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Auf zwei Stühlen

25.07.2008 | 19:16 Uhr

Münever Atik-Atalay (33) ist die erste Herner Stadtverordnete mit türkischen Wurzeln. Engagement für Migranten ist der SPD-Frau ein wichtiges, aber nicht das einzige Anliegen. "Ich bin Wannerin"

Eigentlich hatte sich Münever Atik-Atalay für eine Weile aus dem politischen Geschehen abgemeldet. Im September war ihr Sohn Cem geboren, das erste Kind, für das sie sich Zeit nehmen wollte. Doch dann zog Petra Lietzau aus Herne fort und die Nummer 17 auf der SPD-Reserveliste rückte nach. Münever Atik-Atalay (33) war im November 2007 plötzlich die erste Stadtverordnete mit türkischem Migrationshintergrund.

Als der Anruf der SPD sie erreichte, bat die 33-Jährige überrascht um eine Bedenkzeit. "Meine erste Sorge galt dem Kleinen." Sie rief den Mann an und die Mutter, "beide gaben mir grünes Licht". Und so stand die Entscheidung in einer halben Stunde, schließlich hatte die junge Frau, die 1994 als Studentin in die SPD eingetreten war, "nicht aus Jux und Dollerei" für den Rat kandidiert. "Das war schon ein Ziel von mir".

Ein Ziel, seit ihr in der Mittelstufe an der Gesamtschule Wanne bewusst geworden war: "Ich möchte etwas zu sagen haben." Dass Migranten nicht mitzureden hatten, regte sie auf. "Ich wollte mitlenken und mich auch für meine Landsleute einsetzen." Intensiver "politisch zu denken" begann Münever Atik-Atalay dann in ihrer Zeit bei der Arbeiterwohlfahrt, in der sie nach dem Lehrer-Staatsexamen als Sozialberaterin viel mit Migranten zu tun hatte. "Wenn ich etwas bewegen will, muss ich erst mal in den Integrationsrat", sei ihr damals klar geworden. "Der Stadtrat war da noch ganz weit weg."

Und so machte sich das Mitglied des Ortsvereins Baukau-West auf den Weg. Sie kannte inzwischen eine Menge Leute aus Institutionen und der Stadtverwaltung, Migranten sprachen sie an, der Ortsverein stand hinter hier. Sie stellte sich dem Parteitag vor - und wurde 2004 beim ersten Anlauf als Kandidatin für den Rat vorgeschlagen. Für sie selbst nicht wirklich überraschend: "Ich bin Optimistin. Ich hatte das gehofft." Ein Erfolg, den ihr keiner neidete. "Im Gegenteil. Ich hatte eher das Gefühl, dass unser Ortsverein die Problematik erkannt hatte und das ganz toll fand."

Eine Problematik, die für sie eigentlich nie eine war. In Wanne geboren als jüngste von fünf Geschwistern, sprach Münever die ersten 16 Jahre lang nur deutsch. "Meine Mama hat türkisch gesprochen, ich habe deutsch geantwortet." Das änderte sich, als der Bruder seine Frau aus der Türkei mitbrachte, die den Ehrgeiz entwickelte, ihr korrektes Türkisch beizubringen. "Sie hat mir Nüsse unter die Zunge gepackt, weil ich das türkische R nicht rollen konnte."

In der Oberstufe hatte sie die ersten türkischen Freunde. Denn darauf hatte der Vater geachtet, der 1967 aus einem kleinen Dorf in Anatolien auswanderte: Seine Tochter durfte nicht mit türkischen Kindern spielen, erzählt Münever Atik-Atalay. "Weil er früh erkannt hat, dass Sprache wichtig ist, wenn ein Kind schulische Leistungen bringen soll."

Auch sie, jetzt selbst Mutter, hält Bildung für das A und O. Noch mehr Sprachförderung wünscht sie sich als Politikerin, für Kinder und Mütter. Ihr Sohn Cem wird sie nicht brauchen, sein Vater spricht türkisch mit ihm, die Mutter deutsch. Wie wichtig ein guter Schulabschluss ist, habe sich noch nicht in allen Migrantenfamilien herumgesprochen, fürchtet die Politikerin. Auch in Betrieben sieht sie Aufklärungsbedarf: "Einige scheuen sich Migrantenkinder zu nehmen, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben." Doch um der Chancen der Kinder willen wegziehen ins Münsterland, wo weniger Migranten wohnen? Münever Atik-Atalay kennt Beispiele, doch für sie wäre das nichts: "Ich bin und bleibe Wannerin." Deutsche ist sie sowieso. Daran hat auch die türkische Hochzeit mit 1200 Gästen nichts geändert. "Mit der türkischen Staatsangehörigkeit wäre ich nicht weit gekommen", glaubt sie. Aber zwischen den Stühlen, wie es so oft heißt, hat sie nie gesessen. "Ich hab mir die Stühle schön zusammen geschoben", sagt sie lächelnd. "Jetzt sitze ich mit jeder Pohälfte auf einer Seite."

Von Ute Eickenbusch

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