Ein Besuch in der Kleingartenanlage Herne-Süd

Haben gerade den Pachtvertrag unterschrieben: Bernhard (46) und Violette (35) Janyssek mit  ihrer Tochter Julia (10) und  Nesthäkchen Emilio.
Haben gerade den Pachtvertrag unterschrieben: Bernhard (46) und Violette (35) Janyssek mit ihrer Tochter Julia (10) und Nesthäkchen Emilio.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Die Kleingartenanlage Herne-Süd hat 159 Parzellen. Manche sind seit über 50 Jahre verpachtet. Nun entdecken junge Familien die eigene Scholle.

Herne..  Kleingärtner? Da haben viele sofort Gartenzwerge im Kopf. In der Kleingartenanlage Herne-Süd, das vorab, sind gar keine zu zu finden. Und Kleingärtner nennen sich viele auch nicht mehr. Dazu später mehr.

Seit 1926 besteht der Kleingartenverein an der Bochumer Straße. 159 Parzellen zwischen 250 und 460 Quadratmetern gibt es dort. „Das bringt viel Arbeit mit sich“, weiß Irene Thormann, die Vorsitzende. Schnell steigt die 63-Jährige von ihrem roten Damenrad, lehnt es an eine Hecke und öffnet ein grünes Gartentor. Sie hat seit elf Jahren einen der kleineren Gärten. Darauf musste sie lange warten: „Wir wollten schon vor 25 Jahren einen Garten pachten, aber damals war die Warteliste lang und die Kosten waren sehr hoch.“ Mittlerweile beliefen sich diese auf rund 5000 Euro pro Jahr.

Mindestens einmal pro Woche ist sie in ihrem Garten. Dann wartet jede Menge Arbeit: Rasen mähen, Blumen gießen, Unkraut zupfen. All das, was die Woche über liegen geblieben ist. „Ich müsste öfter herkommen. Leider schaffe ich das nicht, weil ich berufstätig bin“, erklärt sie. „Wenn ich dann aber mal hier bin, kann ich bei der Arbeit wunderbar abschalten und den Alltagsstress vergessen“.

Trotz der vielen Arbeit bleibt stets Zeit für einen Plausch. Diesmal bleiben Hans und Christel Bergert am Gartenzaun stehen und laden sie in ihren Garten. Vorbei geht es an gepflegten und wildromantischen Gärten, bunt bepflanzten Beeten und reifendem Obst und Gemüse aller Art. „Jeder soll sich hier so individuell wie möglich ausleben können“, erklärt Irene Thormann. Christel Bergert nickt zustimmend.

Seit 1971 ist das Ehepaar Bergert in der Kleingartenanlage. Jeden Stein ihres Gartenhäusschens haben sie selbst gesetzt, jedes angelegt. Der ganze Stolz von Hans Bergert: eine chilenische Tanne. „Wir haben sie vor 43 Jahren gepflanzt“, erklärt der 80-Jährige stolz. Dafür musste eine Sondergenehmigung eingeholt werden, denn eigentlich dürfen nur heimische Gewächse gepflanzt werden.

Über die Jahre ist der Garten ihr zweites Zuhause geworden. Im Gartenhaus laden ein Kamin samt Sofa und eine kleine Küche zum Verweilen ein. Kein Wunder, dass die Bergerts – so oft es geht – im Garten sind. „Es gibt nichts Schöneres als abends bei einem Gläschen Wein auf der Terrasse Karten zu spielen“, findet Christel Bergert (77), die sich in der Frauengruppe des Kleingartenvereins engagiert.

Immer mehr Alteingesessene geben ihren Garten auf, viele junge Familien rücken nach. So auch Familie Janyssek. Sie haben den Pachtvertrag erst vorige Woche unterschrieben und den Garten einer älteren Frau übernommen, die die viele Arbeit nicht mehr bewältigen konnte.

Der Lack an Haus und Schuppen blättert ab, das Wasser im kleinen Teich ist trüb, und die Pflanzen in den Beeten sind Unkraut gewichen. Das soll sich aber ändern. „Wir möchten ein Klettergerüst und eine Schaukel aufstellen und einen Sandkasten bauen, damit unsere Kinder bald richtig toben können“, plant Bernhard Janyssek. Der 46-Jährige wohnt mit seiner Familie in der dritten Etage und freut sich darauf, den Sommer erstmals mit seiner Familie nicht nur auf dem Balkon, sondern im Freien verbringen zu können.

So unterschiedlich sie auch alle sind, in einem sind sie sich einig: „Wir vermeiden das Wort Kleingärtner, weil es einen negativen Beigeschmack hat. Wir sind einfach Gärtner“, sagt Thormann lachend.