Blick in die Anfangszeit von Hernes erster Szenekneipe

Was wir bereits wissen
Am 5. November 1977 öffnete die Mutter aller Herner Szenekneipen: die „Sonne“. Jetzt muss sie umziehen. Mitbegründer Uwe Knüpfer erinnert sich.

Herne.. Es ging nicht ums Bier. Nicht einmal um die später legendäre Altbierbowle. Es ging uns um Hernes politische Kultur.

Wir saßen bei den Jusos zusammen, ein bisschen frustriert. Warum gab es in Herne keinen Ort, wo junge Leute in cooler Atmosphäre diskutieren, aber auch mal klönen und lachen konnten? Wo auf unangestrengte Weise Politik und Musik und Literatur und das Leben an sich zusammenfänden? Man müsste eine Kulturkneipe gründen! Ok, gute Idee, aber: wer würde mitmachen? Vier zeigten auf. Willy, Hotte, Bernd – der von den Falken kam – und ich.

Simons Garten, früher mal ein beliebtes Ausflugslokal an der Stadtgrenze zu Bochum, war seit dem Bau der A 43 heruntergekommen. Der letzte Pächter hatte vor kurzem die Brocken hingeworfen. Wir fanden heraus: Haus und Garten gehörten einem Gebrauchtwagenhändler aus Bochum, der dort abgewrackte Autos abstellte. Willy und ich suchten ihn auf und boten ihm an, die Kneipe zu pachten. Zu unserer Überraschung war er einverstanden.

In West-Berlin umgesehen

Wir machten uns kundig, was es denn überhaupt bedeutete, eine Gaststätte zu führen. Klar war: Wir brauchten eine Konzession. Einer musste sie beantragen. Bernd hatte einen Job, wir übrigen studierten. Eigentlich kam nur Hotte in Frage. So wurde er Wirt. Nebenerwerbswirt.

Lokales Jeder von uns vieren trieb 2000 Mark auf. Davon kauften wir Farbe und was man sonst so benötigt, um eine marode Kneipe zu renovieren und den Vorschriften der Reichstoilettenverordnung genüge zu tun. (Im Ernst: wir lernten, die war immer noch gültig.) In West-Berlin – wo sonst – sahen wir uns um, was eine coole Kneipe ausmachte: Gelbes Licht, Kerzen, viele Plakate. Hottes Bruder war Grafiker und entwarf ein Emblem: Die Sonne.

Auf den Namen hatten wir uns bei einem längeren, weinhaltigen Brainstorming geeinigt. Positiv sollte der Name klingen und leicht zu memorieren sein. Den Ausschlag gab wohl, dass wir alle die Zeile singen konnten: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!“ Auch wenn „Freiheit“ dabei manchmal klang wie „Freizeit“.

8000 Mark und viel Arbeit investiert

Wir gründeten einen Trägerverein - den kulturbeutel herne e.V. -, wir hämmerten, malten, dekorierten und fieberten dem Eröffnungstermin entgegen. Wir machten das Datum über unsere sozialen Netzwerke bekannt - also durch Mundpropaganda und eine Meldung in Hernes Zeitungen. Das Internet war ja noch Lichtjahre entfernt. Würde überhaupt jemand kommen, außer Freunden und Verwandten? Oder hatten wir unsere Zeit vertan, 8000 Mark in den Sand gesetzt und Verträge mit Verpächter und Brauerei am Hals? Plus den Spott aller, die uns gewarnt hatten, vor dieser Schnapsidee.

Die Kneipe war zum Bersten gefüllt, am ersten Abend – und an vielen weiteren danach. Herne hatte endlich einen Ort, wo Solidarität mit Nicaragua gezeigt werden konnte, wo Demos gegen Atomkraft und Atomraketen organisiert wurden, einen Ort, der zur Adresse wurde für Bands auf Tournee, auch für Schriftsteller und Dichter. Günter Wallraff kam, Bernt Engelmann, Erich Fried - er übernachtete in unserer WG, auf meinem knallbunten Sofa - , Cochise aus Dortmund, die 3 Tornados aus Berlin, Alex Türk Rock – und nicht zuletzt, dank Hottes gälischen Neigungen, nahezu jede irische Gruppe, die durch Deutschland tourte.

Sogar aus Bochum fanden Gäste nach Herne, zur Sonne. Bier wurde dann natürlich auch noch getrunken.