Die Hernerin Nadia Raoui spricht über ihre ersten Kämpfe

Nadia Raouiheute: Vielleicht kehrt sie eines Tages als Trainerin ins Boxgeschäft zurück.
Nadia Raouiheute: Vielleicht kehrt sie eines Tages als Trainerin ins Boxgeschäft zurück.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Als Profisportlerin schien Nadia Raoui lange vom Erfolg geküsst. Bis das Fernsehen Frauenboxenaus dem Programm schmiss. Sie musste sich neu erfinden.

Herne..  Es ist still geworden um Nadia Raoui, aber das scheint ihr gut zu bekommen. Zum Interview erscheint sie mit blonden Strähnchen im Haar und Lidstrich um die Augen, Raoui wirkt entspannt – eine nette, etwas schüchterne 29-Jährige, die beim Lächeln ihre weißen Zähne zeigt. Als Box-Weltmeisterin (Fliegengewicht) trug sie einst den Spitznamen „Das schöne Biest“. Ihr Aussehen gehörte zur Inszenierung. Vielen Gegnerinnen hat sie eine blutige Nase verpasst, schon als junges Mädchen wollte sie kämpfen. Heute hat die gebürtige Eickelerin einen Schreibtisch-Job im öffentlichen Dienst und gibt Boxkurse in einem Essener Fitnessstudio.

Frau Raoui, können Sie sich an Ihren ersten Kampf erinnern?

Raoui: Das war mit 16, ich hatte erst drei Monate vorher mit Kickboxen angefangen. Ich war super aufgeregt. Meine Gegnerin hatte den gleichen Trainingsstand wie ich, ich habe nach Punkten gewonnen. Für die Kontrahentin war das dramatisch: Ihre ganze Familie hat zugeschaut, nach der Niederlage hat sie bitterlich geweint. Der gegnerische Trainer hat hinterher richtig Theater gemacht. Ich hätte betuppt, hätte viel länger als drei Monate trainiert und so. Der war echt sauer.

Wie kommt eine junge, hübsche Frau auf die Idee, in einen Boxring zu steigen und sich auf die Nase hauen zu lassen?

Ich war schon immer sehr ehrgeizig. Mit sieben habe ich beim DSC Wanne-Eickel mit Judo angefangen, mit 16 habe ich sechsmal die Woche im Fitnessstudio fürs Kickboxen trainiert. Ein Erweckungserlebnis war für mich, als ich drei Tage an einem Lehrgang mit der berühmten Boxerin Regina Halmich in Karlsruhe teilgenommen habe. Da war ich 18. Zu ihr habe ich heute noch Kontakt, sie ist eine ganz liebe, bodenständige Person. Meine Freundinnen haben gesagt: Nie hast du Zeit, immer musst du zum Training. Aber der Sport war es mir wert. Angst davor, nicht weiblich zu wirken, hatte ich nicht. In all den Jahren habe ich mir nie die Nase gebrochen, hatte höchstens mal Entzündungen im Handgelenk. Beim Fußball ist die Verletzungsgefahr viel größer.

2006 haben Sie Ihren ersten Profikampf bestritten. Wie ist es dazu gekommen?

Das war mit 21. Mittwochs rief mein Trainer an und fragte, ob ich Samstag kämpfen könne. Der Kampf wurde sogar im DSF übertragen. Ich habe versucht, die Aufregung auszublenden, war in einem richtigen Tunnel. Meine Gegnerin galt zu der Zeit als große Hoffnung des Frauenboxens, die haben mich als Aufbaugegnerin engagiert. Dazu kam, dass mein Trainer mir so eine pinke Hose geschenkt hatte. Die sieht doch süß aus, sagte er. Die würde ich heute nicht mehr anziehen. Ich war die totale Außenseiterin. Aber dann habe ich richtig Gas gegeben und klar nach Punkten gewonnen. Hinterher ist der ganze Druck von mir abgefallen.

Ein Wendepunkt in Ihrer Karriere war der Skandalkampf gegen Susi Kentikian 2010 in Hamburg. Die Zeitungen schrieben hinterher „Punktrichter schenken Kentikian den Sieg“. Nach dem Kampf sind Sie in Tränen ausgebrochen.

Das war die erste Niederlage meines Boxerinnen-Lebens. Es ging um sehr viel, um die WM-Gürtel von gleich drei Verbänden. Ich war klar besser, das hat jeder gesehen. Aber Profiboxen hat so viel mit Politik zu tun, das ist nicht schön. Danach habe ich mich beruflich umorientiert. Ich habe eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht und meinen Weltmeister-Gürtel nebenbei verteidigt. 2013 war dann Schluss. Das hatte aber mehr mit den Rahmenbedingungen zu tun: Das ZDF ist aus der Berichterstattung ausgestiegen, seitdem ist das Frauenboxen in Deutschland tot. Susi Kentikian ist später übrigens auch nie mehr auf die Beine gekommen.