Die Durchstarter
08.09.2008 | 19:23 Uhr 2008-09-08T19:23:47+0200Sie haben gute Noten, engagieren sich ehrenamtlich, und müssen doch mit Vorurteilen kämpfen.Yasir, Nirviya und Zekiye können ihre Chancen nun mit einem Stipendium verbessern
AUSBILDUNG Notendurchschnitt 1,9, Lieblingsfach Mathe. Streber, könnte man denken. Allerdings will der sportliche Yasir Susa so gar nicht ins Bild passen. Und trotzdem: Der 15-jährige Kurde ist ein Musterschüler. Einer, der weiter gefördert werden sollte, fanden seine Lehrer von der Mont-Cenis-Gesamtschule. Und so überredeten sie ihn, sich für das Start-Stipendium zu bewerben, das Schüler mit Migrationshintergrund unterstützt - mit Erfolg.
Das Stipendium wird ausgelobt von der Start-Stiftung, einem Projekt der gemeinnützigen Hertie-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem NRW-Ministerium für Schule und Weiterbildung und weiteren Partnern. Das Programm baut auf Persönlichkeitsentwicklung und Talentförderung. 78 Jugendliche wurden Anfang September aufgenommen - insgesamt werden in Deutschland und Österreich derzeit 570 Schüler aus 60 Herkunftsländern gefördert.
"In der Grundschule war ich mittelmäßig. Auf der Gesamtschule wurde ich auf einmal gut, das fiel mir leichter", erzählt er. "Meine Eltern sind sehr stolz auf mich, und haben das gleich überall herumerzählt", sagt der Zehntklässler. Der Vater war früher Bauarbeiter, ist heute berufsunfähig, die Mutter ist Hausfrau. Yasir hat drei Geschwister. Für ihn ist das Stipendium eine Chance, auf seinen Traum hinzuarbeiten. Später, sagt er, möchte er gerne Medizin studieren.
100 Euro stellt die Start-Stiftung ihren Stipendiaten monatlich zur Verfügung, dazu einen Laptop und einen Drucker. Das Geld soll in Bildung investiert werden. "Früher habe ich mir nicht so viele Bücher gekauft", sagt Yasir, der in seiner Freizeit gerne mit seinen Kumpels Fußball oder Basketball spielt. Von seinem ersten Geld will er sich einen dicken Roman kaufen.
Und dann sind da noch die Seminare. Seinen ersten Lehrgang hat Yasir schon hinter sich, einen Rhetorik-Kurs in Köln. Dort traf er auch die zweite Herner Stipendiatin, Nirviya Dharmaseelan (18) von der Gesamtschule Wanne-Eickel. "Jetzt traue ich mich schon mehr", sagt sie.
Bis zu ihrem siebten Lebensjahr hat Nirviya in Sri Lanka gelebt, bei ihrer Großmutter. Dann kam sie zu ihrer Tante und deren Familie nach Wanne-Eickel. Mit viel Biss hat sie es geschafft, sich zu integrieren. Ihr Deutsch ist akzentfrei, der Notendurchschnitt von 1,8 lässt manchen deutschen Mitschüler blass aussehen. "Ich bin schon ehrgeizig", sagt die Elftklässlerin. Nach dem Abitur will sie studieren - was, weiß sie noch nicht.
In der Schule spielt sie Badminton, ist Streitschlichterin, nimmt Gitarrenunterricht, will sich in die Schülervertretung wählen lassen. Und in der Freizeit engagiert sie sich in der Hausaufgabenhilfe und hilft zu Hause. Das Engagement kam bei der Jury der Stiftung gut an.
Beim ersten Treffen mit den anderen Stipendiaten war Niviya ziemlich aufgeregt. "Das sind bestimmt alles Streber", habe sie gedacht. Doch schnell waren die ersten Kontakte geknüpft, schließlich haben die jungen Talente vieles gemeinsam. "Das Gefühl ist unbeschreiblich", sagt sie.
Auch wenn die jungen Migranten durchaus selbstbewusst auftreten, haben sie doch mit einer Menge Vorurteile zu kämpfen. Die dunkelhäutige Nirviya hat schon oft rassistische Bemerkungen hinnehmen müssen, kennt das Gefühl, "anders" zu sein. Eine Erfahrungswelt, die viele Stipendiaten teilen. "Man hat das Gefühl, dass man angenommen wird", sagt sie.
Nirviyas Schulkameradin Zekiye Bajrami (18) ist schon seit zwei Jahren Stipendiatin und begeistert vom Programm. "Es ist nicht nur die materielle Förderung, vielmehr sind es die Seminare und Veranstaltungen, zu denen man reisen kann", schwärmt sie. Bei den Seminaren geht es um Themen wie Politik, Kultur, aber auch Umgangsformen. Einmal im Jahr gibt es ein bundesweites Treffen der Stipendiaten, Landes- und Regionalgruppen treffen sich öfter.
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