Der Güterbahnhof ist ein riesiges Puzzle auf Schienen

Thomas Schweers koppelt mit einer Stange die Waggons ab - bei Wind und Wetter und sehr oft nachts.
Thomas Schweers koppelt mit einer Stange die Waggons ab - bei Wind und Wetter und sehr oft nachts.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Güterbahnhof in Wanne-Eickel ist ein riesiges Puzzle auf Schienen. Rund 1000 Waggons werden am Standort im Durchschnitt pro Tag „verarbeitet“.

Wanne-Eickel..  „Du hast einen Herzschlag aus Stahl, man hört ihn laut in der Nacht“ - sang Herbert Grönemeyer über Bochum. Auch Wanne-Eickel hat seinen Herzschlag. Anwohner können ihn in der Nacht hören. Auch wenn er in den vergangenen Jahrzehnten deutlich langsamer geworden ist, er ist noch äußerst lebendig: der Güterbahnhof. Die WAZ hat sich im - scheinbaren - Labyrinth aus Gleisen, Waggons und Loks umgeschaut.

Von einem Labyrinth konnte in den Anfängen noch keine Rede sein. Diese reichen bis tief ins 19. Jahrhundert. Im Jahr 1856 wurde ein Gleisanschluss für die Zeche Pluto gebaut - der Vorläufer des Güterbahnhofs. Der wuchs im Zuge der Industrialisierung rasant. 1925 waren bei der Eisenbahn in Wanne-Eickel etwa 3000 Menschen beschäftigt. Der Güterverkehr war zu jener Zeit noch deutlich dominanter. Das Verhältnis von Güter- zu Personenzügen lag laut Bahnsprecher Franz Heumüller bei 3:1.

Nach dem 2. Weltkrieg wuchs die Bedeutung des Standortes, der Güterbahnhof war einer der größten des Ruhrgebiets. Dass Wanne-Eickel als „Stadt der 1000 Züge“ bezeichnet wurde, hing mit dem Stückgutumschlag zusammen. Pakete wurden einzeln in die Waggons ein- oder ausgeladen. Mehr als 230 Güterwaggons konnten gleichzeitig beladen werden. Mitte der 90er-Jahre wurde der personalintensive Stückgutumschlag stillgelegt.

Jedes Gleis hat seine Zuordnung

Doch still ist es auf dem Güterbahnhof deshalb längst nicht...

Wenn man zum ersten Mal das Areal betritt und es vor sich sieht, ist man fast erschlagen von den Ausmaßen - die man mit einem Blick gar nicht erfassen kann. Kein Wunder bei etwa 70 Gleisen und einer Länge von bis zu vier Kilometern. Es ist eine Parallelwelt mit vielen Parallelschienen. Der Laie hat hier keinen Überblick, die Profis sehr wohl. Sie nehmen hier jeden Tag mehrmals Puzzle auf Schienen auseinander - und setzen sie an anderer Stelle und in anderer Kombination wieder zusammen.

Thomas Schweers ist so ein Profi. Er steht auf dem sogenannten Westberg und wartet auf einen eingetroffenen Zug. Anhand eines Plans weiß er ganz genau, welche Wagen er mit einer großen Stange entkoppeln muss. Die Waggons rollen dann allein den Berg - einen kleinen Abhang - hinunter auf unterschiedliche Gleise. Diese haben eine feste Zuordnung, je nach Zielort: Hagen-Vorhalle, Gremberg, Oberhausen undsoweiter. Für Schweers und seine Kollegen noch echte Handarbeit bei Wind und Wetter - und meistens bei Nacht. Die Computer haben in Wanne-Eickel noch nicht das Steuer übernommen.

Das Puzzle wird noch dadurch raffinierter, dass die Kunden nicht nur zum Zeitpunkt X ihre Ware haben wollen, sondern der Waggon womöglich an einem bestimmten Punkt im Zug eingeordnet werden muss. Außerdem sollen die Züge ausgelastet sein, sonst sinkt die Rentabilität des Güterbahnhofs. Das kann für die Rangierloks einiges an Hin und Her bedeuten.

Auch wenn Wanne-Eickel nicht mehr die Stadt der 1000 Züge sein mag, „in der Montanindustrie geht es in ganz Deutschland ohne Wanne-Eickel nicht“, so Standortleiter Hakan Güney. „Wenn Wanne-Eickel instabil würde, würde ganz Deutschland instabil.“ Ist aber noch nicht vorgekommen.

DB Schenker Rail beschäftigt 262 Mitarbeiter in Wanne-Eickel

Auch wenn die Bedeutung des Standorts Wanne-Eickel gesunken sein mag, die Zahlen sind immer noch beeindruckend.

So hat der Standort, der von der DB Schenker Rail AG betrieben wird, 262 Mitarbeiter (dazu gehören u.a. Wagenmeister, Rangierpersonal, Triebfahrzeugführer und Verwaltungspersonal, zum Beispiel Disponenten).

Die wichtigsten Kunden sind Thyssen-Krupp-Stahl in Bochum und Dortmund, der Chemiepark Marl; Wheels in Recklinghausen und Gelsenkirchen, die Quarzsandwerke in Sythen, die Autospedition Helf in Essen-Katernberg, die Häfen in Gelsenkirchen und Wanne und der Containerterminal in Dortmund. Die wichtigsten Warengruppen sind bunt gemischter Stahl, Schrott, Chemieprodukte, Pkw, leere Getränkedosen und Sand.

Pro Tag werden im Durchschnitt etwa 1000 Waggons „verarbeitet“.

Wichtigste Ziele der Züge sind Seelze, Nürnberg, Mannheim, Gremberg, Hagen-Vorhalle, Osterfeld-Süd sowie internationale Verbindungen. Darüber hinaus arbeitet der Standort mit der Wanner-Herner Eisenbahn, Gelsenlog (Hafenbahn Gelsenkirchen) sowie Captrain (Dortmunder Eisenbahn) zusammen.