Bürgerprotest verhinderte Ehe zwischen Herne und Bochum

Stadtplaner Manfred Leyh (li.) bei der ersten Versammlung im Mai 1972. In der ersten Reihe mit Brille: Helge Kondring.
Stadtplaner Manfred Leyh (li.) bei der ersten Versammlung im Mai 1972. In der ersten Reihe mit Brille: Helge Kondring.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Eine breite Bürgerbewegung verhinderte 1972, dass Herne nach Bochum eingemeindet wurde. Initiator war der ehemalige WAZ-Redakteur Helge Kondring.

Herne..  Was die Landesregierung vorhatte, erfuhren Helge Kondring und Jürgen Rausch im Mai 1972 am Rande einer Versammlung ihres SPD-Ortsvereins Herne-Stamm: Herne sollte nach Bochum eingemeindet werden. Während die Mitteilung in der Gaststätte „Zum Ostbachtal“ an der Schillerstraße keine Wellen geschlagen hatte, regten sich der Redakteur und der Lehramtsanwärter auf: „Wir haben uns gesagt: Müssen wir uns das gefallen lassen“, erinnert sich Helge Kondring (73), damals gerade 30 Jahre alt und bei der Westfälischen Rundschau in Gelsenkirchen beschäftigt. „Wir fühlten uns mal wieder überfahren.“

An diesem Abend im Mai nahm eine Bürgerbewegung gegen die Eingemeindung Fahrt auf, die in kürzester Zeit in Herne einen Massenprotest entfachte. Mit einem Flugblatt („75 Jahre Stadt Herne. War das der letzte Geburtstag unserer Stadt?“), knallorange und flugs bei Otto Stratenhoff an der Bahnhofstraße gedruckt, luden Kondring und Rausch zur Versammlung in die Aula der Realschule an der Bismarckstraße ein. Neben den Initiatoren hatte politische Prominenz den Aufruf unterzeichnet, von der Bürgermeisterin Else Drenseck (SPD) bis zu den Landtagsabgeordneten Norbert Schlottmann (CDU) und Willi Pohlmann (SPD). Auch Manfred Leyh, der Leiter des Stadtplanungsamtes, unterschrieb, ebenso Ärzte, Lehrer und Studenten. Man fürchtete eine „Verödung in Wirtschaft, Kultur, Handel, Verkehr und bürgernaher Verwaltung“ und wollte sich nicht in die „Zwangsjacke“ eines „Mammutzentrums“ stecken lassen.

Mit 200 Teilnehmern war die Aula am 18. Mai zum Bersten voll. Am Ende der Veranstaltung wurde ein Zwölferkomitee gewählt, dem u.a. Hermann Berkenhoff (IG Metall), der Bauunternehmer Alfred Duwe, der Kaufmann Horst Hüls, Gerhard Ucka (CDU), der Grafiker Willi Zehrt und die Chefs der drei Herner Zeitungen angehörten, darunter WAZ-Lokalredaktionsleiter Michael Thiele. Jürgen Rausch war nach seinem Examen aus Herne weggezogen. Helge Kondring: „Ich habe ihn nie wieder gesehen.“

Die folgende Unterschriftenaktion war ein Selbstläufer. Aus 700 Unterstützern wurden schnell 2000, bis zu den Sommerferien sollten 30 000 zusammenkommen, so das Ziel. „An jeder Kasse lagen die Listen aus“, erinnert sich Helge Kondring. „Bei Sinn wie in der Heißmangel. Helmut Bettenhausen hatte das Logo entworfen.“ Samstags stand man vor Sinn und Karstadt, um weitere Unterzeichner zu gewinnen. WAZ, Westfälische Rundschau und Ruhrnachrichten unterstützten die Aktion. „Es gab keinen Gegenwind.“ 40 113 Unterschriften kamen bis zum 10. Juli 1972 gegen den Vorschlag der Staatssekretäre Heinrich Stakemeier und Friedrich Halstenberg zusammen. Kondring: „Die Leute hatten alle das dumme Gefühl, ein Vorort von Bochum zu werden.“

Vier Initiativen kämpfen gemeinsam

Nachdem die Landesregierung zunächst die Bewegung ignoriert und Innenminister Willi Weyer eine Einladung zu einer Podiumsdiskussion in Herne ausgeschlagen hatte, schlossen sich die Herner mit Initiativen in Wanne-Eickel, Wattenscheid und Castrop-Rauxel zusammen. Sie alle wehrten sich gegen eine Eingemeindung und favorisierten stattdessen Städteverbünde. Eine Alternative, die inzwischen auch in Düsseldorf diskutiert wurde, waren doch 150 000 Unterschriften in der Region zusammengekommen. „Die Gefahr der Eingemeindung scheint gebannt“, schrieb die WAZ am 21. September 1972. Zu einer letzten Versammlung im Juni 1973 erschienen nur noch 70 Teilnehmer. Der geplante Verein wurde nicht mehr gegründet. Nach 13 Monaten war Schluss. Helge Kondring: „Als wir Erfolg hatten, haben wir uns so spontan aufgelöst wie wir uns gegründet haben.“