tochter, ist dagegen so eine Sache. "Behaltet mich in Erinnerung, wie ich war", ist seine Devise. "Soll ich mir von allen was vorsingen lassen?", fragt er. "Das geht auf die Psyche." Am wohlsten fühlt sich der einstige Schalker Jugendspieler, wenn im Fernsehen Fußball kommt.
Wenn ein Tor fällt, hört ihn Brigitte Laukemper (Name geändert) in ihrem Zimmer, quer über den Flur. Die 64-Jährige, die ans Bett gebunden ist, lässt gerne ihre Tür geöffnet. "So hab' ich indirekten Kontakt zur Außenwelt." Vor Ostern ist sie gekommen, aus dem Krankenhaus. "Die Chemo war ausgereizt", erzählt sie in der ihr eigenen direkten Art, "da hieß es: ,Ab die Post'". Für das Herner Hospiz sprach vor allem, "dass man mit dem Bett nach draußen kann, an die frische Luft". Ihre Ausflüge in den Atrium genannten grünen Innenhof genießt Brigitte Laukemper ebenso wie die kleinen Extrawünsche, die die Schwestern ihr erfüllen. "Neulich hab' ich gesagt: Ich hab mal Hunger auf Bratkartoffeln", erzählt sie und freut sich. "Das haben die gemacht." Was möglich ist, sagt sie, macht das Personal. "Die sind alle einmalig lieb." Und bringen sogar Eis um zehn Uhr abends.
Anneli Wallbaum, die Leiterin, lacht, als sie davon hört. So soll es sein in ihrem Haus: jeder nach seinen Bedürfnissen. Adelheid Schwarz zum Beispiel hat ein Bedürfnis nach Stille. Frisiert und mit dezentem Schmuck liegt die 83-jährige Frau aus Gelsenkirchen in ihrem Bett, als wolle sie einen Mittagsschlaf halten. "Ich liebe die Ruhe", sagt sie lächelnd. Die Sozialarbeiterin im Krankenhaus hat ihr das Hospiz empfohlen. Als dann auch der Pfarrer, der Neffe und die Nichte ihr dazu rieten, sagte sie zu. "Ich habe es nicht bereut." Die ganze Atmosphäre tut ihr gut, und die "liebevollen Schwestern", die so viel mehr Zeit haben als ihre Kolleginnen in den Krankenhäusern. Das Hospiz gibt ihnen die Chance, "Pflege so zu leben, wie sie es sich in der Ausbildung vielleicht einmal vorgestellt haben", sagt Anneli Wallbaum. 10,5 Stellen für zehn Gäste, Sympathien werden in der "Beziehungspflege" nach Möglichkeit berücksichtigt. Der Mensch im Mittelpunkt.
"Ein Haus für Menschen, denen nicht mehr viel Zeit bleibt." Diese Formulierung wählt die Leiterin, wenn sie bei ihren Besuchen in Krankenhäusern oder bei den Familien erklärt, was das ist, ein Hospiz. Dass man hier mit dem Tod offen umgeht, soll jedem klar sein. Ein "Das wird schon wieder" wird keiner zu hören bekommen. Wer fragt, erhält eine ehrliche Antwort, sagt Anneli Wallbaum. Ehrlicher und unbeschwerter begegneten sich auch der Kranke und seine Familie, wenn die Wahrheit ausgesprochen sei. "Es ist schön zu sehen, wie der Umgang dann einfacher wird."
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