Bereitschaftspflegeltern in Herne dringend gesucht

Der Abschied, der tut den Pflegeltern meist in der Seele weh. Doch im besten Fall können die Kinder zurück zu ihren Eltern zurück.
Der Abschied, der tut den Pflegeltern meist in der Seele weh. Doch im besten Fall können die Kinder zurück zu ihren Eltern zurück.
Foto: FUNKE Foto Services / Olaf Ziegler
Was wir bereits wissen
Bereitschaftspflegeeltern springen dann ein, wenn Kinder in ihrer eigenen Familie nicht mehr sicher sind. Ohne sie kämen die Kleinen in ein Heim.

Herne.. Seine Haare wehen im Wind, ein kleiner blonder Junge am Strand. Er blickt glücklich. Ein Mädchen mit blonden Locken, sie lacht. Ein Kind mit Kappe spielt auf einer Wiese, die Augen leuchten. 36 Fotos von Jungen und Mädchen hängen eingerahmt an der Wand im Flur dieser Familie – alle haben sie in dem hübschen Haus gewohnt. Anonym möchte die Pflegemutter bleiben, zu riskant wäre es, wenn die leiblichen Eltern nach ihren Kindern suchen würden. Familie Schulz (Name geändert) geht einen so besonderen wie mutigen Weg. Sie widmet sich der Bereitschaftspflege, seit zehn Jahren.

Leiblichen Eltern sind oft überfordert

„Nicht selten werden die Kinder nachts von der Polizei gebracht“, weiß Bettina Schulz aus Erfahrung: verwahrlost, missbraucht, misshandelt. „Vielen Eltern fehlt einfach die Übersicht. Sie unterschätzen die Verantwortung“, weiß die 42-jährige Mutter zweier leiblichen Kinder. Nicht alle, die zu ihr kommen, stammen aus sozial schwachen Familien. „Das ist kein Armutsproblem“, betont sie. „Bei Reichen wird es meist nur länger gedeckt.“ Ein Problem jedoch wiederholt sich leider: „Häufig sind Alkohol und Drogen im Spiel.“ Da gibt es Eltern, die schütten Wodka in die Babymilchflasche, „um das Kind ruhig zu stellen“, Mütter, die ihrem eigenen Kind nichts zu essen geben. Aber auch jene, die einfach zu jung für das Mutterdasein sind, Alleinerziehende, die sich der Situation nicht gewachsen fühlen. Sobald das Gericht entscheidet, dass das Kind nicht mehr in den heimischen vier Wänden bleiben soll, muss für unbestimmte Zeit eine Ersatzfamilie her. „Es brennt an allen Ecken und Enden“, weiß die Mutter. Dringend wird nach Bereitschafts- und Dauerpflegeeltern gesucht.

Der Abschied tut weh

„Natürlich ist es immer wieder eine emotionale Achterbahnfahrt, wenn man sich am Ende vom Kind wieder verabschieden muss“, gesteht Bettina Schulz. Sie alle sind ihr ans Herz gewachsen. „Bei uns lernen sie doch, wie eine echte Familie funktioniert“, sagt sie mit Blick auf die Bilder. „Wenn wir diesen Job nicht machen würden, kämen die Kinder solange in ein Waisenhaus.“ Solange bedeutet: Bis die Justiz klärt, was mit den Kindern passiert. „Manche können auch später zurück zu ihren leiblichen Eltern, nicht alle Mütter und Väter sind böse“, sagt Bettina Schulz.

Glücklicherweise gibt es auch Eltern, zu denen sie im Nachhinein Kontakt aufgebaut hat. Mütter und Väter, die ihr und ihrer Familie unendlich dankbar sind. Denn Bettina Schulz betont: „Ohne meine Familie könnte ich diese Aufgabe nicht machen. Wir sind ein Team.“

Kinder bleiben unterschiedlich lang

Zwischen fünf Tagen und 17 Monaten beherbergte sie bislang ihre kleinen Gäste. Ein liebevoll eingerichtetes Kinderzimmer mit Babybetten, Spielzeug und allem, was das Kinderherz begehrt, hat sie immer frei, in der oberen Etage des Hauses. Derzeit aber ist das Zimmer belegt, mal wieder. „Meine Mäuse sind zwei und drei Jahre alt.“ Was genau danach passiert, daran mag sie noch gar nicht denken. „Sie bringen so viel Leben ins Haus.“ Die nächsten Bilderrahmen, die hat sie jedenfalls noch nicht gekauft.

Fakten zu Pflegekindern in Herne

  • „In Herne leben 204 Kinder in Pflege“, weiß Anette Nitschmann-Mares, Teamleiterin des Pflegekinderdienstes und der Adoptionsvermittlung.
  • „Die Eltern werden vorab in VHS-Kursen für diese Aufgabe vorbereitet“, betont sie. Zusätzlich erfolgt ein persönliches Gespräch mit dem Jugendamt.
  • Sieben Bereitschaftspflegeeltern arbeiten mit einem Vertrag. Dieser regelt, in anderer Form als bei Adoption, die Aufgabengestaltung, die Bezahlung sowie weitere Formalitäten.