Bewährtes, leicht variiert
11.04.2010 | 18:01 Uhr 2010-04-11T18:01:00+0200
Herne. Schon nach wenigen Augenblicken war klar, wem die Zuschauer-Herzen zufliegen würden: Tobias Weichert alias Jens Schippanowsky kam die Treppe hinunter, verschlafen, mit zotteligem Haar und erntete die ersten Lacher, noch bevor er irgendetwas gesagt hatte.
Der Jung-Darsteller sollte das Publikum an diesem Abend ein ums andere Mal verzücken: Das neue Stück des Theaters Fidele Horst ist richtig klasse.
„Familie Schippanowsky“ stammt aus der Feder des inzwischen in Hamburg wirkenden Schauspielers und Autors Jürgen Uter und wurde 1984 in Dortmund uraufgeführt. Die Ausgangssituation ist nicht neu und schnell erzählt. Es geht um eine Wanne-Eickeler Familie, die sich das Leben selbst schwer macht: Der 17-jährige Jens hat’s endlich getan, mit Disco-Bekanntschaft Steffanie (Kirstin Eisner). Vater Alfons (Jürgen Felderhoff) und Mutter Martha (Heidi Kusiak) kriegen’s spitz und verlangen die umgehende Verlobung. Außerdem treten auf: Die nervige Nachbarin (Marion Drusdaties), Jens’ Schwester (Claudia Terkowski), ihr Mann (Andreas Mensing), Steffanies Eltern (Conny Felderhoff, Bernd Volmer) sowie jede Menge komische Verstrickungen, denn jeder Charakter hat so seine Geheimnisse.
Fidele Horst hat den bewährten Stoff kreativ in Szene gesetzt. Die Geschichte haben sie in die 70er verlegt, das bringt zwei Vorteile. Marthas Forderung nach „Moral“ wirkt verständlicher, und Zeitgenössisches wie Jens’ Mode oder eingespielte Elton-John-Musik wirkt wie ein Katapult in die Vergangenheit. Das klassische Guckkasten-Prinzip - die für (Laien)-Theater übliche Beschränkung auf ein Bühnenbild - wurde erweitert, indem die Macher vor jedem Akt einen kurzen Film auf eine Leinwand projizierten, der Szenen außerhalb des Schippanowsky’schen Wohnzimmers zeigte. Und natürlich kam es den Schauspielern zugute, dass quasi jede Rolle auf schrullig-skurril angelegt war. Die neugierige Nachbarin ebenso wie der angeschickerte Vater oder seine Frau, die einen ganz eigenen Lebensentwurf verfolgt: „Ob ich glücklich bin? Zurechtkommen musse!“
Die große Entdeckung dieses Stücks ist jedoch Tobias Weichert. Der sah mit seiner Matte, seinen Röhrenjeans und den grellen Sweatshirts aus wie Export aus der Ära Willy Brandt. Das Publikum sah Weichert das erste, aber hoffentlich nicht das letzte Mal in einer größeren Rolle. Denn er konnte so herrlich „angekotzt“ und genervt gucken, wie es eben nur Jungs in der Pubertät vermögen.
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