Cigdem Akyol aus Herne beleuchtet „Generation Erdogan“

Was wir bereits wissen
Die 36-jährige Journalistin lebt heute als Auslandskorrespondentin in Istanbul. Sie hat ein informatives Buch über die Türkei von heute geschrieben.

Herne.. Die Idee zum Buch entstand in einem Café in Berlin. Cigdem Akyol, vor zwei Jahren noch Redakteurin bei der taz in der Hauptstadt, saß mit Freunden zusammen und es ging um Erdogan, damals Ministerpräsident der Türkei, heute Staatspräsident. Warum dieser eine Wahl nach der anderen gewinnt, sah die Journalistin von den deutschen Medien nicht ausreichend erklärt.

„Die Negativnachrichten sind nur eine Seite“, sagt Cigdem Akyol. Es sei an der Zeit gewesen „aufzuzeigen, wie er das Land verändert hat, im Positiven wie im Negativen“. Die Idee zu „Generation Erdogan“ war geboren. Jetzt ist das Buch erschienen und Cigdem Akyol, die in Herne aufgewachsen ist und jetzt als Korrespondentin in Istanbul lebt, geht mit ihm auf Lesereise.

Bisher keine Literatur

„Es gibt keine deutschsprachige Literatur, die sich mit Erdogan beschäftigt“, stellt Cigdem Akyol beim Gespräch im Caféhaus fest. Für zwei Tage ist sie zu Besuch in Herne, nach Lesungen in Berlin, Leipzig und Hamburg, bevor es weiter geht nach Österreich. Die Lücke will ihr Buch mit dem Untertitel „Die Türkei - ein zerrissenes Land im 21. Jahrhundert“ füllen.

Welcher Riss durch die türkische Gesellschaft geht, hätten die Gezi-Proteste 2013 gezeigt, schreibt die Autorin in der Einleitung. Das Land sei geteilt: in die, die an Recep Tayyip Erdogan festhalten wollten, weil sie eine neue Zeit der Wirren befürchteten, und die, „die auf den Straßen rufen ,Erdogan, hau ab’.“

Wer dieser Erdogan ist, der seit 2003 mit der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) die Türkei regiert, erklärt das Buch nach einer Einführung in die Geschichte seit Gründung der Republik 1923 anschaulich: ein „gläubiger sunnitischer Muslim“, „Sohn eines unterprivilegierten Anatoliers“, der als Kind Sesamkringel verkaufen musste, ein „schwarzer Türke“, geliebt und verehrt, aber auch gehasst, weil er keine Kritik duldet, weder von Medien, noch von Bürgern oder der Opposition. „Die Unterschicht wurde von einer elitären Oberschicht regiert“, erklärt Cigdem Akyol, die von „schwarzen“ und „weißen“ Türken spricht. Dann sei der Mann aus dem Volk gekommen und habe „der breiten Masse eine Stimme“ gegeben.

Cigdem Akyol erklärt und ordnet ein, was von Deutschland aus gesehen manchmal nicht zusammenpasst. Sie versteht sich als „neutrale Beobachterin“ und als solche beleuchtet sie die türkische Gesellschaft der Gegenwart: die boomende Wirtschaft, Justiz und Militär, die Re-Islamisierung des Landes, das dennoch von einem islamischen Gottesstaat weit entfernt sei. Differenziert betrachtet Cigdem Akyol auch die Rolle der Frau. „Frau zu sein in der Türkei ist sehr schwierig“, sagt sie nach anderthalb Jahren in Istanbul lebt. Nur ein Drittel der Frauen sei berufstätig, und die, die es an die Spitze großer Unternehmen geschafft hätten, seien häufig die Töchter mächtiger Familien.

Pressefreiheit eingeschränkt

Auch die eingeschränkte Pressefreiheit ist ein Thema. Als Auslandskorrespondentin für den österreichischen Nachrichtendienst APA und freie Autorin für deutsche Medien hat sie selbst eine Zensur nie zu spüren bekommen, anders als türkische Kollegen. „Ich habe unterschätzt, welchen innenpolitischen Druck Erdogan ausübt und wie stark die Zensur ist“, sagt sie. „Er ist autokratischer, als ich es hier in Deutschland gesehen habe.“

Trotzdem: Sie bleibt erst mal in Istanbul, wo sie sich in ihrem Viertel Beyoglou wohl fühlt. Ende offen. Erdogan hat sie auf Wahlveranstaltungen erlebt, aber nie persönlich gesprochen. Er wird sie weiter beschäftigen. „Demnächst sind erst mal Parlamentswahlen. Mal schauen, was noch so auf mich zukommt.“

Cigdem Akyol (36) wuchs in einer alevitischen Familie in Herne-Mitte auf. Nach der Grundschule an der Schulstraße besuchte sie das Haranni-Gymnasium, wo sie 1997 Abitur machte.

Sie studierte Osteuropakunde und Völkerrecht in Köln. Eine Ausbildung an der Berliner Journalistenschule schloss sich an.

2006 begann Cigdem Akyol als Redakteurin bei der taz Berlin, zunächst im Inlands-, später im Gesellschaftsressort. Nach Aufenthalten im Nahen Osten, in Zentralafrika, China und Südostasien ging sie 2014 nach Istanbul.

Die Journalistin schreibt u.a. für den Standard, die Presse, die NZZ, Zeit online und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.