Die allerersten Kleingärtner der Stadt

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Foto: KGV Sorgenfrei
Was wir bereits wissen
Der KGV Sorgenfrei feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Die Zahl derGartenzwerge nimmt deutlich ab, nicht aber die Zahl der Mitglieder.

Herne..  Sorgenfrei – das klingt nach Idylle, nach Ruhe und Erholung. Als der Kleingartenverein mit diesem herrlichen Namen als erster seiner Art in Herne vor 100 Jahren aus der Taufe gehoben wurde, war Sorgenfrei aber mehr Wunsch als Realität: Im Ersten Weltkrieg waren die Menschen alles andere als sorgenfrei, sondern mussten um ihren täglichen Lebensunterhalt kämpfen. Fortan auch auf ihrer kleinen Scholle an der Wilhelmstraße.

Sorgenfrei, da schweben einem Gartenzwerge vor und Menschen mit einem ausgeprägten Sinn für die exakte Beachtung von Regelwerken. Beim Treffen mit dem Vorstand des KGV Sorgenfrei gewinnt man jedoch schnell den Eindruck: eher lockere Normalos, die Gartenzwerge als eine vom Aussterben bedrohten Art betrachten. „Die gibt es bei uns kaum noch“, erklärt der Vorsitzende Hans-Peter Müller. Ein Rundgang über das offene Gelände bestätigt das. „Die Anlage ist eigens so konzipiert, dass sich niemand verstecken kann“, erklärt Müller. „Im Prinzip sieht es hier aus wie 1923.“ Damals wurde die Ligusterhecke gesetzt, die auch heute noch möglichst kurz gehalten wird. Der Verein baut auf Kommunikation, auf ein gutes Miteinander, schottet sich nicht ab – im Gegenteil: „Wir haben heute einen Anteil von 40 Prozent an Mitgliedern, die ausländische Wurzeln haben.“

Regeln müssen eingehalten werden

Da gibt es auch mal Ärger, wenn ein Neupächter gegen die Regeln verstößt, allzu locker sehen die „Sorgenfreien“ das nun auch wieder nicht: „Es gibt Leute, die bauen einfach drauf los, zimmern sich aus zusammengesuchten Teilen etwas zusammen. Das geht natürlich nicht“, sagt Schriftführer Georg Cziesla, „die müssen schon einen Bauantrag stellen.“ In der Regel sei aber alles: im grünen Bereich. Klar sei aber auch: „Wer hier nicht klarkommt, der kündigt von sich aus“, macht Cziesla deutlich. Zuallererst gibt sich der KGV aber weltoffen: „Als der erste Russe kam und sagte, er werde überall abgelehnt, da haben wir ihn aufgenommen.“

„In der Vereinsanlage hat sich in den letzten 40 Jahren nicht viel geändert“, schreibt der Vorsitzende in seiner Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum: „Der Frühling kommt, die Pflanzenwelt erwacht, der Sommer – es wächst und gedeiht, der Herbst – die Ernte, der Winter – die Natur ruht wie jedes Jahr und doch immer wieder eine neue Erfahrung.“ Das hört sich poetisch an, fast philosophisch, und nicht umsonst wirkt der Schreiber dieser Zeilen wie ein gestandener Lehrer, so sehen es auch seine Kollegen im Vorstand. „In Wirklichkeit bin ich aber Industriekaufmann“, stellt Müller klar, hat aber nicht viel gegen sein Lehrer-Image einzuwenden. Kurz nachdem es losging an der Wilhelmstraße, trieb die Menschen vor allem der Hunger in den Verein. Waren es nach der Gründung im März 1915 noch 31 Mitglieder, schwoll der KGV schon ein Jahr später auf stolze 800 an – als bekannt wurde, dass man dort Parzellen pachten konnte, sogar auf 112 an der Zahl. Besonders der Steckrübenwinter 1917 – so heißt es in der Chronik – prägte die Menschen und ihr Verhältnis zum Garten. So viele Mitglieder, da mussten die Versammlungen immer nacheinander abgehalten werden, es gab in der Umgebung keinen Saal, der Platz für alle gehabt hätte.

Erst 1958 wurde der Grundstein für ein Vereinsheim gelegt. Das war nach einem zweiten entbehrungsreichen Krieg und einer kargen Nachkriegszeit, als Kleingärten wieder eine bedeutende Rolle spielten und nachts sogar bewacht werden mussten – gegen Hungrige, die nicht säen, aber ernten wollten.

Durch das Wirtschaftswunder in den 60er-Jahren änderte sich die Nutzung. Es gab immer mehr Rasenflächen und Blumenrabatten, weniger Gemüsebeete. „Aber auch heute noch muss mindestens ein Drittel der Fläche als Ackerland genutzt werden“, sagt der Sorgenfrei-Vorsitzende Hans-Peter Müller. Angebaut werden Kartoffeln, Möhren, Bohnen, Kopfsalat und vieles mehr, dazu Obst: „querbeet“, sagen die Kleingärtner. Es ist ein Polizist darunter, ein Werbetechniker, Bundesbahnbeamter, Energieanlagenelektroniker und ein Feinmechaniker. Auch beruflich läuft das hier „querbeet“.

Alle haben ihre Parzellen schon viele Jahre gepachtet, Beisitzer Andreas Tomlik hat seine beispielsweise von den Eltern übernommen, die ihre Fläche bereits 1973 übernahmen. Eugen Jarczyk verfügt zuhause nur über einen kleinen Balkon und braucht „etwas zum Austoben“, wie er sagt. Und Georg Cziesla „wusste nicht wohin mit meinen beiden Töchtern, die haben hier Fahrradfahren gelernt und im Garten gezeltet.“

Im Jahr des 100-jährigen Geburtstages sieht sich der Kleingartenverein für die Zukunft gewappnet: „Wir haben keinen Nachwuchsmangel, in dieser Beziehung sind wir wirklich sorgenfrei“, sagt Müller. Und man sieht: Gartenzwerge mögen aussterben, die „Sorgenfreien“ noch lange nicht.