„Aus jedem Rückzug wurde ein Sieg gemacht“
10.02.2012 | 18:58 Uhr 2012-02-10T18:58:00+0100Herne. Ernst Lingnau schreibt seine Sicht auf den Krieg, auf seinen Glauben und auf die Nazi-Diktatur
Man hat mich oft gefragt, ob ich gerne Soldat gewesen bin. Diese Frage habe ich immer mit „Nein“ beantwortet. Ich bin mit 20 Jahren durch den Diktator Adolf Hitler gezwungen worden, Soldat zu werden. Im Reichsarbeitsdienst habe ich schon gemerkt und auch bei Freunden offen ausgesprochen: „Wenn ich Soldat werde, gibt es Krieg.“ Die Ausbildung an der Waffe im Reichsarbeitsdienst und der Einmarsch in Österreich und viele andere Dinge zeigten den Weg dorthin.
Durch ein religiöses Elternhaus und die Katholische Jugendbewegung bin ich zu einem praktizierenden Katholiken herangewachsen. In unserer Familie gab es kein „Heil Hitler“. Nach der Machtübernahme durch die Nazis (1933) wurden alle katholischen Vereine und Verbände aufgelöst. Unsere Fahnen, Banner, Liederbücher, Landknechtstrommeln, Turngeräte usw. wurden beschlagnahmt. Die katholische Kirche wurde in ihrem Wirken sehr eingeengt. Die Fronleichnamsprozessionen wurden verboten. Die Geistlichkeit und Ordensleute, die unbequem wurden, kamen ins KZ oder man machte ihnen einen Prozess und verklagte sie im Schnellverfahren wegen Vergehen im Sinne des Paragraphen 175. Durch diese Geschehnisse wuchs in mir der Hass gegen die Nazis immer mehr. [...]
Mit meiner Funkstation konnte ich fast alle Sender der Welt empfangen und war immer bestens orientiert. In den beiden letzten Kriegsjahren wurden unsere OKW-Berichte (OKW=Oberkommando der Wehrmacht) vom Propagandaministerium immer mehr verfälscht. Aus jedem Rückzug wurde ein Sieg gemacht.
Zur Entspannung hörte ich oft Radio Vatikan. Ich konnte die Heilige Messe mitfeiern, der Gesang der Mönche oder Ordensfrauen war einmalig schön. Habe als Soldat, wo immer sich Gelegenheit bot, am Gottesdienst teilgenommen und auch oft ministriert.
[...] Nach dem Hitler-Attentat am 20. Juli 1944, wir lagen in Dorpat/Estland, kam der Tagesbefehl: „Die Deutsche Wehrmacht hat ab sofort mit dem Deutschen Gruß zu grüßen.“ Mein Chef sagte mir wörtlich: „Ernst, jetzt, da bei uns der BDM-Gruß (BDM= Bund Deutscher Mädchen) Pflicht geworden ist, glaube ich auch nicht an den Endsieg.“ Nun hatte ich einen stillen Verbündeten, unter vier Augen duzten wir uns.
[...] Meine Gefangennahme am 10. Juni 1945 [...] war gegen das Völkerrecht. Ich war in Zivil und der Krieg war seit vier Wochen beendet. Diktatoren kümmern sich nicht um Völkerrecht. Die Diktatoren in Rußland und im gesamten Ostblock haben vom Diktator Hitler alles übernommen, selbst den preußischen Paradeschritt.
Auf die Frage, wie ich fünf Jahre Krieg und viereinhalb Jahre russische Kriegsgefangenschaft gesund überlebt habe, gibt es nur eine Antwort: Gottvertrauen, mein Gebet und das Gebet meiner Angehörigen in der Heimat. [...]
Mit 20 Jahren bin ich Soldat geworden und habe erst mir 32 Jahren wieder ein normales Leben führen dürfen. Man sollte ein Buch darüber schreiben. Ernst Lingnau
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