„Das hat so etwas Schrullig-Schönes“

Geboren wurde er an einem 13. August, pünktlich nach dem Kirmes-Feuerwerk. Er ging in Crange in den Kindergarten, in Wanne zum Gymnasium, „und dann bin ich mein Leben lang nicht aus der Stadt rausgekommen.“ Seit April 2003 leitet Holger Wennrich die Geschäfte der Stadtmarketing Herne GmbH. Frank Grieger sprach mit dem 46-Jährigen - von Wanne-Eickeler zu Wanne-Eickeler. Worüber? Dreimal dürfen Sie raten.

Hape Kerkeling hat mal ziemlich böse gesagt: „Amsterdam ist das Venedig des Nordens. Oslo hingegen ist das Wanne-Eickel Skandinaviens: Keiner weiß, wo es liegt, und keiner will dort hin.“ Richtig oder falsch?

Wennrich: Nein, das stimmt natürlich nicht. Wie so oft im Leben werden Vorurteile von Menschen geschürt, die keine Ahnung haben.

Wir dagegen kennen unsere Qualitäten…

Wennrich: Ganz genau! Berlin zum Beispiel mag ich sehr, aber dort leben möchte ich nicht. Da könnte man sich vielleicht, wenn’s hoch kommt, die Hälfte der Wohnfläche leisten, und hätte bestenfalls einen mikroskopischen Garten. Ich lebe in der Gartenstadt in Eickel, da würde ich nie wegziehen wollen. Was die Lebensqualität angeht, werden Herne und Wanne-Eickel chronisch unterschätzt.

Ein Bekannter erzählt gern, wie er als kleiner Junge mit seinen Eltern vor langer Zeit im VW Käfer mit WAN-Kennzeichen unterwegs war. Auf einem Rastplatz sagte ein kleines Kind: „Guck mal, die kommen vom Mond!“ Es ist schon was Besonderes, Wanne-Eickeler zu sein, oder?

Wennrich: Dieser Kult wird verrückterweise in ganz Deutschland erkannt. Das hat so etwas Schrullig-Schönes. Allein der Name hört sich so schön bescheuert an. Städte mit Doppelnamen wirken ohnehin etwas provinzieller. Bad Laasphe klingt auch nicht unbedingt nach großer Metropole.

Wobei wir uns, bescheiden wie wir sind, das wohlverdiente „Bad“ vor Wanne-Eickel sogar verkneifen!

Wennrich: Eben! Von daher: Wanne-Eickel ist vielleicht der lustigste Name in Deutschland. Rein phonetisch – und von dem, was da reininterpretiert wird – hat das viel zu unserem Ruf beigetragen.

Über Jahrzehnte haben wir uns damit aber ein bisschen beleidigt gefühlt. Seit einiger Zeit nimmt man das nun eher als Auszeichnung wahr. Dass man sich mit einer eigentlich gar nicht mehr existenten Stadt heute noch beschäftigt, das ist doch sehr positiv.

Wie macht sich Wanne denn in den letzten Jahren? Zum Beispiel, was Handel und Fußgängerzone angeht.

Wennrich: Der Einzelhandel war bis vor nicht allzu langer Zeit auf einer stetigen Talfahrt, mindestens 25 Jahre lang.

In jüngerer Vergangenheit gab es aber doch auch durchaus positive Entwicklungen.

Wennrich: Genau. Was sich in den letzten fünf Jahren in Wanne-Eickel ergeben hat, ist klasse. Egal wie man zu Kaufland steht, aber wenn ein privatwirtschaftliches Unternehmen über zehn Millionen in Wanne investiert, dann ist das erstmal ein Wort.

Profitiert denn auch die Fußgängerzone davon?

Wennrich: Wenn am einen Ende ein Kaufhaus entsteht, in das ich reinfahren kann, dann werden Leute nicht unbedingt zu Geschäften marschieren, die sie von dort aus nicht sehen können. Bis zur Christuskirche – ja, dahinter wird es dann schon schwieriger.

Aber es gibt doch durchaus nette Läden in Wanne.

Wennrich: Die inhabergeführten Geschäfte sind das Salz in der Suppe. Respekt vor den Geschäftsleuten, die heute noch Geschäfte im doppelten Wortsinn betreiben. Und das durchaus erfolgreich, denn sie werden es nicht aus Nächstenliebe tun.

Was hat Wanne-Eickel, was andere Städte nicht haben?

Wennrich: Das ist schwer erklärbar, so wie Kult immer schwer erklärbar ist. Ein Versuch: Wir sind besonders, weil wir einen besonderen Namen haben. Und weil wir von außen ein besonderes Signet bekommen haben: den Mond.

Was fehlt?

Wennrich: Moos! Wir brauchen mehr Unternehmen. Wir sind von den wenigen abhängig, die da sind, aber man darf diese im Sinne der Bestandspflege natürlich nicht übermäßig belasten.

Mal angenommen, Sie würden durch eine Erbschaft oder einen Lottogewinn unverhofft zehn Millionen Euro bekommen. Mit der Maßgabe, Sie müssten damit etwas für Wanne-Eickel tun. Wofür würden Sie es anlegen?

Wennrich: Nicht für Werbekampagnen jedenfalls, ich würde es verbauen. Ich muss dafür sorgen, dass das Produkt besser wird, statt Dinge zu versprechen, die ich nicht halten kann. Und wenn der liebe Gott ganz viel Geld vom Himmel schmeißt, richte ich die Mozartstraße wieder her, mit ihrem alten Glasdach, mit neuen Fassaden – und versuche über ein Mietsubventionsprogramm, da wieder Einzelhandel reinzubringen

Das Alleinstellungsmerkmal der Stadt Herne – wenn man in der Marketing-Sprache bleibt – ist ja wohl die Cranger Kirmes. Aber mal ehrlich: „Cranger Kirmes in Herne“ - geht Ihnen das als Original-Wanne-Eickeler nicht auch schwer über die Zunge?

Wennrich: Sagen wir ja gar nicht! Das ist auch so ein Vorurteil. Es steht nirgendwo, jedenfalls nicht auf unseren offiziellen Medien. Die Cranger Kirmes findet nicht in Herne statt, sondern in Crange.

Okay, das überprüfen wir dann im Faktencheck (Kasten unten links). Aber unabhängig davon: Wir Wanner fühlen uns ja ähnlich wie die Wattenscheider immer noch ein bisschen wie ein gallisches Dorf. Die Eingemeindung ist jetzt 40 Jahre her, und immer noch glauben manche Alt-Wanne-Eickeler, dass Herne bevorzugt wird. Ist das so?

Wennrich: Das ist Quatsch. Auch faktisch belegbar.

Dann mal her mit den Fakten.

Wennrich: Der Buschmannshof hat je nach Rechnungsart zwischen 11 und 18 Millionen Euro gekostet. Die Hauptstraße ist renoviert worden, man hat vor der Christuskirche etwas gemacht. Man hat den Post- und Rathauspark umgestaltet. Man hat über eine fünfjährige Akquiseaktion private Investoren angeworben und fast 70 Eigentümer zu Investitionen bewegen können. Da kann mir doch kein Mensch sagen, dass nichts passiert ist. Das Gegenteil ist der Fall.

Ein Ausdruck für das Identitätsgefühl ist ja auch das Autokennzeichen. Seit vor drei Jahren wieder WAN-Kennzeichen in Umlauf kamen, haben das viele dankbar angenommen: 5000 in drei Monaten. Was für ein Kennzeichen haben Sie?

Wennrich: HER. Ich persönlich benötige kein entsprechendes Kennzeichen. Ich habe Wanne im Herzen, nicht am Wagen.

Was wird nun in Zukunft aus unserer gemeinsamen Lieblingsstadt?

Wennrich: Ich glaube, dass Wanne-Eickel ein liebens- und lebenswerter Ort ist. Meine Wahrnehmung ist, dass es viele Menschen gibt, die an den Standort glauben. Man könnte sagen: Herne ist besser, als man denkt. Und Wanne-Eickel erst recht.