Das passiert bei Trennung von Herne und Wanne-Eickel

Ein Riss durch die Stadt und die Rathäuser? Die WAZ hat theoretisch durchspielen lassen, welche Konsequenzen es hätte, wenn sich Wanne-Eickel und Herne scheiden ließen.
Ein Riss durch die Stadt und die Rathäuser? Die WAZ hat theoretisch durchspielen lassen, welche Konsequenzen es hätte, wenn sich Wanne-Eickel und Herne scheiden ließen.
Foto: Denise Ohms
Was wir bereits wissen
Wanne-Eickel und Herne haben keine Ehe aus Liebe geschlossen. Wir haben mit Hilfe eines Experten die Folgen einer Scheidung durchgespielt.

Herne.. Diese Ehe wurde nicht im Himmel geschlossen. Es war die reine Vernunft, die Wanne-Eickel und Herne vor 40 Jahren „heiraten“ ließ. Da könnte man nach vier Jahrzehnten auf die Idee kommen: Wir lassen uns scheiden. Doch ist das machbar? Und welche Konsequenzen hätte das? Die WAZ spielte diese höchst theoretische Vorstellung mit Professor Jörg Bogumil durch. Bogumil ist an der Bochumer Ruhr-Universität Lehrstuhlinhaber für Öffentliche Verwaltung, Stadt- und Regionalpolitik.

Gesetzt den Fall, dass der Herner Rat tatsächlich über einen Scheidungsantrag abstimmen würde und sich sogar eine Mehrheit fände, so müsste immer noch der „Scheidungsrichter“ sein Okay geben: der Landtag. Für Bogumil ist dies so gut wie ausgeschlossen, „ansonsten würden am nächsten Tag zehn weitere Anträge kommen“.

Aber bleiben wir bei der Theorie - und Wanne-Eickel und Herne bekämen tatsächlich die Erlaubnis zur Scheidung. Dann müssten beide Städte quasi entflochten werden. Dies wäre ein höchst komplizierter Prozess. Klar wäre, dass zwei Räte neu gewählt werden müssten, wobei zuvor neue Wahlkreise gebildet werden müssten. Auch die Parteien müssten sich neu organisieren.

Wer übernimmt welche Schulden?

Darüber hinaus müssen aber auch die Verwaltungen neu aufgebaut werden. Was zu der Frage führt: Welcher Mitarbeiter geht wohin? Doch dies zu beantworten, würde wohl zu den einfacheren Aufgaben gehören. Höchst komplex wird die Scheidung beim Blick auf die Finanzen: Der Haushalt müsste auseinander dividiert werden. Bogumil macht auf folgende Details aufmerksam: Wer würde denn welche Schulden - von denen Gesamt-Herne ja reichlich hat - übernehmen? Und wie sieht es mit Fördergeldern des Landes aus? Wer zahlt die zurück? Wer darf welche behalten? Die Verteilung der Gewerbesteuer könnte sich an den Stadtgrenzen orientieren. Stellt sich eben nur die Frage, wer gut dabei weg kommt und wer schlecht. Andere Einheiten - wie die Agentur für Arbeit - blieben unangetastet, weil sie zu übergeordneten Bezirken gehören. Auch die Zugehörigkeit mit Landschaftsverband Westfalen-Lippe bliebe für beide Städte bestehen.

Jenseits der Verwaltung stellen sich andere Fragen: Wo hat Wanne-Eickel sein Veranstaltungszentrum, wenn das Kulturzentrum nicht mehr in Frage kommt? Muss der Mondpalast weichen?

Für Bogumil steht fest: Eine Scheidung wäre mit höheren Kosten verbunden. „Je kleiner die Einheiten, desto weniger effizient sind sie.“ Darüber hinaus würde die ohnehin nicht starke Stimme Hernes in der Region wohl noch leiser werden, wenn nicht gar verstummen.

Vor dem Hintergrund all dieser Detailfragen macht der Experte auf eine ganz zentrale Tatsache aufmerksam: Bei einer Scheidung hätten sowohl Herne als auch Wanne-Eickel weniger als 100.000 Einwohner - und wären damit zu klein, um kreisfreie Städte zu bleiben. So gäbe es auf den zweiten Blick so etwas wie den lachenden Dritten: den Kreis Recklinghausen. Teile der Verwaltung - so Bogumil - würden nach Recklinghausen gehen, etwa das Gesundheitsamt. Der dortige Kreistag würde größer, die Oberbürgermeister Wanne-Eickels und Herne würden zu Bürgermeistern schrumpfen, die Kommunalparlamente würden wegen der geringeren Einwohnerzahl kleiner. Verwaltungs-Chef würde plötzlich der Landrat.

Zu klein, um kreisfrei zu bleiben

Doch selbst dieses theoretische Gebilde hat einen entscheidenden Haken: Zurzeit gehört Herne zur Bezirksregierung Arnsberg, der Kreis Recklinghausen jedoch zur Bezirksregierung Münster. Es müsste also eine völlig neue Zuordnung geschehen, denn es gibt keinen anderen Landkreis, mit dem Herne eine Grenze teilt.

Das Fazit dürfte eindeutig sein: Auch wenn die Städte-Ehe nicht im Himmel geschlossen wurde, eine Scheidung kommt - bei gesundem Menschenverstand - einfach nicht in Frage.

Professor Jörg Bogumil ist anerkannter Experte für Stadt- und Regionalpolitik

Nordrhein-Westfalen hat in den 70er-Jahren eine der umfassendsten Gebietsreformen in den alten Bundesländern durchgeführt. Die Anzahl der Gemeinden sank von 2277 (im Jahr 1968) auf 396 (im Jahr 1978). Das entspricht einer Reduzierung um 82,6 Prozent. Ähnlich umfassend reduzierten nur Hessen (um 84,2 Prozent) und das Saarland (um 85,6 Prozent), wie Professor Jörg Bogumil und Professor Lars Holtkamp in „Kommunalpolitik und Kommunalverwaltung“ darstellen.

Bogumil ist ein Anhänger der Gebietsreform, „ich habe sie immer für richtig gehalten, weil sie zukunftsfähige Strukturen geschaffen hat“.

Bogumil ist bundesweit anerkannter Experte für Öffentliche Verwaltung, Stadt- und Regionalpolitik, Öffentliche Verwaltung, Stadt- und Regionalpolitik.

Er ist Autor zahlreicher Gutachten und Studien für den Bund, verschiedene Bundesländer sowie Industrie- und Handelskammern oder Stiftungen.