Die Teestube in St. Joseph lässt Alltagssorgen vergessen

Waltraud Becker (Mitte)  ist „die Mutter“ der Teestube. Hier beim Karneval mitBarbara Rhode (re.) und Teestuben-Fan Marie-Luise (li.).
Waltraud Becker (Mitte) ist „die Mutter“ der Teestube. Hier beim Karneval mitBarbara Rhode (re.) und Teestuben-Fan Marie-Luise (li.).
Foto: Ralph Bodemer
Was wir bereits wissen
Seit Waltraud Becker das Projekt ins Leben rief, sind Menschen mit Behinderungen im Gemeindehaus alle zwei Wochen dienstags willkommen.

Herne..  Sie ist eine Feierkanone, schlechte Laune, nein, die kennt sie nicht. Lange Gesichter? Bitteschön woanders. Waltraud Becker weiß wie es geht, mit Menschen zu feiern, ihnen Freude zu schenken, sie zu begeistern: nicht nur zur Karnevalszeit. Die zweifache Mutter und vierfache Großmutter gründete vor 32 Jahren die Teestube für Menschen mit Behinderungen in der Gemeinde St. Joseph. „Die Teestube ist mein drittes Kind“, sagt Becker. Ihre Motivation, ein solches Projekt ins Leben zu rufen? „Ich war immer dankbar dafür, dass in meiner Familie alle gesund sind. Ich wollte mich revanchieren.“ Vor einigen Wochen gründete sie mit ihren Kollegen sogar noch einen Förderverein für Menschen mit Behinderungen der Gemeinde St. Joseph in Horsthausen.

Abewechslung vom Alltag

Für die Gäste ist die Teestube mehr als nur ein Ort zum Feiern. Im Pfarrheim erleben sie endlich einmal Abwechslung vom Alltag, treffen auf Freunde. Viele von ihnen wohnen noch daheim oder in den angrenzenden Wohnheimen, fühlen sich oftmals einsam. Zwei Mal im Monat freuen sich alle auf den Dienstagabend – für die Gäste ein ganz besonderer Termin, aber auch für Waltraud Becker.

„Es ist die Lebensfreude und die Ehrlichkeit, die ich an den Menschen so liebe. Es gibt so viele herzliche Begegnungen.“ Ihre Kollegin Barbara Rohde fügt hinzu: „Am Anfang, als ich vor 16 Jahren in der Teestube anfing, war meine Hemmschwelle sehr hoch. Ich konnte nicht so locker mit den Menschen umgehen“, sagt die resolute Frau, bei der man sich Berührungsängste kaum vorstellen kann. Die hat sie auch längst abgelegt. „Ich hatte damals einfach Angst, etwas falsch zu machen.“ Mittlerweile, das weiß sie, gibt es genug Bewohner, „die sie lieben.“ Die ihr und allen 27 Mitarbeitern vor allem dankbar sind, für das Programm, das alle gemeinsam regelmäßig auf die Beine stellen.

So wie die 22 Jahre alte Marie-Luise. Für den Karnevalsabend hat sie sich extra in Schale geworfen, so wie alle Gäste hier. Seit acht Jahren besucht sie die Teestube, nimmt Waltraud Becker liebevoll in den Arm. Das Mädchen freut sich über den Rummel im Pfarrheim. „Ich komme so gerne her“, sagt sie. Kein Wunder, bei dem Programm. Die Heilsarmee ist gekommen, die Kükengarde der Herner Karnevalsgesellschaft. Und am Ende werden alle Gäste gebeten, die Tanzfläche zu stürmen. Polonaise, das ist doch klar, die geht immer, angeführt – ja von wem wohl? Natürlich von Waltraud Becker, Barbara Rohde indes hält mit ihrer neuen Kamera die unvergesslichen Momente fest. Als Erinnerung an diesen besonderen Abend. Doch Karnevalstrubel hin oder her: In 14 Tagen wird es gesellig weitergehen, mit einem Spieleabend samt Glücksrad und Popcorn. Dass alle hier Spaß haben sollen, das ist für Becker und ihre Kollegen Ehrensache. „Die Menschen hier leben doch eh bereits am Rande der Gesellschaft.“ Ihnen ein Lachen ins Gesicht zu zaubern, wenn auch nur alle 14 Tage, das ist ihr eine Herzensangelegenheit. Ganz gleich zu welcher Jahreszeit.